Schwule Tiere "Missbrauch durch die Politik"Seite 3/3

ZEIT online: Ist die Brisanz des Themas auch ein Grund, warum früher über solche Beobachtungen nicht gesprochen wurde?

Vasey:
Ja. Vor allem wollten die Forscher von ihren Kollegen nicht als "schwul" betrachtet werden. Erst in den letzten Jahren gab es mehr Fachdiskussion über die Existenz von gleichgeschlechtlichem Verhalten bei Tieren. Und auch heute gibt es nach wie vor nur wenige Forscher, die an diesem Thema arbeiten.

ZEIT online: Und warum nicht?

Vasey: Ein wichtiger Grund ist: Der Forschungsgegenstand - also homosexuelles Verhalten - kommt einfach nicht so häufig vor. Man kann kein Wissenschaftler sein und ein Verhalten von Tieren studieren, das nur einmal im Jahr auftritt. Niemand gibt ihnen Geld dafür.

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ZEIT online: Klingt, als würde Ihre Forschung auch heute noch nicht gewürdigt.

Vasey: Andere Wissenschaftler sehen, dass meine Arbeit mit Makaken sehr wissenschaftlich ist, und respektieren das. Es ist wahrscheinlich die detaillierteste Forschung an homosexuellem Verhalten bei irgendeiner Tierart. Aber die Öffentlichkeit beachtet es nicht. Stattdessen wird über Pinguine oder Gänse gesprochen. Mir kommt es vor, als glaubten die Leute ohnehin nur das, was sie glauben möchten. Egal, was die Forschung sagt.

Das Gespräch führte Bastian Dornbach .

 
Leser-Kommentare
  1. Immer wieder erfreulich, wenn auch Wissenschaftler zu Wort kommen dürfen :)Die Homosexualitäts-Debatte ist für einen aufgeklärten Menschen einfach nur befremdlich. Beide Streitparteien betrachten Homosexualität als unnatürlich, was sich bei der einen in massiver Ablehnung äußert und bei der anderen in übertriebener Selbstinszenierung niederschlägt. Für einen Wissenschaftler dagegen "ist" Homosexualität einfach. Woher der Drang, sie positiv oder negativ zu werten?Zumal die Diskussion um die Unnatürlichkeit ohnehin paradox ist: Ist ein Schwuler kein Mensch? Ist der Mensch keine natürliche Lebensform? Wie könnte es also überhaupt sein, dass Homosexualität unnatürlich wäre? Das geht doch gar nicht! In dem Moment, in dem sie vorkommt, hat sie ihre Natürlichkeit doch schon unter Beweis gestellt. Eine solche Diskussion können also nur Leute führen, die den Menschen von vornherein als unnatürlich betrachten. Dann wiederum macht der Vorwurf der Unnatürlichkeit jedoch keinerlei Sinn mehr.Und selbst wenn wir darlegen könnten, dass Homosexualität beim modernen Menschen evolutionär sinnvoll oder sinnlos sei: Was würde das ändern? Auf die Familienpolitik kann das keinen Einfluss haben, denn die orientiert sich an Reproduktion und Aufzucht. Ersteres ist über Adoption, Samenspende, künstliche Befruchtung möglich, letzteres setzt nicht voraus, dass die Elternteile unterschiedliche Geschlechtsorgane tragen. Und ansonsten fällt das konsensuelle Intimleben in der persönliche Freiheit der Beteiligten.Bei dem Homosexualitäts-Streit geht es also nicht um wissenschaftliche Forschungserkenntnisse, sondern um die Auseinandersetzung mit dem eigenen gestörten Verhältnis zu Sexualität. Daher kommt Paul Vasey zu genau dem richtigen Schluss:  "Mir kommt es vor, als glaubten die Leute ohnehin nur das, was sie glauben
    möchten. Egal, was die Forschung sagt."

  2. Rückschlüsse auf die Tierwelt lassen sich daraus nach Dborrmann aber nicht ziehen.....
     
    Ich habe schon witzigere, interessantere, exaktere, wissenschaftlichere Artikel zur Homosexualität gelesen.
     
     

  3. Die Forschung im Konstruktivismus (Wirklichkeitsforschung)* sagt: alle Wirklichkeit ist letzten  Endes erfunden  Verhaltensforscher Paul Vasey sagt hier: Mir kommt es vor, als glaubten die Leute ohnehin nur das, was sie glauben möchten. Egal, was die Forschung sagt.  Vielleicht gegenseitige Missachtung?* Paul Watzlawick: Die erfundene Wirklichkeit - Wie wissen wir, was wir zu wissen glauben? 

  4. Paul Vasey spricht selbstverständlich von wissenschaftlicher Forschung. Radikaler Konstruktivismus ist aber keine anerkannte wissenschaftliche Position. Einer meiner Universitätsdozenten pflegte das immer mit dem drastischen Beispiel zu veranschaulichen: "Die Wirklichkeit soll erfunden sein? Heißt das, der Holocaust hat 'objektiv' gar nicht stattgefunden? 6 Millionen Juden sind nie getötet worden, alles nur Einbildung?"Philosophen mögen sowas behaupten, die Wissenschaft tut das jedoch nicht. Nun kenne ich Paul Watzlawicks Ausführungen zu diesem Thema nicht, aber gemäßigter Konstruktivismus erschöpft sich generell in zwei trivialen Erkenntnissen:1.) Menschen sind immer subjektiv, nie objektiv.2.) Menschen handeln auf Basis ihrer Interpretation der Situation.Ersteres ergibt ich schon allein aus dem Begriff der Wahrnehmung; wir sehen kein UV-Licht, wir hören keinen Ultraschall, wir nehmen eine räumlich und zeitlich beschränkte Perspektive ein - es ist sonnenklar, dass wir nur einen Teil der Wirklichkeit wahrnehmen.Zweiteres ist als Thomas-Theorem seit einem ganzen Menschenleben niedergeschrieben. Menschen nehmen die Welt verschieden wahr, und darum sind nicht die objektiven Tatsachen die Grundlage unseres Denkens und Handelns, sondern unsere subjektive Interpretation ihrer. Auch das ist mit etwas Nachdenken nicht weiter revolutionär: Wenn sich ein Mensch beispielsweise irrt, dann denkt er natürlich auf Basis seines Irrtums weiter und geht nicht von den Tatsachen aus - so ist Irrtum schließlich definiert, dass man eine falsche Annahme für zutreffend hält!Um diese beiden Punkte zu verstehen, braucht man kein Konstruktivismus-Buch. Es genügen durchschnittliche Deutschkenntnisse und zwanzig Sekunden einfache Selbstbetrachtung...mir ist in meinem Leben jedenfalls kein Konstruktivist begegnet, der mehr zu sagen gehabt hätte.

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