NS-ZeitEin Kuss für die Ewigkeit

In Berlin ist das Mahnmal für im Nationalsozialismus verfolgte Homosexuelle eingeweiht worden. Es zeigt zwei sich küssende Männer und ist Anlass für Streit von 

Ein Mann sieht sich das Mahnmal für im Nationalsozialismus verfolgte Homosexuelle im Berliner Tiergarten an

Ein Mann sieht sich das Mahnmal für im Nationalsozialismus verfolgte Homosexuelle im Berliner Tiergarten an  |  © Michael Gottschalk/ddp

Fragt man Günter Dworek, mit welchem Gefühl er zur Einweihung des neuen Mahnmals unweit der Holocaust-Gedenkstätte gehe, dann sagt er: „Erhobenen Hauptes. Dieser Tag ist ein Meilenstein für uns.“ Wenn aber der Sprecher des Lesben- und Schwulenverbands (LSVD) in die Vergangenheit blickt, überwiegt ein anderes Gefühl bei ihm. „Es ist bitter und traurig, dass keiner der damals Verfolgten bei dieser Einweihung dabei sein kann.“ Der letzte bekannte Betroffene sei 2005 verstorben. „So gesehen kommt das Denkmal zu spät.“

Viele Jahre des Streits liegen zwischen der ersten Forderung nach einem eigenen Denkmal für die von den Nazis verfolgten und umgebrachten Homosexuellen und der Einweihung einer zentralen Erinnerungsstätte für sie. Abgesehen vom Holocaust-Mahnmal selbst ist nie so ausgiebig und hitzig über einen Ort des Gedenkens für NS-Opfer debattiert worden, wie über jenes Mahnmal, das nun im Berliner Tiergarten eingeweiht wird. Genau gegenüber von Peter Eisenmans Stelenfeld.

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Nachdem klar war, dass dieses ausschließlich ein Gedenkort für die ermordeten Juden in Europa sein sollte, forderten Sinti und Roma sowie die Homosexuellen-Verbände in Deutschland ein eigenes Denkmal. Nachdem schon so ausgiebig über das Holocaust-Mahnmal, seine Ausgestaltung und Verortung in Berlin diskutiert worden war, stießen diese Forderungen auf zunehmend gereizte Reaktionen. Von einer „Inflation des Mahnmals“ war die Rede und in der öffentlichen Debatte stellten einige die Frage, ob nicht irgendwann einmal Schluss sein müsse mit dem Gedenken.

1934, nach dem Putsch gegen SA-Führer Ernst Röhm, den Hitler unter anderem mit dessen Homosexualität begründete, begann in Deutschland ein offener Kampf gegen Schwule. Nach der Verschärfung des Paragrafen 175 RStGB drohten allein beim Versuch der Anbahnung homosexueller Handlungen oder dem Verdacht auf solche bis zu zehn Jahre Zuchthaus. Von 1935 bis 1945 wurden mehr als 50.000 Männer wegen dieses Delikts verurteilt. Man schätzt, dass 6000 bis 10.000 von ihnen in Konzentrationslager gebracht wurden. In einigen Fällen wurden Homosexuelle zwangssterilisiert oder als medizinische Versuchsobjekte missbraucht. Genaue Zahlen darüber, wie viele von ihnen unter der Herrschaft der Nationalsozialisten starben, gibt es nicht. Historiker gehen von mehreren Tausend Opfern aus.

Das Berliner Denkmal ist nicht das erste in Deutschland, es gibt eines in Köln und in Frankfurt am Main, auch in der Hauptstadt selbst weist eine kleine Plakette am U-Bahnhof Nollendorfplatz auf die Verfolgung und Ermordung von Homosexuellen hin. Die Betonstele im Tiergarten ist aber das erste bundesweite Symbol, das Homosexuelle als Opfer der NS-Diktatur anerkennt.

Für viele Schwulen- und Lesbenverbände ist dies ein ganz wichtiges Statement. Das wird verständlich, wenn man die Geschichte der Homosexuellen nach dem Ende des Dritten Reichs betrachtet. Im Gegensatz zu anderen Opfern der NS-Diktatur wurden sie lange Zeit ignoriert und – noch viel schlimmer – nach den alten Gesetzen weiter verurteilt. Der fatale Paragraf 175 blieb in seiner verschärften Form bis 1969 in Kraft. Bis dahin wurden in der Bundesrepublik noch einmal 50.000 Männer nach diesem Gesetz verurteilt. Die homosexuellen NS-Opfer wurden erst unter der rot-grünen Regierung 2002 gesetzlich rehabilitiert. Ein Jahr später, im Dezember 2003, beschloss der Bundestag den Bau des Denkmals.

Die Debatte darüber brach damit aber keineswegs ab, sie verlagerte sich nur auf andere Bereiche. Zunächst den künstlerischen. Das Niveau der eingereichten Arbeiten von 17 internationalen Künstlern werde bestimmt von „Befangenheit, Hilflosigkeit, Verharmlosung und riskanten Entgleisungen“, schrieb das Kunstmagazin Artnet im Mai 2006. Die Krönung der Geschmacklosigkeit war ein Wachturm, auf dem ein überdimensionierter Teekessel stehen sollte.

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