Paul Vasey ist Verhaltensforscher an der Universität in Lethbridge, Kanada. Er untersucht die weibliche Homosexualität freilebender japanischer Makaken. Er schrieb das Buch "Homosexual Behaviour in Animals: An Evolutionary Perspective".

ZEIT online: Sind Tiere schwul?

Paul Vasey: Ich nenne Tiere nicht "schwul", wenn ich darüber spreche. "Schwul" ist ein Begriff, der die Identität eines Menschen beschreibt. Ich würde sagen, dass Tiere gleichgeschlechtliche oder homosexuelle Verhaltensweisen zeigen. Es gibt keine Beweise dafür, dass Tiere wie Menschen "sexuelle Identitäten" aufbauen.

ZEIT online: Bei mehr als tausend Tierarten ist Homosexualität beobachtet worden. Ist sie also normal im Tierreich?

Vasey: Das Potenzial für homosexuelles Verhalten ist wohl weit verbreitet. Deswegen ist es aber nicht gleich alltäglich oder üblich. Wenn man diese Liste mit homosexuellen Tieren genau anschaut, stellt man nämlich fest, dass es bei einigen Arten nur einen einzigen beobachteten Fall gibt. Wenn jemand etwa einen Elch sieht, der gerade einen homosexuellen Kontakt hat, dann kommt der mit auf die Liste. Aber das ist nur eine Beobachtung in Tausenden von Stunden.

ZEIT online: Auf dieser Liste tauchen auch Fische, Insekten und Würmer auf.

Vasey: Ja, auch bei solchen Arten gibt es Beobachtungen. Aber über die Häufigkeit sagt die Liste nichts aus. Tatsächlich gibt es nur eine Handvoll Tiere, bei denen homosexuelle Kontakte so häufig auftreten wie beim Menschen oder Affen. Das ist ähnlich wie bei den Werkzeugen: Auch sie benutzen nur eine Handvoll Tiere. Das macht es natürlich nicht weniger interessant.

ZEIT online: Weiß man, warum Tiere sich homosexuell verhalten?

Vasey: Das ist unterschiedlich: Wenn ein Gänserich zum Beispiel kein Weibchen bekommen kann, oder wenn er sich von einem Weibchen getrennt hat, dann geht er oft eine Partnerschaft mit einem anderen Männchen ein und bildet mit ihm eine Allianz. Das hilft beiden Männchen, an Futter zu kommen und manchmal sogar, Zugang zu Weibchen zu haben.

ZEIT online: Ist Homosexualität also nur ein Zweck für Tiere?

Vasey: Nein, manche haben sichtbar Spaß daran: Ich arbeite in Japan mit wilden Affen, japanischen Makaken. Homosexuelles Verhalten unter Weibchen ist hier weit verbreitet. Wir haben Tausende solcher Kontakte untersucht. Die Weibchen stimulieren sich gegenseitig in der Genitalregion. Am Anfang dachten wir, sie tun es, um etwa Dominanz zu zeigen oder um Allianzen zu bilden. Aber es gibt keine Beweise dafür. Es ist ein rein sexuelles Verhalten. Sie machen es, weil es sie in diesem Augenblick befriedigt.