Ganz am Anfang klang es fast, als hätte die Ministerin einen Erfolg zu verkaufen. "Bei der Bekämpfung der Kinderarmut sind wir gut", stellte Familienministerin Ursula von der Leyen bei der Vorstellung des Unicef-Berichts zur Lage der Kinder in Deutschland am Montag in Berlin fest. Tatsächlich hat Deutschland die geringste Kinderarmut nach den skandinavischen Ländern aufzuweisen. Weniger als 15 Prozent der Minderjährigen waren 2005 in Deutschland von Armut bedroht. Nur in Schweden, Finnland und Dänemark waren die Zahlen noch niedriger.

Es ist eine Einordnung, die man im Kopf behalten sollte, wenn in Deutschland über Kinderarmut diskutiert wird. Doch es ist eben nur ein Aspekt, unter dem man das Thema betrachten kann. Zugleich stellte die Ministerin am Montag nämlich die aktuellen Zahlen des Prognos-Instituts für das Jahr 2006 vor. Demnach sind 17 Prozent oder jedes sechste Kind von Armut bedroht. Der Armutsbericht der Bundesregierung aus der vergangenen Woche hatte für das wirtschaftlich viel schlechtere Jahr 2005 die Zahl der von Armut bedrohten Kinder noch mit 12 Prozent (jedes achte Kind) beziffert. Danach war Kritik laut geworden, Arbeitsminister Olaf Scholz arbeite mit geschönten Zahlen, womöglich auch, um die Zeit der rot-grünen Regierung in ein besseres Licht zu rücken.

Doch auch wenn die Ministerin ihre Zahlen nun für "tiefenschärfer" erklärte, will sie sich auf einen Streit um Statistik gar nicht erst einlassen. Ein Unterschied von zwei Prozentpunkten innerhalb eines so kurzen Zeitraums, das sei "statistisches Rauschen", sprang ihr denn auch der Familiensoziologe Hans Bertram bei, der den Bericht zur Lage der Kinder federführend erstellt hat. Entscheidend sei dagegen der langfristige Trend.

Und dieser ist – auch wenn man die international noch gute Stellung Deutschlands berücksichtigt - erschreckend. Das Armutsrisiko von Kindern- und Jugendlichen in Deutschland ist demnach seit Ende der neunziger Jahre der Tendenz nach angestiegen und lag 2006 um 4,6 Prozentpunkte über dem Niveau von 1996. Gewachsen ist auch die Zahl der Kinder, die tatsächlich in Armut leben. Sie liegt bei derzeit knapp unter 10 Prozent.

Ein wichtiger Grund für diese Entwicklung sei der Anstieg von Alleinerziehendenhaushalten, so Bertram. Seit 1996 ist die Zahl der Alleinerziehenden um 300.000 gestiegen. 35 bis 40 Prozent der Kinder in Ein-Eltern-Familien wachsen in relativer Armut auf, so der Unicef-Bericht.

Neben den Kindern von Alleinerziehden haben außerdem Kinder aus Migrantenfamilien und die Kinder von Hartz-IV-Beziehern ein hohes Armutsrisiko. Als neue Risikogruppe haben Forschung und Politik außerdem die Mehrkindfamilien entdeckt.