Barnes & Noble am Union Square ist die größte Filiale der Buchkette in New York. Wenn ein Autor sein Buch vorstellen will und der Verlag dafür richtig viele Fans erwartet, dann buchen sie den Autor hier. Bei Barnes & Noble am Union Square waren schon Arthur Miller, Norman Mailer und Salman Rushdie, jedes Mal füllte sich der riesige Saal bis weit, weit hinter die Buchregale. In dieser Woche aber ist Barnes & Noble so voll wie es nie ein Mensch zuvor gesehen hat: William Shatner stellt seine Memoiren vor.

William Shatner ist weltweit bekannt als James T. Kirk, der allererste Captain des Plaste-Raumschiffs Enterprise. Gut, das ist schon einige Zeit her, und er hat sich seitdem auch ziemlich verändert. Er hat ein paar Kilo zugelegt — so vierzig bis fünfzig Kilo — seine Haare sind grau gesprenkelt, und er trägt einen Pullover statt des aus dem Fernsehen bekannten Schlafanzugs, aber sonst ist er noch der gleiche Außerirdische verprügelnde, phaserschwingende sexistische Raumschiffkommandant.

Shatner ist im Star-Trek-Universum nicht sonderlich beliebt, George Takei, der den Piloten Sulu spielt, meinte einmal, der einzige Mensch, den er nie wieder im Leben sehen wollte, sei Shatner. Es gab auch mal Gerüchte, er habe seine Frau in seinem Swimmingpool ertränkt. Einer meiner Redakteure, nennen wir ihn Gerd N., verlangte sogar, dass ich das mal recherchiere, aber irgendwie wurde daraus nichts. Shatners Beliebtheit bei Barnes & Noble tut das keinen Abbruch, auch nicht, dass er zehn Minuten zu spät kommt, einen Vortrag hält, der gerade mal sieben Minuten dauert, und dann Bücher signiert. Nur sein eigenes und nur das neueste Buch, sonst nichts. Metropol-Geschichten: Eva Schweitzer berichtet aus New York

Neben mir steht ein Kanadier. Auch Shatner ist nämlich Kanadier. Übrigens lebe auch Leonard Nimoy, der Mr. Spock spielt, heute in Kanada, in Vancouver, erzählt der Kanadier. Der Kanadier hat auch schon Jean-Luc Picard alias Patrick Stewart mal gesehen — der Nachfolge-Captain von James T. Kirk —, ich auch, und zwar in einem Theaterstück von Arthur Miller im Public Theater. Er spielte einen treulosen Ehemann, der von seiner Frau ertappt wird, und man hatte den Eindruck, er möchte jeden Augenblick sagen: "Data, beamen Sie mich hier raus!". So wie Bill Clinton.

Trekkies wissen, dass man alles, was man über das Leben wissen muss, aus Star Trek lernen kann, aber wer weiß, dass auch der Präsidentschaftswahlkampf von Star Trek aus der Zukunft gelenkt wird? Und zwar so: Barack Obama, der führende Kandidat nicht nur der Demokraten, sondern auch derjenige, der US-weit führt, war Anfang 2000 nur ein wenig bekannter Community Organizer in Chicago, der Basisarbeit machte, um sich hochzuarbeiten. 2004 schaffte er es erstmals, von den Demokraten zum Senator für den Staat Illinois nominiert zu werden. Er trat gegen den Republikaner Jack Ryan an, ein altgedientes Schlachtross, der eigentlich die besseren Chancen hatte.

Aber dann geriet Jack Ryan in die Schlagzeilen: Seine Frau Jeri hatte die Scheidung eingereicht, und zwar 1999, denn ihr Ehemann sei mit ihr in schmuddelige Sexclubs gefahren und habe sie genötigt, es dort mit ihm zu treiben, vor aller Augen, sagte sie. Das war bisher unter Verschluss geblieben, aber wenige Wochen vor der Wahl erfuhr Obamas Wahlkampfteam davon, und erzählte die Geschichte ein paar Reportern. Die erreichten vor Gericht, dass die Akten geöffnet wurden — Obama selbst protestierte zwar dagegen, aber erst eine Woche später — und nun wusste ganz Illinois, was der Senator mit seiner Frau getrieben hatte. Oder treiben wollte, sie hatte sich ja geweigert. Ryan zog die Kandidatur zurück, die Republikaner rekrutierten zwar in letzter Sekunde noch einen anderen Aspiranten, aber der verlor gegen Obama mit 27 zu 70 Prozent.

So wurde Obama Senator und, im nächsten Schritt, Präsidentschaftskandidat. Wer aber ist Jeri Ryan? Auch Jeri Ryan kennen wir aus Star Trek, sie spielt die vollbusige Borg-Blondine "Seven of Nine" im Star-Trek-Spinoff Voyager, wo sie, sehr aufreizend in engen Latex gekleidet, die ganze Besatzung verrückt macht, sogar die eigentlich heterosexuell veranlagte Raumschiffkommandantin Kathryn Janeway.

Wer aber verwandelte Seven, die Borg-Drohne, in die aufregendste Frau, die jemals auf einem Sternenflottenschiff Dienst tat? Das war der holographische Doktor der Voyager, denn der entwarf ihr engstanliegendes Kostüm. Also: Ein Hologramm aus dem 23. Jahrhundert in einer Hollywood-Serie ist daran schuld, dass Barack Obama womöglich der erste schwarze Präsident der USA wird. Da soll einem nicht der Kopf wehtun!

William Shatner, übrigens, scheint eher ein Hillary-Sympathisant zu sein. Jedenfalls sagt er bei seinem Auftritt in Barnes & Noble, sie sehe genauso abgearbeitet aus wie er; sie allerdings nach einem halben Jahr Wahlkampf, er nach drei Tagen Buchtour. Während Shatner sich setzt, checkt der Kanadier neben mir noch mal, ob er eine Nachricht auf seinem aufklappbaren Handy hat. Dabei fällt uns beiden gleichzeitig auf, dass sein Handy ganz genauso aussieht, wie die Kommunikatoren von Kirks Enterprise. Vielleicht ist die Zukunft doch viel näher als wir denken.