Der Tag, an dem Russland das Ende des Zweiten Weltkriegs begeht, der 9. Mai, ist der heiligste aller russischen Feiertage. Er ist es zurecht, da er an den Sieg in einem Krieg erinnert, der unermessliches Leid über die Menschen in der Sowjetunion brachte und womöglich mehr als 30 Millionen von ihnen das Leben kostete.

In diesem Jahr rollten zum ersten Mal nach 1990 bei der Moskauer Militärparade wieder Panzer über den Roten Platz. Russland, so will es der Ex-Präsident und Neu-Premierminister Wladimir Putin, sollte der Welt zeigen, wie gut es sich verteidigen kann. Das mag vor allem im nahen Ausland als Demonstration imperialer Ambitionen verstanden werden, zumal sich Russland, Abchasien und Georgien im Südkaukasus gerade in verbaler Kriegsführung üben.

Die T-90-Panzer und Topol-Raketen wirken nach außen bedrohlich. Das Gefahrenpotenzial für das Innenleben Russlands ist weniger augenfällig. Der Siegestag ist unter Putin wieder zum zentralen Bestandteil des nationalen Bewusstseins geworden. In Meinungsumfragen des Lewada-Instituts gaben 1996 44 Prozent der Russen an, der Sieg im Zweiten Weltkrieg sei der stolzeste Punkt der Landesgeschichte. Drei Jahre nach Putins Amtsantritt, 2003, waren es 87 Prozent. Das staatliche zweite Fernsehprogramm steuert zum Feiertag ohne Pause Paradenbilder, Militärkonzerte und fünf Kriegsfilme bei.

Der Sieg soll das Vakuum der nationalen Identität füllen, das sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion bildete. Verschiedene Sichtweisen der Geschichte sind dabei unerwünscht, historische Reflexion und Akkuratesse wenig gefragt. Die Opfer des Krieges, die der von Stalin durch Säuberungen geschwächte militärische Apparat zu verantworten hatte, die Grausamkeit gegenüber den eigenen Soldaten, das Wüten der Erschießungskommandos hinter der Front – das sind Themen für isolierte Historikerseminare. Schwarz-orangefarbene Georgsbändchen, die zur Erinnerung an den Sieg an Tankstellen verteilt und um die Autoantennen gebunden werden, dienen als „preiswerter Ersatz eines historischen Gedächtnisses“, wie der Publizist Lew Rubinschtejn schreibt.

Die russische Geschichtsvergessenheit erschwert das Zusammenleben mit den Nachbarstaaten. Für viele Russen beginnt der Zweite Weltkrieg mit dem Überfall der deutschen Armee am 22. Juni 1941. Der Ribbentrop-Molotow-Pakt und die Besetzung Ostpolens 1939, auch der Massenmord an polnischen Offizieren und Intellektuellen bleiben weitgehend ausgeklammert. Die Perspektive der baltischen Länder, die sich nach dem Einmarsch der Roten Armee im letzten Kriegsjahr keineswegs befreit, sondern erneut besetzt fühlten, findet kaum Aufmerksamkeit oder gar Verständnis.