Bioethik
Zwischen Wahrheit und Chimäre
Die Briten wollen für die Stammzellforschung Mensch und Tier mischen, und sogar die Zeugung von Helfergeschwistern erlauben. Das klingt nach ethischem Dammbruch. Aber ganz so einfach ist es nicht. Ein Kommentar
© Sandy Huffaker/Getty Images

Die wenigsten Ansätze für Stammzelltherapien sind über das Laborstadium hinaus
Ob man sie "Kunsch" nennen könnte jene gruselige Kreatur aus Kuh und Mensch, die angeblich demnächst aus britischen Labortüren wanken wird? Die abartige Vermischung von Zweibeinern und Rindviech, sie hat ja nun den Segen des Gesetzgebers im Vereinigten Königreich. Das Unterhaus stimmte am Montag für eine Herstellung von Hybridembryonen aus menschlichen und tierischen Zellen, voreilig "Chimären" genannt, damit auch klar wird, um welches Scheusal es hier geht. Und als ob das nicht schon erschütternd genug wäre, hat das Parlament gleich noch die Zeugung sogenannter Helfergeschwister erlaubt. Menschliche Embryonen, von denen nach künstlicher Befruchtung im Reagenzglas das am besten passende ausgesucht und dann ausgetragen wird, um kranken Brüdern oder Schwestern, wie es wieder vorschnell heißt, als "Ersatzteillager" zu dienen.
Es steht außer Frage, dass man sich dem Thema kritisch nähert, die ethische Berechtigung solcher Experimente und Handlungen infrage stellt. Doch was hier auf unappetitliche Weise vermischt und missbraucht wird, ist im Augenblick weniger die Menschenwürde oder der Embryo. Es sind die Vokabeln und die Argumente, und zwar vor allem im deutschen Lager der Kritik. Denn was die Abgeordneten im House of Commons nun scheinbar ohne Skrupel durchgewunken haben, hat mit dem viel zitierten Frankenstein genauso wenig zu tun wie mit ausgeschlachteten Kleinkindern oder kuhbekopften Zweibeinern.
Zunächst einmal zu den Chimären: Von solchen Mischembryos, die teils Mensch, teils Tier sind und sich allein aus der direkten Vermischung von embryonalen Geweben gewinnen lassen, spricht und schreibt man derzeit eigentlich nur in Deutschland. In Großbritannien dagegen dreht sich die Debatte um etwas anderes, um Hybride nämlich – Embryos, die mit Hilfe tierischer Eizellen gewonnen werden: Eine solche Eizelle, zum Beispiel aus der Kuh, wird vom eigenen Zellkern samt Erbgut befreit. In die leere Hülle setzt man einen Kern aus Zellen des Menschen, etwa aus der Haut. Das Verfahren ist letztlich dasselbe, das uns vor vielen Jahren das Klonschaf Dolly bescherte.
Der Embryo, der aus dem hybriden Klon erwächst, bleibt allerdings zu mehr als 99 Prozent humanen Ursprungs. Er muss laut britischem Gesetz nach spätestens 14 Tagen zerstört werden und darf auch nie in eine Gebärmutter eingesetzt werden. Und selbst wenn: Die Wahrscheinlichkeit, dass daraus ein lebensfähiges Wesen entstünde, ist ohnehin vernichtend gering.
Aber auf solche fleischgewordenen Schöpfungen haben es die Wissenschaftler gar nicht abgesehen. Sie möchten, wenn überhaupt, Stammzellen aus den hybriden Zellhäufchen gewinnen, von Schwerstkranken oder aus genetisch verändertem Erbgut, um an diesen Zellen zu forschen und wichtige Erkenntnisse über unheilbare Leiden zu gewinnen. Der Vorteil der Hybride liegt klar auf der Hand: Die Alternative wäre - aus britischer Perspektive - die ethisch weitaus heiklere Nutzung von menschlichen Eizellen. Sie lassen sich nur aus gesunden Frauen gewinnen, die schwere Nebenwirkungen in Kauf nehmen müssten. Und am Ende stünde die gezielte Herstellung und Zerstörung von rein menschlichen Embryonen, die im Gegensatz zu den Hybriden klar lebensfähig wären.
- Datum 24.9.2009 - 16:39 Uhr
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"Die Deutschen, die sich jetzt so schwer empören, haben sich ihrerseits für die Forschung an menschlichen embryonalen Stammzellen entschieden"
Das wäre ein hübscher Satz, wenn er denn wahr wäre. Denn die Deutschen haben sich nicht entschieden - es gab keinen Volksentscheid dazu. Entschieden habe das Politiker, deren Legitimität eh nur nur gesetzlich besteht, sind sie doch häufig nur das kleinste aller möglich Übel auf ihrem Platz und ebenso häufig haben sie ihre Haltung, auf Grund derer sie gewählt worden, lange schon geändert.
Nun, diese Politiker sind eben nicht "die Deutschen" und es sind auch im Großen und Ganzen nicht die, wo sich empören. Insofern ist vorstehender Artikel meines Erachtens wieder einmal ein Versuch der Meinungsbildung von ach so unabhängigen Journalisten, sprich ein weiterer Baustein im Programm der Volksverdummung.
ach ja, na dann...
und es wird zerstört sagen Sie? Sehr gut!
und die Wahrscheinlichkeit dass das daraus resultierende Wesen nicht überlebensfähig wäre ist sehr hoch? Prima! Weiter so! Hauptsache die kleinen Biester rennen nicht bald durch unsere Straßen. Obwohl wenn die Teile kein Gehirn haben und folglich auch keine Seele, dann könnte man sie doch als Putzhilfe im Haushalt benutzen oder?
Ich meine, Sie stellen richtig heraus, dass man nicht genau definieren kann, was Mensch ist und was nicht. Die Frage ist unlösbar, sagen Sie. Also, wir könnten doch bestimmt dann sagen, dass die Dinger keine Menschen sind. Ohne Hirn, kein Mensch, keine Würde, also Putzhilfe.
Danke!
Danke für die Aufklärung.
Leider herrscht in Deutschland eine merkwürdige Fortschrittsfeindlichkeit. Es würde mich nicht wundern, wenn die Briten all das mit deutschen Geräten zustande bringen. Nur in Deutschland darf man die eigene Technologie nicht anwenden, mal wegen der bösen Nazis, mal wegen einer verschwurbelten religiösen Ethik, mal wegen der persönlichkeitsbedingten Skrupel irgendwelcher Gutmenschen.
Wichtig ist doch, ob die richtigen Abwägungen gemacht werden. Das ist meines Wissens in GB gründlich geschehen.
@Liladebila
Wollen sie ernsthaft behaupten, dass unsere Bildzeitungs-Leser das Thema auch nur im Ansatz begreifen würden? Die Wissenschaft darf niemals dem Pöbel zur Bewertung angeboten werden. Deshalb gibt's ja die repräsentative Demokratie und Qualitätszeitungen wie die ZEIT.
ist meistens der, der die anderen als solches bezeichnet.
Jeder Bildzeitungs-Leser kann sich eine Meinung darüber bilden, ob es richtig ist, menschliche Zellen in tierischen Zellen einzupflanzen. Oder Hilfs-Geschwister heranzuzüchten. Und jeder hat eine Vorstellung davon, was ein Mensch ist und was nicht und was man tun darf und was nicht. Dagegen kommt keine wissenschaftliche Erklärung an, weil Wissenschaft nichts Menschliches an sich hat. Sie ist steril und neutral. WIR sind es aber nicht. Wir sind immer noch Menschen.
Tja, ich weiß auch nicht. Aber ich finde, dass das Volk nicht durch tendenziöse Beiträge von oben herab zum Pöbel gemacht werden sollte. Egal in welchem Blatt und im vorliegenden Falle meinte ich aber ganz konkret diese hier. Das war doch auch nicht wissenschaftlich und keineswegs dazu geeignet, den Leser bei der Bildung einer ausgewogenen Meinung zu unterstützen, oder?
ist meistens der, der die anderen als solches bezeichnet.
Jeder Bildzeitungs-Leser kann sich eine Meinung darüber bilden, ob es richtig ist, menschliche Zellen in tierischen Zellen einzupflanzen. Oder Hilfs-Geschwister heranzuzüchten. Und jeder hat eine Vorstellung davon, was ein Mensch ist und was nicht und was man tun darf und was nicht. Dagegen kommt keine wissenschaftliche Erklärung an, weil Wissenschaft nichts Menschliches an sich hat. Sie ist steril und neutral. WIR sind es aber nicht. Wir sind immer noch Menschen.
Tja, ich weiß auch nicht. Aber ich finde, dass das Volk nicht durch tendenziöse Beiträge von oben herab zum Pöbel gemacht werden sollte. Egal in welchem Blatt und im vorliegenden Falle meinte ich aber ganz konkret diese hier. Das war doch auch nicht wissenschaftlich und keineswegs dazu geeignet, den Leser bei der Bildung einer ausgewogenen Meinung zu unterstützen, oder?
Ersteinmal stimme ich in weiten Teilen #3 (brux) zu. Beim Punkt "Pöbel" möchte ich aber einhaken. Insbesondere auch, da #4 (bspiesser) glaubt die Meinungsführerschaft für "den Pöbel" übernehmen zu können.Ich glaube, dass wenn man jeden einzelnen Menschen in Deutschland alle verfügbaren Fakten der beiden Seiten vorlegen würde und diese einzeln - ohne Rücksprache mit anderen - über diese zu entscheiden hätten, dann würden sie die Stammzellenforschung in Deutschland unterstützen. Somit gehe ich mit beide, #3 und #4, nicht konform.Der BILD-Zeitungsleser ist nicht per se dumm. Er ist nur nicht ausreichend informiert und, das ist das eigentliche Problem, er will es auch nicht sein. Deshalb ist auch der Volksentscheid nicht per se die Lösung. Viele Menschen meiden Entscheidungen wie Tiere das Feuer. Deshalb werden Entscheider bestimmt. In der Politik, in der Wirtschaft, teils sogar in Familien. Weil Entscheidung nämlich neben Macht auch Verantwortung bedeutet und die wollen wenige übernehmen.Noch am Rande. BSpiesser hat ja bei #2 auch noch eine interessante Fantasie vorgeführt. Diese erinnert mich stark an Karikaturen die man zur Zeit der Pokenimpfungseinführung in Zeitungen sah. Erstaunlich ist, dass man derartige Ängste noch immer nicht überwunden hat.
"Dagegen kommt keine wissenschaftliche Erklärung an, weil
Wissenschaft nichts Menschliches an sich hat. Sie ist steril und
neutral."Selbstversändlich ist die Wissenschaft menschlich, sie ist das Produkt menschlicher Neugier. Die rationale Überlegung und empirische Forschung sind ebenso Aspekte des Menschseins wie die Emotionalität.
Wenn Menschen Kranken oder Todgeweihten durch Stammzellen helfen wollen ist das genauso menschlich wie die Bedenken gegen geklonte Lebewesen. Der Versuch hier sehr differenziert zu gesetzlichen Regeln zu greifen, ist nach meiner Meinung besser als plumpes "verteufeln"aller Wissenschaft.Trotzdem bleibt ein starkes Unbehagen über die zunehmende Manipulierbarkeit des Lebens. Ja, es gibt bereits massenhaft geklonte Tiere die munter und lebensfähig sind. Machbar ist bald vielleicht auch ein "Ersatzkind" für Eltern die eines verloren haben, welches seinem Vorgänger genetisch gleicht...
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