NS-Zeit Ein Kuss für die EwigkeitSeite 2/2
Letztendlich entschied sich die Jury für den Entwurf des dänisch-norwegischen Künstler-Duos Michael Elmgreen und Ingar Dragset. Es besteht aus einem Betonkubus, in dem ein Endlosvideo zwei sich küssende Männer zeigt. Das wiederum brachte die lesbischen Verbände auf den Plan. Wo, fragte die Zeitschrift Emma , blieben die von den Nazis verfolgten Lesben? Tatsächlich hatte der LSVD im Vorfeld der Ausschreibung gefordert, es müsse vermieden werden, dass das Denkmal „ausschließenden Charakter bekommt, lesbische Frauen sich vielleicht nicht angesprochen fühlen“.
Genau das passierte aber jetzt. Alice Schwarzer bezeichnete das Denkmal als „Ghetto des Kitsches männlicher Homosexualität“ . Die Künstler wiederum verteidigten die Beschränkung auf den männlichen Kuss gegenüber dem Berliner Stadtmagazin Zitty auf ähnlich befremdliche Weise: „Zwei küssende Frauen werden in Hetero-Pornos als Standardfantasien genutzt, als ob sie Teil der heterosexuellen Welt seien. Das wird mit Männern nie so sein.“
Spätestens an diesem Punkt wurde es bizarr. Im Rahmen einer künstlerischen Debatte diskutierte man, ob und wie sehr lesbische Frauen im Dritten Reich verfolgt wurden. Erstaunlicherweise sind sich in diesem Punkt sowohl Forscher wie auch schwule und lesbische Gruppen einig: Laut LSVD sei offen gelebte Homosexualität bei Frauen zwar ein zusätzliches Gefährdungsmerkmal gewesen, es habe aber „keine vergleichbaren systematischen Verfolgungen“ von Lesben unter den Nazis gegeben. Nichtsdestotrotz rief die Emma zu einer Unterschriftenaktion aus, um das Mahnmal auf lesbische Frauen zu „erweitern“.
Schließlich einigte man sich auf einen Kompromiss. Alle zwei Jahre soll ein neuer Film innerhalb des Denkmals gezeigt werden soll. Eine Jury soll aus den Einsendungen homosexueller Künstler auswählen und man kann wohl mit großer Sicherheit davon ausgehen, dass das nächste Video Sexualität zwischen Frauen thematisieren wird.
Ob ein Film über einen Kuss generell ein angemessenes Symbol ist, um an Misshandlung und Ermordung Homosexueller in den Konzentrationslagern der Nazis zu erinnern, ist eine ganz andere Frage. Darüber kann man durchaus geteilter Meinung sein.
Bedenkt man allerdings, dass ein Gedenkstein keinen Schlussstrich unter die Geschichte ziehen soll, spricht vieles für das „Film-Monument“ von Elmgreen und Dragset: Es besitzt interaktiven Charakter, Spaziergänger werden stehenbleiben und darüber diskutieren. Ihr Denkmal solle nicht nur ein Symbol für die Vergangenheit sein, sondern eines, das in die Gegenwart weiterwirkt, sagen die Künstler. Das deckt sich mit dem Beschluss des Bundestags, in dem es heißt, die Bundesrepublik wolle „die verfolgten und ermordeten Opfer ehren, die Erinnerung an das Unrecht wachhalten und ein beständiges Zeichen gegen Intoleranz, Feindseligkeit und Ausgrenzung gegenüber Schwulen und Lesben setzten.“ Und es wird betont, dass im nationalsozialistischen Deutschland „bereits ein Kuss unter Männern zur Verfolgung führen konnte“.
Die Debatte um das Denkmal war ermüdend, ärgerlich und zum Teil auch unwürdig. Dass sie so erbittert geführt wurde, zeigt jedoch eines ganz deutlich: Auch mehr als 60 Jahre nach dem Ende der NS-Diktatur ist die Gleichstellung von Schwulen und Lesben noch keine Selbstverständlichkeit.
- Datum 28.05.2008 - 12:55 Uhr
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