Es ist Ende Mai, der Frühling hat die Stadt Hildesheim fest im Griff, Grünpflanzen überwuchern alles. Auf dem Gelände des alten Phoenix-Werks, das in Kürze abgerissen werden soll, fand das zweite Prosanova-Festival für junge Literatur statt. Und wie auch beim ersten Mal 2005 haben die Macher den Frühling ins Konzept integriert: Überall wimmelt es von floralen Mustern, in der Begrüßungstüte ist für jeden eine Blumenzwiebel, in einem Veranstaltungsraum wurde eigens ein Beet mit Kakteen angelegt, die Veranstaltungen heißen Lichtfang oder Farnmontage . Vor drei Jahren ließ man den Autorennachwuchs in Hildesheimer Schrebergärten lesen, 2008 sind die Wiesen des Moritzbergs mit Lesungen übersät, überall räkeln sich junge Zuhörer in der Sonne.

Die Versuchung liegt nahe, aus diesem Wildwuchs Rückschlüsse auf den Studiengang Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus zu ziehen, aus dem das Festival hervorgeht. Ja, hier wuchert das Schreiben, hier ist die Freude am Experiment spürbar. Die Schreibenden können es sich auf der abgelegenen Insel Hildesheim leisten, nicht in den Mustern des Literaturbetriebs zu denken. Sie haben Platz und Zeit, mit ihren Texten zu reifen.

Das erklärt vielleicht auch ihre Begeisterung für die theoretischen Hintergründe, für ungewöhnliche Formen, für die Auseinandersetzung mit den Details der Literatur. Und es erklärt vielleicht, warum bisher nur recht wenige Autoren von hier für bundesweite Aufmerksamkeit gesorgt haben – unter ihnen Mariana Leky oder Paul Brodowsky .

In der Buchmessenstadt Leipzig und am dortigen Literaturinstitut sieht das schon anders aus. Die Studierenden dort werden vom Betrieb oft schon früh wahrgenommen, in ihrem Werdegang verfolgt und dann fix eingekauft. Das Deutsche Literaturinstitut Leipzig, das DLL, ist stärker etabliert als die Hildesheimer Schule. Aber die Gründe für die erhöhte Wahrnehmung durch Agenten und Lektoren liegen wohl eher in der Herangehensweise der dortigen Studenten: Viele haben schon ein Studium hinter sich, bevor sie ans DLL kommen und zielgerichtet am eigenen Debütroman arbeiten. Das mache, wie Paul Brodowsky es formuliert, das DLL zu einer regelrechten Debütantenfabrik – von Hildesheim natürlich nicht neidlos betrachtet. Und die Erfolge von Leipziger Absolventen wie Clemens Meyer , Juli Zeh und Saša Stanišić befeuern dieses Gefühl sicher noch.

Doch diese vermeintliche Konkurrenz ist möglicherweise gar nicht so groß, denn die Perspektive der Hildesheimer Studenten aufs Schreiben ist eine völlig andere: Viele kommen direkt nach dem Abitur her, oftmals ohne genaue Vorstellung, in welche Richtung die eigene kreative Arbeit gehen soll. "Die wenigsten, die hier anfangen", sagt der Institutsgründer Hanns-Josef Ortheil, "können von sich aus schreiben." Daher müsse man ihnen zuerst eine allgemeine Schreibkompetenz vermitteln, sei es literarisch, journalistisch oder wissenschaftlich, damit die Studenten später die für sie richtige Form wählen können. Das bestätigt auch Stefan Mesch, Student und Prosanova-Mitveranstalter: "Im Mittelpunkt steht die Herausbildung eines Formbewusstseins. Nur wenige hier werden später Schriftsteller." Es werde viel ausprobiert, gerne im Kollektiv, wobei sich die naive und enthusiastische Herangehensweise in fast allen Projekten zeige. Sei es die viel beachtete Literaturzeitschrift Bella triste , Buchprojekte wie die Landpartie oder eben das Prosanova-Festival.