60 Jahre Israel Der Zwilling Israels

Während Israel seine Unabhängigkeit feiert, gedenken die Palästinenser dem sechzigsten Jahrestag der "Nakba", der Katastrophe, und der unveränderten Lage im Land

Als sie den Bereich des unmittelbaren Beschusses ein Stück hinter sich gelassen hatten, fragte er sie, ob sie die Tür auch richtig abgeschlossen habe. "Ja", antwortete sie, nachdem sie bestimmt zum zehnten Mal die Schar ihrer verstörten Kinder gezählt hatte, "ich habe den Hühnern für zwei Tage Wasser und Futter gegeben und für alle Fälle die Tür zur Weizenkammer offen gelassen. Die Hühner finden schon den Weg dorthin, falls die Gefahr länger anhält. Du weißt selbst, was es für Folgen hat, wenn die Legehennen eingehen."

In dem Moment ist mir siedend heiß eingefallen, dass ich in der Eile und vor lauter Schrecken gar nicht nachgesehen hatte, ob auch überall das Licht aus ist. Das mache ich sonst immer, wenn ich aus dem Haus gehe. Ich habe mich gefragt, wie viel Strom wohl in unserer Abwesenheit unnütz verbraucht wird. Vor allem aber hatte ich Angst, dass es irgendwo einen Kurzschluss gibt und es dann brennt im Haus.

Die Szene spielte sich auf dem Weg ab, der von dem Dorf bei Jaffa dorthin führte, wo Jaffa nicht ist, an der Schwelle zum Exil. Jahre später erst begriff die Frau, dass der befürchtete Brand ausgebrochen war, und zwar im ganzen Land. Die Verbindung zum Haus bestand fortan in den Erinnerungsmomenten, die in der Erzählung weiterlebten: die Hühner, die das Futter im Hof aufpicken, die Lampen, die vielleicht noch brennen.

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Es ist eine von tausend kleinen Geschichten, die plötzlich abbrechen, die aus ihrer natürlichen Bahn gerissen werden und ins Ungewisse mit all seinen Unwägbarkeiten, Schmerzen und Erniedrigungen stürzen, Geschichten, deren Aussagekraft in ihrer Spontaneität, in ihrer Unmittelbarkeit liegt, die nicht retuschiert sind und mit denen sich keine PR-Fachleute befassen.

Sie setzten einen Fuß vor den anderen, beladen mit ihren wenigen Habseligkeiten und vielen Sorgen. Sie fühlten nach dem Schlüssel in der Tasche, sie durften ihn nicht verlieren auf den unbekannten Wegen über fremde Berge. Haus, Tür und Schloss gingen verloren - der Schlüssel nicht.

Für sie setzt genau bei dieser Szene der Lauf der Geschichte aus, als hätte jemand einen Schwarz-Weiß-Videofilm angehalten. Ein Knopfdruck von seiner oder von des Schicksals Hand genügt, und es geht weiter mit der Handlung im Film. Die Dinge sind unverändert da: das Wasser im Napf für den Wachhund, der im Hof zurückgeblieben ist, die Streitigkeit mit dem Nachbarn, die nicht beigelegt wurde, der Traum von der Ernte, die so viel abwirft, dass man für eines der Kinder die Hochzeit ausrichten kann, die Orangen an den Bäumen in den Plantagen, der Lärm der Züge auf der Bahnstrecke von Jerusalem über Lod und Jaffa nach Haifa, die Aussteuer in der Truhe für die Braut, die auf ihre Traumhochzeit wartet, das Fotoalbum mit der Familiengeschichte, in dem die Kinder ein Bild von ihrem verstorbenen Großvater finden und sich anschauen können, wie ihr Vater als Kind ausgesehen hat, Spielzeug von Kindern armer Leute aus Stöckchen und Stoff, auf dem mit Kugelschreiber Augen und Mund aufgemalt sind, die Kleider am Nagel in der Wand hinter der schweren Holztür, Strohkörbe, der Knoblauch bündelweise auf jedem Balkon…

Das ist unsere "Nakba", unsere Katastrophe, sie ist der Zwilling ihres Israels. Außer dem gemeinsamen Geburtsdatum gibt es nur Trennendes. Die Nakba ist Israels Zwilling, sie ist der schwarze Schatten, der Israel draußen verfolgt, und das Gespenst, das drinnen in Israels Seele haust. Sobald an der Effizienz des immensen Machtaufgebots der geringste Zweifel auftaucht, steigen aus dem Unterbewusstsein der Nuklearmacht Schimären auf die Bühne und faseln vom palästinensischen Uterus als reiner Gebärmaschine und einem Millionenheer wehrloser Menschen, das Israel von allen Seiten belagert und über die Grenzen ins Land einfällt.

Sie wissen so gut wie wir, was sich ereignet hat, auch wenn sie die Geschichte aus ihren Gründen anders erzählen. Von ihrer Seite gibt es Dinge, die verschwiegen werden, auf unserer Seite einiges, worüber wir zum Schweigen gebracht werden sollen. Und doch haben sie sich (insbesondere die Orientalen unter ihnen) zum Schlafen in die verlassenen Betten gelegt, die noch warm von unseren Körpern waren und nach uns rochen, sie haben mit denselben Löffeln wie wir von unseren Tellern gegessen, sie haben sich das Gesicht mit den Handtüchern abgetrocknet, die wir im Durcheinander und in der Eile des Aufbruchs haben herumliegen lassen, und sie haben unsere Hühner und unseren Weizenvorrat für das Jahr unter sich aufgeteilt.

Sie wissen am allerbesten, wer die Vertriebenen sind: ganz normale Menschen aus Fleisch und Blut und keine Roboter, einfache Leute, aber nicht dumm, sie haben unspektakuläre Namen, die auf ihr Land und ihre Vergangenheit verweisen, aber zur Kennzeichnung ausreichen, ihre Augen sind nicht aus Glas, sondern glänzen tief, und ihrem direkten Blick lange standzuhalten, ist nicht so einfach.

Es ist nicht an mir, mich in die Widerlegung ihrer Version der Geschichte zu verstricken, das ist Aufgabe ihrer eigenen Neuen Historiker (abgesehen davon, dass sie einem ernstzunehmenden Geschichtsverständnis ohnehin nicht standhält, auch nicht in Israel). Das Anliegen meiner Wahl ist, immer wieder darauf aufmerksam zu machen, was sich auf unserer Seite abgespielt hat. Dafür brauche ich nicht abzuwarten, bis Archive eingerichtet sind, die sich selektiv auswerten lassen, ich brauche auch an keine Narben zu rühren, denn die Wunde ist nach wie vor offen und blutet: das Menschenreservat in Gaza, die Verfolgung der dem Wohlwollen der schiitischen Milizen ausgelieferten Flüchtlinge im Irak (diesen Monat hat Chile Dutzende von ihnen aufgenommen - wie nah ist Chile und wie weit Palästina!), der humanitäre Skandal in den Lagern im Libanon, die Flüchtlinge zwischen den Mühlsteinen des demografischen Gleichgewichts zwischen Muslimen und Christen, Sunniten und Schiiten, die Flüchtlinge mit israelischer Staatsangehörigkeit innerhalb der Grenzen von Israel.

In den Dorfgeschichten bei uns gibt es immer einen starken Großvater, der vom Pferd springt, wenn er am Eingang zum Dorf alleine von den Feinden umstellt ist, und dann mit dicken Grabpfosten, die er aus der Erde reißt, als einziger Waffe siegreich gegen die Feinde vorgeht. Mit der Zeit prägt sich diese Geschichte grundlegend in die Familienerinnerung ein. Die Trachtprügel hingegen, die der Großvater bezogen hat, und die Narben am Rücken und auf der Hand, die werden herausgelassen. So funktioniert in allen Ländern, Zivilisationen und Nationen der "Gründungsmythos", wie das in der Sozial- und Politikwissenschaft heißt, das gilt für ein Dorf ebenso wie für ein Großreich.

Das Problem beim Gründungsmythos für Israel ist, dass das, was weggelassen werden soll, die Haupthandlung ist, und nicht einfach nur ein paar Nebensächlichkeiten, auf die es nicht ankommt. Was sie hier unter den Teppich kehren wollen, ist selbst ein kompletter Teppich mit allem, was dazugehört, Schnüren, Gewebe und Mustern.

"Ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land" ist die krasseste Kurzform für den elementaren Gehalt des zionistischen Mythos, die Kernaussage, um die alles übrige kreist (der Mythos von der Sicherheit, die Demografiephobie, der Horror vor dem Terror, die erleuchtete Besatzung und die ethnische Demokratie). Was bisher geschah ist der brutale Versuch, unter Einsatz des gesamten militärischen, juristischen, administrativen, akademischen und medialen Potenzials über Jahrzehnte die Realität so umzugestalten, dass sie sich mit dem Märchen deckt.

Es hat sich gezeigt, dass die Aussage "ohne Volk" so dimensioniert ist, dass sie sich nicht ohne Weiteres schlucken lässt, es handelt sich hier nicht um Indianer, die in einem anderen Zeitalter leben, sondern um eine dynamische Gesellschaft, die mit den Anfängen der Moderne verflochten ist, die über eigene Zeitungen, Zeitschriften und Parteien verfügt und die trotz der Entwurzelung nach wie vor in der Lage ist, das eigene Erzählgut zu gestalten, es zu verteidigen, Kultur daraus entstehen zu lassen und es in die Welt hinauszutragen, um weiträumig Legitimität und Glaubwürdigkeit dafür zu gewinnen, auch wenn diese Gesellschaft geschwächt ist, mit Schwierigkeiten zu kämpfen hat und die internationale Haltung proisraelisch ist.

Die 800.000 Menschen aus über 500 Dörfern und elf Stadtteilen sind keiner Kriegstragödie und auch nicht den systematischen Massakern zum Opfer gefallen, mit denen sechs Monate vor dem 15. Mai [ Gründung des Staates Israel, Anm. d. Übers. ] begonnen wurde, sondern ein Hauptpunkt auf der Agenda des Kriegs.

Jedes Mal, wenn das wehrlose Opfer seinem Henker in die Augen sieht und an seine Fesseln rührt, ist auch sechzig Jahre danach in israelischen Kreisen noch die Rede davon, dass der Krieg von 1948 nicht zu Ende ist. Alles, was auf die Nakba folgte, ist letztlich deren Fortführung durch Israel oder vielmehr deren Reproduktion auf der blinden Flucht der israelischen Offiziellen und des israelischen Volkes nach vorn, ist eine Serie von Versuchen, dem schmerzhaften Blick in den Spiegel auszuweichen, ohne den es für eine politische, moralische und historische Aufarbeitung dessen, was in Palästina geschehen ist, keinen Anfang geben kann.

Aus dem Arabischen von Angela Tschorsnig und Kamal Hayek .

 
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