Hat Gewalt in Computerspielen Auswirkungen auf das Verhalten von Kindern? Dies war eine der Fragen, die Dr. Maria von Salisch unter rund 300 Berliner Grundschulkindern aus verschiedenen sozialen Schichten untersucht hat. Erstmals wurden hier in einer Längsschnittstudie - die 8- bis 12-Jährigen wurden über einen Zeitraum von drei Jahren begleitet - Medienauswahl und -wirkung digitaler Spiele untersucht. Dazu hat Maria von Salisch 2007 zusammen mit Astrid Kristen und Caroline Oppl das Buch "Computerspiele mit und ohne Gewalt - Auswahl und Wirkung bei Kindern" veröffentlicht. Von Salisch ist Professorin für Entwicklungspsychologie an der Leuphana Universität Lüneburg.

ZEIT online: Kinder verbringen immer mehr Zeit mit Spielen am Computer, an Playstations und mobilen Geräten. Wie viel sitzen die Kinder dafür vor dem Schirm und was spielen Mädchen, was spielen Jungen dabei am liebsten?

Dr. Maria von Salisch: Im Durchschnitt spielt etwa ein Drittel aller Kinder bis zu einer halben Stunde pro Tag. Die Hälfte aller Kinder 30-60 Minuten und nur ein Zehntel spielt länger als eine Stunde täglich. Mädchen haben bei den Gelegenheitsspielern, also bei denen, die im Schnitt einmal pro Woche spielen aufgeholt. Nur bei den Intensivspielern, also bei denen, die täglich den Computer nutzen, liegen die Jungen noch leicht vorn.

Jungen interessieren sich dabei mehr für actionreiche Spiele, ihnen geht es um den Wettkampf. Mädchen bevorzugen sogenannte Managementspiele, wie beispielsweise "Meine Tierklinik in Afrika", auch Jump- und Run-Spiele sind bei Mädchen mittlerweile beliebt. Ein Rollenspiel wie "Sims" wird von Jungen und Mädchen gleichermaßen gern gespielt.

ZEIT online: Was wissen wir bei Kindern über die Wirkung von gewalthaltigen Computerspielen?

Salisch: Bei den gewalthaltigen Spielen stellt sich die Frage nach Henne oder Ei. Also: Sind es die Spiele, die die Kinder gewalttätig machen, oder sind es die bereits aggressiven Kinder, die bevorzugt zu diesen Spielen greifen? Ob es sich also um Wirkung oder Selektion handelt, haben wir in unserer Längsschnittstudie untersucht. Eine wichtige Erkenntnis dieser Studie war, dass eine Zunahme von Aggressivität durch den Gebrauch von gewalthaltigen Spielen bei den untersuchten Kindern nicht festgestellt werden konnte.

ZEIT online: Es gibt aber eine Vielzahl an Untersuchungen, die einen Zusammenhang zwischen Computerspielen und Gewalt sehen.

Salisch: Das erklärt sich durch die gewählte Untersuchungsmethode. Ein Zusammenhang zwischen Aggressivität und gewalthaltigen Spielen existiert auch in unserer Studie. Bei einer einmalig durchgeführten Querschnittstudie zum Beispiel können Sie nur sehen, dass es eine Korrelation zwischen Gewalt und Spiel gibt. Wirkungen lassen sich aber nur in Längsschnittstudien nachweisen. Wir haben zu diesem Zweck 300 Kinder ausgewählt, die in regelmäßigen Abständen befragt wurden, ein Medientagebuch geführt haben und die auch von ihren Mitschülern und Lehrern in Bezug auf ihr aggressives Verhalten bewertet wurden.

ZEIT online: Also nehmen solche Spiele keinen Einfluss auf das Verhalten von Kindern?