Nach 60 Jahren staatlicher Unabhängigkeit und 120 Jahren Zionismus wird den Juden in Israel endlich bewusst, was sie jahrzehntelang intuitiv getan haben - sich darauf zu konzentrieren, was in der Abwesenheit von Frieden zu tun ist, anstatt das schwer fassbare Ziel weiterzuverfolgen, ihre arabischen Nachbarn von der Existenzberechtigung eines jüdischen Nationalstaates zu überzeugen.

In den ersten Jahrzehnten der zionistischen Bewegung versuchten die meisten Juden, sich selbst davon zu überzeugen, dass die Araber schon erkennen würden, welchen Nutzen sie aus einer Zusammenarbeit mit den jüdischen Nachbarn ziehen könnten - geringere Kindersterblichkeit, spürbare Verbesserung von Gesundheit und Lebenserwartung, sprunghafte Entwicklung der landwirtschaftlichen Produktivität. Nur einige erfahrene Realisten warnten, dass die Araber all das zurückweisen und auf Alleinherrschaft bestehen würden, statt das Land mit den selbsternannten jüdischen Wohltätern zu teilen.

Als das palästinensische Volk in den zwanziger Jahren in Erscheinung trat, sollte sich die politische Strategie, die dessen Nationalbewegung annahm, als noch viel feindseliger herausstellen, als die düsteren Warnungen vermuten ließen. Die Palästinenser lehnten nicht nur jeden Kompromiss oder jegliche Kooperation ab, sondern ihre Nationalbewegung war entschlossen, die kollektive jüdische Präsenz in Palästina auszulöschen. Auch wenn dadurch die Aussicht auf einen eigenen palästinensischen Staat zunichte wurde. Ihr Führer, Hajj Amin al-Husseini, der Großmufti von Jerusalem, schlug sich auf die Seite Hitlers, als sich die Niederlage der Nazis schon abzeichnete; ihre nationale Führung und ihre Elite lehnten den UN-Teilungsplan von 1947 ab, selbst wenn dies den Verzicht ihrer Unabhängigkeit bedeutete.

Die Gründung des Staates Israel zwang die arabischen Staaten zur Solidarität mit dieser radikalen palästinensischen Strategie, den jüdischen Staat vernichten zu wollen. Und so beschlossen sie, Krieg zu führen. Nach der Niederschlagung des arabischen Angriffs 1948 reagierten die Juden Israels auf die Ablehnung ihrer Existenz mit romantischen Hoffnungen, in ferner Zukunft regionale Harmonie erreichen zu können. Sie haben sich selbst davon überzeugt, dass jene arabische Vernichtungspolitik nur die Obsession einiger "extremistischer" Führer sein muss, die nicht die "wahren" Wünsche ihrer friedliebenden Völker repräsentierten.

Zwar erkannten diese jüdischen Optimisten, dass die arabische Aggressionspolitik von ignoranten, religiösen Fanatikern und reaktionären Großgrundbesitzern unterstützt wurde, die "von innenpolitischen Problemen ablenken" wollten, aber sie waren doch überzeugt, dass die Araber - einmal entwickelt, säkularisiert, realistisch und fortschrittlich - zwangsläufig Frieden mit Israel schließen würden.

Schon in den ersten Jahrzehnten nach der Gründung Israels gab es gute Gründe, diese naiven Annahmen infrage zu stellen. Bald zeigte sich nämlich, dass gebildete Araber noch feindseliger und antisemitischer waren als die ungebildeten Massen, säkulare Mitglieder der Baath-Partei ebenso radikal waren wie muslimische Kleriker, und "fortschrittliche" sozialistische Politiker noch lauter nach der Vernichtung Israels riefen als die Landbesitzer der vorherigen Generation.

Der Sechstagekrieg führte zu einer neuen Welle von übertriebenem Optimismus hinsichtlich der arabischen Akzeptanz eines jüdischen Staates. Die meisten Israelis waren davon überzeugt, mit ihrer überwältigenden militärischen Schlagkraft und ihrer Bereitschaft, bedeutende territoriale Zugeständnisse im Tausch gegen Frieden zu machen, die Araber nachhaltig beeindrucken zu können. Die Friedensverträge mit Ägypten (1979) und Jordanien (1994), die direkten Friedensgespräche mit Syrien (2000) und der vielversprechende Beginn des Oslo-Prozesses mit den Palästinensern (1993-95), schienen diese Hoffnungen zu rechtfertigen. Erst in den vergangenen zehn Jahren sind sich die Israelis der düsteren regionalen Realität bewusst geworden, die sie mehr als ein Jahrhundert lang lieber verdrängt hatten.

Die Juden haben begriffen, dass die arabische Welt nach wie vor entschlossen ist, die Legitimität eines jüdischen Nationalstaats zu bestreiten, trotz aller Zugeständnisse, die Israel gemacht hat und auch weiterhin machen wird. Das Bild ist keineswegs monolithisch. Ägypten und Jordanien haben einen gut funktionierenden Friedensvertrag mit Israel. Ägypten verzichtet seit dreieinhalb Jahrzehnten auf militärische Aktionen, die Sinai-Halbinsel ist demilitarisiert. Das haschemitische Regime in Jordanien würde über die formalen Vereinbarungen des Friedensvertrags noch weit hinausgehen und wäre bereit, Israel vorbehaltlos anzuerkennen. Andere arabische Staaten - Marokko und einige Golfstaaten - unterhalten gute inoffizielle Beziehungen mit Israel.

Sobald es jedoch um die Existenzberechtigung des jüdischen Staates geht, sieht es allerdings sehr entmutigend aus. In Ägypten äußern sich die Eliten nicht nur israelfeindlich, sondern oft auch unverhohlen antisemitisch in der schlimmsten europäischen Tradition der dreißiger und vierziger Jahre. Das haschemitische Regime in Jordanien kann, aus Angst vor den radikalen Kräften im Land, nicht öffentlich als strategischer Partner Israels auftreten. Die Beziehungen zu anderen arabischen Staaten sind ständige Geiseln der Radikalen und können sich auf einer praktischen Ebene nur dann entwickeln, wenn die Regime, zur Beschwichtigung der Öffentlichkeit, die Existenzberechtigung des jüdischen Staates öffentlich ablehnen. Bei den radikalen Regimen stellt sich die Frage nach der Legitimität gar nicht erst. Syrien kann sich angesichts der militärischen Stärke Israels einen Krieg nicht leisten, hat aber weiterhin das Ziel, zusammen mit Iran, Hisbollah und Hamas, Israel zu vernichten.

Die arabische "Friedensinitiative" verspricht Frieden und Normalisierung im Tausch gegen einen Rückzug aus den besetzen Gebieten, besteht aber auch, von den westlichen Medien meist übersehen, auf dem "Rückkehrrecht" für palästinensische Flüchtlinge, durch das Israel in einen arabischen Staat verwandelt würde. Für die Juden ist diese Forderung nach einem demografischen nationalen Suizid nur eine etwas höflichere Version des Rufs nach seiner Zerstörung.

Am vehementesten, kaum überraschend, wird die Existenzberechtigung des jüdischen Staats von den Palästinensern bestritten. Unter ihnen besteht ein umfassender nationaler Konsens - von den antisemitischen Hamas-Terroristen in Gaza, die auf die "Protokolle der Weisen von Zion" verweisen, bis hin zu den eloquenten palästinensischen Abgeordneten des israelischen Parlaments und den arabischen Eliten in Israel. Dieser Konsens besagt, dass der jüdische Staat an sich keine Existenzberechtigung hat, dass Israel das Produkt westlichen Kolonialismus mit Nazicharakteristiken ist, und für patriotische Palästinenser nur ein Mechanismus akzeptabel ist, der (demografisch oder anderweitig) zur Auslöschung des jüdischen Staates führt.

Diese Nichtanerkennung seiner Legitimität ist eine große Herausforderung für Israel. Wenn die Araber gänzlich das Existenzrecht Israels bestreiten und - unabhängig von der konkreten politischen Praxis in Israel - alles auslöschen wollen, was den Juden teuer ist, wenn diese Haltung auch für diejenigen gilt, mit denen Israel einen Friedensvertrag geschlossen hat, und sogar für die arabische Elite in Israel, dann müssen sich die Juden langfristig auf eine Realität von Konflikt und existenziellen Bedrohungen einstellen, einschließlich Krieg und allgegenwärtigem Terrorismus. Das ist eine düstere Aussicht für ein Volk, das einmal gehofft hatte, seinen Platz in einem friedlichen Nahen Osten zu finden, und bereit war, erhebliche Konzessionen zu machen, seine heiligsten Stätten eingeschlossen, um zu einer Verwirklichung dieser Hoffnung beizutragen.

Abgehärtet durch den mehr als ein Jahrhundert andauernden Konflikt, konnten sich die Israelis nicht mehr den Luxus leisten, diese bittere Realität zu beklagen, ohne eine praktikable Antwort zu formulieren. Als um die Jahrtausendwende klar wurde, dass die Araber weiterhin nicht bereit waren, den jüdischen Staat anzuerkennen, entwickelten die meisten israelischen Juden schließlich ganz bewusst eine klare Position, die dem entspricht, was sie seit Jahrzehnten ohnehin praktiziert haben.

Das ganze 20. Jahrhundert hindurch hatten die Juden eine gespaltene, beinahe schizophrene Einstellung hinsichtlich eines Friedens mit den Arabern. Die meisten waren überzeugt, dass die Araber, beeindruckt von jüdischer Stärke, Leistung, Modernität und Zielstrebigkeit (oder auch jüdischer Großzügigkeit und Flexibilität), das Projekt der jüdischen Nation letztlich akzeptieren würden. Da diese Erwartungen sich aber nicht erfüllten, machten die Juden deutliche Abstriche und begannen, sich politisch und im privaten Alltag deutlich umzuorientieren.

Statt auf dauerhaften Frieden, Harmonie und Akzeptanz, setzen die Juden nunmehr auf zeitweilige (mitunter länger anhaltende) Abschreckung. Statt eine offenbar aussichtslose Konfliktlösung zu betreiben, mussten sie stattdessen mit Konfliktmanagement zurechtkommen. Dieser bescheidenere Ansatz prägte ihre alltägliche Praxis im 20. Jahrhundert, obwohl sie ideologisch noch der Suche nach Frieden und Verständigung verpflichtet waren. Durch Abschreckung konnten Krieg mit Ägypten und Syrien verhindert werden, obwohl der konzeptionelle Kontext dem entgegenzustehen schien. Die israelische Militärstrategie gegenüber den Palästinensern während des Osloer Friedensprozesses, aber auch schon vorher und nach seinem Scheitern, brachte dem einzelnen Israeli Sicherheit. Und sie ist noch immer das einzig wirksame Instrument gegenüber der "extremen" Hamas und den "gemäßigten" Fatah-Terroristen der Al-Aqsa-Märtyrer-Brigaden.

Das Neue in den letzten Jahren ist nicht die Praxis, sondern die Erkenntnis der israelischen politischen Mitte, dass der ideologische und konzeptionelle Rahmen für Frieden und Akzeptanz eines jüdischen Staates überholt ist, weil dies von den Arabern allgemein abgelehnt wird. Nach jüngsten Meinungsumfragen gibt es in Israel eine breite Unterstützung für Verhandlungen mit Arabern und Palästinensern sowie für umfangreiche Konzessionen. Auch solche, die Sicherheitsrisiken und die Aufgabe der heiligsten Stätte bedeuten. Gleichzeitig zeigen dieselben Umfragen, dass diejenigen, die für Verhandlungen und Zugeständnisse sind, nicht daran glauben, dass dies zu Frieden und Akzeptanz führt. Nach ihrer Überzeugung verfolgen die Araber, besonders die Palästinenser, weiterhin das Ziel der Zerstörung des jüdischen Staates, ungeachtet aller israelischen Gesten und Zugeständnisse.

Konzeptionell haben wir es hier mit einem bedeutsamen Paradigmenwechsel zu tun. Die Juden konzentrieren sich nicht mehr auf die Frage, wie Frieden zu erreichen ist - das erscheint ihnen als unrealistische Option -, sondern darauf, wie man bei fortwährender Abwesenheit von Frieden lebt. Sie haben sich darauf konzentriert, ihre eigene Nation und Gesellschaft aufzubauen, anstatt weiter darauf zu bestehen, ihre Version von nationaler Gerechtigkeit vor den Arabern zu legitimieren.

Dieser konstruktive Imperativ war immer schon das wichtigste Merkmal des zionistischen Projekts gewesen. In der Mandatszeit akzeptierte der jüdische Jischuw nicht nur den Verlust Transjordaniens, er verzichtete faktisch auf das alte biblische Land mit seiner arabischen Bevölkerung und errichtete stattdessen eine nationale Heimstätte in den dünner besiedelten oder nahezu unbewohnten Teilen Palästinas. In den späten 1940er Jahren war man bereit, einen Ministaat ohne Jerusalem zu akzeptieren; und nach dem Krieg, der auf die Invasion der arabischen Staaten folgte, widerstand Ben-Gurion der Versuchung, das gesamte historische jüdische Heimatland vom Jordan bis ans Mittelmeer zu "befreien", das Israel nach nur wenigen Kampftagen gehört hatte. Nach dem Sechstagekrieg akzeptierten die meisten Israelis (viele leider erst sehr spät) die Notwendigkeit, den größten Teil der Gebiete zu räumen, die sie im Interesse ihrer Selbstverteidigung 1967 besetzt hatten. Heute sind sie dazu bereit, nicht weil sie glauben, dass es ihnen Frieden bringt oder die Araber einen legitimen Anspruch darauf hätten. Ihre Bereitschaft ist nur im Kontext dieser zionistischen Aufbaunotwendigkeit zu verstehen.

Die meisten zionistischen Juden hatten erkannt, dass der Aufbau ihrer Nation und Gesellschaft Vorrang haben müsse vor territorialen Aspirationen, historischen und religiösen Bindungen, ja sogar vor Sicherheitserwägungen. Sie erkannten, dass eine offene und demokratische Gesellschaft und eine nachhaltige jüdische Mehrheit unabdingbar für eine dauerhafte gesicherte staatliche Existenz sind. Sie wussten, dass in einem größeren, strategisch gesicherteren Israel so viele Araber leben würden, dass sich die angestrebte jüdisch-demokratische Gesellschaft nicht verwirklichen ließe.

All die kreativen Energien eines kleinen, verfolgten und verstreuten Volkes flossen also in die Neuerschaffung eines modernen Gemeinwesens. Die alte, nahezu ausgestorbene Sprache wurde neu belebt, die historische Heimat wieder ins Bewusstsein gerufen. Die Menschen, die sich in Israel zusammenfanden, kamen aus völlig unterschiedlichen Gesellschaften und Kulturen, hatten kein demokratisches oder pluralistisches Erbe, das ihnen geholfen hätte, diese Unterschiede zu überbrücken. Die meisten kamen mittellos und waren kaum vorbereitet auf die Anforderungen in der neuen Heimat. Anfangs gab es keine funktionierenden sozialen oder politischen Strukturen, die sie aufgefangen hätten.

Die Juden gingen daran, aus dem Nichts eine Nation aufzubauen, eine offene Gesellschaft, ein demokratisches System, eine multiethnische Solidarität, eine blühende Wirtschaft, ein innovatives Bildungswesen und ein pulsierendes, pluralistisches kulturelles Leben. All das wurde erreicht, obwohl sie sich im Belagerungszustand befanden, ungeachtet existenzieller Bedrohungen und eines allgegenwärtigen Terrorismus und nicht selten begleitet von scheinheiliger westlicher Kritik. Sie taten dies unter den rauesten Umständen, während sie sich jahrzehntelang einredeten, dass dies ohne Frieden nicht möglich sei. Erst in der jüngsten Zeit hat die Masse der Juden wohl endgültig erkannt, dass die arabische Unversöhnlichkeit diese historischen Aufbauleistungen in sehr viel schwierigeren Zeiten nicht verhindert hat und weiteren Fortschritt auch in Zukunft nicht wirklich verhindern kann.

Längere historische Konflikte werden letztendlich auf dem innenpolitischen, nicht auf dem internationalen Schlachtfeld entschieden. Die Juden gewinnen, weil die Kosten des Konflikts sie nicht daran gehindert haben, ihr schöpferisches Potenzial in die eigene Gesellschaft zu lenken. Die Araber verlieren, die ihre nationalen Energien lieber auf den Kampf gegen den jüdischen Staat richten, statt sich den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu stellen. Falls sich die Juden fragen, ob ihre schmerzhaften Zugeständnisse im Rahmen ihres schwierigen Aufbauprojekts historisch gerechtfertigt waren, brauchen sie nur einen Blick auf das selbst verursachte Elend der Palästinenser zu werfen, die an ihrer Auffassung von "Gerechtigkeit" festhalten, in der Israel keinen legitimen Platz hat.

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork .