Folk
Wenn die Kojoten heulen
Justin Vernon war pleite, also verkroch er sich in Wisconsins Wäldern. Drei Monate später kam er als Bon Iver zurück und brachte ein wunderbares Album mit. Ein Interview
ZEIT online:
Herr Vernon, warum haben Sie sich Bon Iver genannt? Fehlt da nicht ein Buchstabe?
Justin Vernon:
Als ich diese Formulierung zum ersten Mal hörte, wusste ich nicht, dass sie aus dem Französischen kommt. In Alaska treten die Menschen beim ersten Schneefall aus dem Haus und wünschen sich "Bon Hiver!" – einen glücklichen Winter. Ich dachte immer, das wäre nur so eine Wortschöpfung, aber es gefiel mir sehr. Geschrieben sah es ganz anders aus, als ich es mir vorgestellt hatte. Und ich dachte, wenn die Wendung schon von einer Kultur in die andere gewandert ist, sollte ihre Schreibweise das auch verdeutlichen.
ZEIT online:
Ihr Debütalbum heißt
For Emma – Forever ago
. Wem trauern Sie hinterher?
Vernon:
Emma ist eine Metapher für die erste, große Liebe. Auch wenn diese Liebe zerbricht, leben die Menschen weiter. Sie verlieben sich wieder. Aber es kann passieren, dass sie sich nie wieder so wohl fühlen wie mit dieser einen Person, dass sie sich leer fühlen und sich trotzdem mit einem neuen Partner abfinden.
ZEIT online:
Sie haben die zivilisierte Welt für drei Monate hinter sich gelassen und einen Winter im Wald verbracht. Sind sie vor einer alten Liebe geflüchtet?
Vernon:
Nein, ich wusste einfach nicht, wohin. Ich war drei Monate lang krank gewesen und musste hohe Arztrechnungen bezahlen. Danach war ich pleite, und mein Vater bot mir an, in seiner Jagdhütte in Wisconsin zu überwintern. Meine Musikinstrumente nahm ich mit, die lagen sowieso immer im Auto.
ZEIT online:
Dann haben sie gleich ein ganzes Album in der Wildnis geschrieben. Hat Sie die Einsamkeit beflügelt?
Vernon:
Ich war nicht einsam. Aber wenn man allein ist, verändert sich die Wahrnehmung. Ich konnte viel besser auf mich und meine innere Stimme hören, weil ich von nichts abgelenkt wurde. Und das hat tatsächlich meine Kreativität beflügelt.
ZEIT online:
Manche Künstler beziehen Inspiration vor allem aus der Begegnung mit anderen.

Vernon:
Ja, das tue ich auch. Aber ich denke, große Kunst ist nicht nur von anderer Kunst beeinflusst. Sie entspringt einem emotionalen Kontext. Am Anfang ist das fühlende Subjekt. In ihm entsteht die Musik, die dann nach außen tritt. Ihr Klang ist reine Ästhetik, abhängig von äußeren Einflüssen.
ZEIT online:
Im Wald Schutz vor der Welt zu suchen und sich selbst zu finden, ist ein romantisches Ideal.
Vernon:
Ich teile den Gedanken. Bäume, Wasser, Vögel – sie rücken die Welt in eine neue Perspektive. Wenn draußen die Kojoten heulen, denkt man unweigerlich: "Oh, da spielen sich noch ganz andere Szenen ab, in denen ich keine Rolle besetze. Ich bin so klein."
ZEIT online:
Was hat der Wald Ihnen beigebracht?
Vernon:
Ich habe gelernt, egoistisch zu sein. Man muss auf sich achten, um gut zu anderen zu sein.
ZEIT online:
Wie haben Sie sich die Zeit im Wald vertrieben?
Vernon:
Morgens um sechs bin ich aufgewacht, wenn das Feuer ausgegangen war. Dann bin ich vor die Hütte gegangen, um Holz zu holen und es wieder anzumachen. Im November habe ich Rotwild geschossen. Manchmal habe ich auch den ganzen Tag über gar nichts getan oder auf dem Laptop einen Film geschaut. Bei Sonnenuntergang bin ich wieder schlafen gegangen.
ZEIT online:
Glücklicherweise hatten Sie Strom in der Hütte. Sonst hätten Sie gar keine Musik aufnehmen können. Wie klingt denn Ihr Album?
Vernon:
Auf diese Frage fallen mir nur dumme Antworten ein. Ich sage immer: Sie klingt wie Neil Young. Ich würde lieber sagen, es ist Singer-Songwriter-Musik. Aber ich weiß auch, dass es mehr ist. Wenn mein Leben von dieser Antwort abhinge, würde ich alle verwendeten Instrumente aufzählen: akustische und elektrische Gitarre, Marschtrommel, Trompete, Posaune, mehrere Stimmen übereinander, Computerkrach und ein paar Geräusche.
ZEIT online:
Wie würden Sie Ihre Liedtexte beschreiben?
Vernon:
Sie sind wie Träume, ein bisschen bizarr. Meine Texte fühlen sich echt an, aber sie taugen nicht zur Konversation. Keine Sprache der Welt kann so komplexe Gebilde wie die Liebe in Worte fassen, deshalb muss man ein bisschen mit der Sprache spielen, um sich der Bedeutung anzunähern.
ZEIT online:
Worum beneiden andere Leute Sie?
Vernon:
Viele Menschen rennen einem Traum hinterher. Ich habe gemacht, was ich wollte. Und ich hatte viel Glück. Ich wollte immer, dass die Musik meinen Lebensweg bestimmt. Haus, Beruf, Ehefrau – darum sorge ich mich später.
ZEIT online:
Würden Sie noch einen Winter im Wald verbringen?
Vernon:
Auf jeden Fall. Ich würde eine Whiskey-Destille bauen und ein paar Flaschen lagern. Im folgenden Jahr kämen dann meine Freunde mit, und wir tränken die Vorräte leer.
Das Gespräch führte
Rabea Weihser
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- Datum 21.5.2008 - 09:32 Uhr
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Platte gekauft! Danke sehr!
Two roads diverged in a wood, and I — I took the one less traveled by, And that has made all the difference.Dieser Rückzug in den Wald ist die vielleicht schönste Denktradition, die wir den Amerikaner zu verdanken haben. Dort Whiskey-Brennen die Zweitschönste.
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der geist in der maschine
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