Deutscher Herbst "Ich möchte, dass die Täter sprechen"Seite 2/2

Was ich teile mit der Generation der heute so viel gescholtenen 68er ist die Überzeugung, dass es nach Auschwitz eine besondere Verantwortung gab und gibt, Krieg und Völkermord mit deutscher Beteiligung zu verhindern. Der Vietnamkrieg stellte in dieser Hinsicht sicherlich eine große Herausforderung dar für die Zeitgenossen, weil sie sich fragen mussten, wie sie darauf reagieren sollten. Aber eine Frage nachvollziehen zu können, heißt eben nicht, die Antwort darauf gutzuheißen.

In dem Moment, in dem ich Ihnen diese Antwort gebe, holt sie mich schon ein: die Furcht, missverstanden zu werden. Ich ahne, wie ein Verständnis für das moralische Unbehagen, das viele in der Generation der 68er empfunden haben, umgedeutet wird in eine Rechtfertigung der Gewalt. Das sind diese schnellen Verkürzungen im Denken, die jede Differenzierung und jeden Zweifel verunmöglichen. Aber Behutsamkeit und Zweifel scheinen mir die besten Waffen gegen den Terrorismus.

ZEIT online:
Welche Relevanz hat ein "Nachdenken über die RAF" heute, 30 Jahre nach dem Deutschen Herbst?

Emcke: Nun, erstens, bleibt es relevant und auch aktuell, weil fünf Morde der RAF bis heute noch ungeklärt sind. Die Geschichte der RAF ist kein abgeschlossenes historisches Kapitel. Zweitens, weil die Gesellschaft immer noch so emotional darauf reagiert. Wir haben das Thema RAF noch nicht verwunden, auch wenn wir es gerne so darstellen als ob.

Und drittens, und das ist vielleicht das Wichtigste, leben wir heute wieder in einer Zeit, in der wir uns mit einer terroristischen Bedrohung konfrontiert sehen und uns wieder die Frage stellen müssen, wie wir darauf reagieren. In welcher Weise schaffen wir als Gemeinschaft eine Balance zwischen Schutz und Freiheit? Inwiefern verändern wir uns so sehr unter dem Eindruck des Terrors, dass wir genau zu dem Zerrbild werden, das die Terroristen sich von uns machen? Wir behaupten, wir unterschieden uns von den islamistischen Terroristen dadurch, dass wir den Wert der Freiheit schätzten, dass wir Demokratie und Menschenrechte achteten, dass wir Aufklärung und Toleranz verkörperten. Aber wir müssen uns auch fragen, inwieweit wir bei der Verteidigung all dieser Werte, genau diese Werte mehr und mehr aushöhlen und unterwandern.

Die Fragen stellte Carolin Ströbele .

Carolin Emcke, geboren 1967, studierte Philosophie, Politik und Geschichte in London, Frankfurt am Main und Harvard. Von 1998 bis 2006 war sie Redakteurin beim "Spiegel" und als Auslandsredakteurin in vielen Krisengebieten unterwegs. Als Gastdozentin an der Yale University hielt Emcke Seminare über "Theorien der Gewalt" und "Zeugenschaft von Kriegsverbrechen". Seit 2007 arbeitet sie als freie internationale Reporterin, unter anderem für das ZEITmagazin. Ihr Buch "Stumme Gewalt - Nachdenken über die RAF" ist im S. Fischer Verlag erschienen.

Für ihren Beitrag "Stumme Gewalt" im ZEITmagazin vom 6.9.2007 wurde Emcke mit dem Journalisten-Preis der Deutschen Zeitungen, dem Theodor-Wolff-Preis, in der Kategorie "Kommentar / Glosse / Essay" ausgezeichnet. Die Preisverleihung findet am 10. September 2008 in Köln statt.

 
Leser-Kommentare
  1. Carolin Emckes Buch habe ich noch nicht gelesen, aber ihre klugen Äußerungen in diesem Interview machen mir Lust auf die Lektüre. So sagt sie zur Debatte über die Freilassung von Brigitte Mohnhaupt und die Begnadigung von Christian Klar:
     
    "Es war vor allem die Art und Weise, wie darüber gesprochen und geschrieben wurde, mit welcher Aufgeregtheit und welcher Verachtung. Es schien, als sei die Zeit stehen geblieben. Als seien diese Menschen nicht bestraft worden, als wären sie noch immer eine Bedrohung für unser Gemeinwesen. Die öffentliche Debatte klang ebenso hysterisch und hasserfüllt wie in den siebziger Jahren."

    "Es schien, als sei die Zeit stehen geblieben" - aber sie ist doch nicht stehen geblieben! Wie vieles hat sich seit dem Deutschen Herbst verändert! Der Kapitalismus hat auf der ganzen Linie über den Kommunismus gesiegt. Das sozialistische Lager ist zusammengebrochen, Deutschland wiedervereinigt, die Bundeswehr hat sich die NVA einverleibt, die RAF hat 1992 auf tödliche Anschläge verzichtet, was der Auftakt zu ihrer Auflösung 1998 war, als sie ihren bewaffneten Kampf für gescheitert erklärte. Die west- und USA-orientierten Bundesbürger müssten sich doch als Sieger fühlen, denn sie sind die Sieger. Aber Sieger sind souverän, und das waren sie nicht, sie führten sich auf, als seien Mohnhaupt und Klar immer noch gefährliche Dämonen, die man nicht freilassen darf, Sieger verhalten sich anders! Die RAF ist bis heute ein unbewältigtes deutsches Trauma. Eine psychoanalytische Deutung ist gefragt.

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