Rechte
Die neue rechtsradikale Mitte
Nach dem Linksruck der Konservativen in London jetzt die Charmeoffensive des Postfaschismus in Rom: Wird der Berlusconismus zum Modell?
Verwirrende, gegensätzliche Signale aus der europäischen Landschaft: In Großbritannien gewinnt der neue, betont menschenfreundliche Konservatismus die Kommunalwahlen, auch in London. In Spanien gewinnen die Mitte-Links-Sozialisten mit ihrem Mix aus linker Kultur- und konservativer Finanz- und Wirtschaftspolitik, die Konservativen behaupten sich noch am stärksten in Madrid. Und in Italien kommt soeben eine Rechtsregierung ans Ruder, von der ein besonnener Mann wie der Triestiner Schriftsteller Claudio Magris sagt: Das ist eine Tragödie der Mitte. Unterschiedliche Muster, gegensätzliche Modelle. Welches wird sich durchsetzen in einer Zeit, in der nationale Innenpolitik zunehmend europäisiert wird und die Wahlstrategen in den Hauptstädten genau analysieren, was beim Nachbarn passiert und ob sie es kopieren können?
Auf dem Markt der politischen Moden und Trends geht das stärkste Signal (Hallo, aufpassen!) von Italien aus, vom Wahlsieg der rechten Achse Berlusconi-Bossi-Fini. Die massiven Stimmenzuwächse der sozialchauvinistischen Lega Nord in Norditalien und der Erfolg eines Mitglieds der früheren Neofaschisten bei der Bürgermeisterwahl in Rom sandten Schockwellen weit über die Landesgrenzen hinaus. Wird Silvio Berlusconis Mix aus telegenem Unterhaltungspopulismus und bürgernaher Vorurteilspolitik zum Erfolgsrezept in einem Europa, das um seinen Wohlstand und seine innere Sicherheit bangt?
Eines hat der Medienmilliardär ja zweifellos geschafft: Anders als bisher in Spanien, wo die rabiate Rechte potenzielle Wechselwähler vom Wechseln abschreckte, scheuten in Italien frühere Wähler der Linken vom Wechsel nicht zurück. Sie hatten die Zögerlichkeit und Unentschlossenheit der Linksregierung satt und liefen in Scharen über zu den rechten Alles-Versprechern. Gerade Arbeiterstimmen trugen im Norden zum Erfolg der Lega des Umberto Bossi bei. Bossi, der mit den Haiders und Blochers schon seit Jahren im europäischen Rechtspopulismus mitmischt, ist längst der Rechtsaußen der italienischen Politik, erfolgreich aber nicht nur als Demagoge, sondern auch aufgrund einer basisnahen Politik seiner Partei, die sich auch zwischen den Wahlen um die kleinen Leute kümmerte. Wie einst die Linke.
Gianfranco Fini, der Chef der früheren neofaschistischen Nationalen Allianz und neue Parlamentspräsident Italiens, tritt dagegen auf als ein kultivierter Mann der rechten Mitte, so wie der 50-jährige Gianni Alemanno, der neue Bürgermeister Roms. Der war als strammer Jungfaschist seinerzeit zu jeder politischen Schlägerei bereit, heute gibt er den geläuterten, seriösen Repräsentanten einer neuen energischen Bürgerlichkeit. Den Postfaschisten mit menschlichem Gesicht, eingerückt in die Mitte der Gesellschaft, wo er sich häuslich einrichtet und von Leuten akzeptiert wird, die früher schreiend das Weite gesucht hätten. Wenn das kein Erfolgsmodell ist.
Natürlich agitieren die Vertreter dieses sanften Faschismus der neuen rechtsradikalen Mitte gegen illegale Zuwanderung. Das tut heute jede Regierung in Europa, die überleben will, auch die sozialistische in Spanien. Natürlich ist auch die Kriminalität für sie ein zentrales Thema, in erster Linie freilich die Kleinkriminalität des zeitgenössischen Prekariats, nicht die organisierte Großkriminalität diverser ehrenwerter Familien. Und natürlich lehnen sie, im Bündnis mit der katholischen Kirche, jedenfalls mit den Bischöfen, zivilrechtliche Minirevolutionen wie die Homo-Ehe ab. Schwule und Lesben werden in Italien auf absehbare Zeit nichts zu lachen haben.
Aber der Postfaschist Fini weist zugleich antisemitische Äußerungen aus seiner Partei öffentlich zurück, verteidigt die Einladung Israels als Ehrengast zur Turiner Buchmesse gegen eine anti-israelische Volksfront von rechts bis links. Und der neue Bürgermeister in Rom pflegt seit Längerem schon ein antikapitalistisches, globalisierungskritisches und ganz klar! auch ökologisches Profil. Dieser Mix könnte Schule machen, zumal die jungen Leute heute keine Ahnung haben, was Faschismus in unserem Land und in Europa bedeutet hat, wie die linke Soziologin Laura Balbo sagt. Wer weiß, ob daraus nicht, analog zum erfolgreichen compassionate conservatism in Großbritannien und Schweden, ein moderner Ideologieersatz für den rechten Flügel der Gesellschaft wird, eine Mode, die man vor sich herträgt wie ein modisches Outfit oder, etwas schriller, ein provokantes Tatoo.
- Datum 14.5.2008 - 03:16 Uhr
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ein genialer Wort-Hülsen-Fabrikant.
Herzliche Grüße aus Akodo Beach, Lagos!
1. Ich habe Berlusconi garantiert nicht gewählt, aber sein Wahlsieg war eine logische Konsequenz.Ja, in Italien sind so Einige ganz weit oben in der Politik, die eigentlich gar nicht dahin gehören, aber wenigstens ist es so schön offensichtlich ... (und zwar in allen Lagern).2. Erstmal bitte richtig mit der italienischen Politik auseinandersetzen. Die Panikmache von allen Seiten hilft keinem, vor allem nicht den Italienern.3. Nationale Politik in europäische Tendenzen umzumünzen ist ja mal mehr als utopisch. In den vergangenen Jahrzehnten sind die abstrusesten Sachen in den europäischen Nationalstaaten geschehen, aber dass die Wähler bei ihrer Wahlentscheidung Europa im Hinterkopf hatten (ist zwar wünschenswert) bleibt Wunschdenken. Bei den Briten schon mal gar nicht. Was nationale Parteien angeht auch nicht. Die Europakarriere ist doch nur das Abstellgleis...
... Zustimmung, zu der Bezeichnung Wort-Hülsen-Fabrikant ..."... sozialchauvinistischen Lega Nord..." „Neofaschisten“
" ...telegenem
Unterhaltungspopulismus und bürgernaher Vorurteilspolitik ..." "... der Medienmilliardär ..." "den rechten Alles-Versprechern ..." " ...europäischen Rechtspopulismus
..." Das alles nur aus einem Absatz. Das liest sich alles wie aus einem Bekennerschreiben der RAF.
...ich weiß gar nicht, was sie hier alle haben, wegen der "Wortakrobatik"...
Zu Kommentar 3: Es geht dem Autor doch überhaupt nicht um die Wählerentscheidung, sonder um die Vorbildfunktion die einer wie Berlusconi auf andere Politiker in anderen europäischen Ländern haben könnte. In etwa so wie plötzlich TV-Duelle aus den USA bei uns nachgeahmt wurde sowie der immer stärker auf Personen zugeschnittenen Wahlkampf.
Außerdem ist das doch alles keien wirklich überraschende Entwicklung, schließlich setzt die Linke schon seit Jahren Alles daran, den Rechten duch Medienkontrolle und inhaltsleere Diskussion die Symphatien der einfachen Leute zuzusenden, die die ewigen Dogmen leid sind...
*...als Sie diesen Artikel schrieben ? Sie konnten hier anscheindend Ihre Emotionen nicht mehr im Zaum halten und haben völlig auf Inhalt verzichtet [...]Eine so plumpe Panikmache vor der "braunen Gefahr" hat die Zeit bisher noch nicht online gestellt. Weder Kernpunkte der Parteiprogramme noch potentielle Gründe für die Wahlausgänge in GB, S und I werden beleuchtet. Auch die eindeutigen Fehler der abgewählten Regierungen sowie aktuelle Zahlen zur Arbeitslosigkeit, Durchschnittseinkommen und Ausländeranteil im Ländervergleich und die regionalen Entwicklungen über die letzten 10 Jahre fehlen gänzlich.Also wenn man die italienische Regierung als "sanfte Faschisten" bezeichnet, dann muß da schon ein bisschen mehr "Butter bei die Fische". Ansonsten wirken Sie nur ideologisch aufgeheizt, und das kann und darf ein Journalist nicht sein.[*Gekürzt. Bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl./ Die Redaktion; ew]
Lieber Herr Perger, ich habe nicht herausgefunden, was Sie wollen, dass ich denken soll. Oder wollen sie in linker Verzweiflung nur darüber jammern, dass die linksintellektuelle Schickeria geistig bankrott ist. Rechts leben und links Denken funktioniert halt nicht. Ich kann zwar verstehen, dass Sie und Ihresgleichen keine Freude mehr haben an Ihren restaurierten Klöstern in der Toskana, angesichts der neuen Regierung. Aber nicht einmal ein redlicher Altkommunist aus der Emilia Romagna hätte Freude mit Ihrem Klagelied. Man produziert dort übrigens besseren Käse als Sie. Hier den Jeremias der Linken spielen zu wollen, sich über Bürgerlichkeit beklagen, wenn man selber (gekürzt. Bitte verzichten Sie auf persönliche Angriffe. Die Redaktion/jk) ist, das ist Heuchelei. So ein richtig echter linker italienischer Prolet fände selbst Berlusconiorigineller als Ihr linkselitäres Gejammere. Austriace
jetzt, wo sich deutlich abzeichnet, daß die Mitte der Gesellschaft von diesen Wort- und Ideologie- Huberern nur noch die Nase voll hat - und sich abwendet.Daß davon jemand wie Berlusconi profitieren kann, ist ein wenig blöd, aber nicht eigentlich tragisch....nur wer die räudige, intellektuell wie moralisch gleichermaßen verkorkste italienische "Linke" nicht kennt, kann sich wundern wie und warum ein Berlusconi am politischen Himmel Italiens hat aufsteigen können...Dieses [...] des Herrn Perger ist nur der lahme und halbkrepierte Versuch, auch konservative Strömungen (und eben nicht "rechts"-radikale) rhetorisch in die braune Ecke zu bugsieren - deshalb ja auch das "Netz-gegen-Rechts"[...]....Die letzte Nebelkerze dieses dumpfen rot-grünen Milieus war die Panikmache wg. des "Klimawandels" - doch zeichnet sich in den letzten Wochen immer deutlicher ab, das auch dieses Thema nicht mehr hilft, die eigentlichen Probleme unserer Gesellschaft ignorieren zu machen....Es grüßtein ehemals rot-grüner Wähler....(gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich und vermeiden Sie Pauschalisierungen. Die Redaktion/jk)
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