Literaturfestival Bitte keine Wunschzettel
Beim Prosanova-Festival in Hildesheim feierte sich die junge Gegenwartsliteratur. Ein Gespräch mit den Autoren Jo Lendle und Thomas Pletzinger über Rollkoffer und schreibende Schoßhündchen
Es gibt in Deutschland zwei bedeutende Schreibschulen, die junge, erfolgreiche Literatur hervorbringen. Die eine ist das Deutsche Literaturinstitut in Leipzig, die andere der Studiengang für Kreatives Schreiben in Hildesheim. Zum zweiten Mal haben die Hildesheimer Studenten nun zu einem viertägigen Fest eingeladen, um mit den Gästen zu erkunden, wie es um die neue deutsche Literatur, die Prosanova, bestellt ist. Im Fokus stehen die Poetiken der Gegenwart, Ort des Geschehens ist ein stillgelegtes Fabrikgelände.
Jo Lendle (40), Autor und Lektor, und Thomas Pletzinger (33), Romandebütant, sprachen mit ZEIT online über die Gegenwart der jungen Literatur, über kollektive Autorenidentitäten und die Kritik an der Überförderung.
ZEIT online:
Herr Lendle, Herr Pletzinger, Sie beide sind Teilnehmer des Prosanova, des Gipfeltreffens junger Literatur. Mit dem Festival erlebt das Gelände, das eigentlich längst Vergangenheit ist, eine neue Gegenwart. Lässt sich das als Allegorie oder als Kontrast zur Lage der Literatur lesen?
Pletzinger:
Ich glaube, das ist rein pragmatisch gedacht …
Lendle:
… und Literatur braucht Orte, die etwas zu sagen haben. Da passt das historisch Aufgeladene der Räume ebenso wie das Wissen um ihr nahes Ende. Keine ganz schlechten Erfahrungen gerade für die junge Literatur: Wir haben Geschichte. Wir sind todgeweiht.
Pletzinger:
Aber ein wenig ist es auch wie in meinem Roman: Svensson lebt in einer Ruine und findet dort eine Art gegenwärtiges Leben. Vielleicht ist das auch so auf die Literatur zu übertragen. Die Fabrik hier lebt ja jetzt hier für ein paar Tage, obwohl sie kaputt ist und untergeht.
ZEIT online:
Wie die junge Literatur etwa?
Pletzinger:
Nein, dagegen lässt man hier ja kontrastreich Blumen wachsen.
Lendle: Und draußen unter den blühenden Kastanien watschelt ein ziemlich mutiges Entenpaar unerschrocken zwischen den Füßen der Festivalteilnehmer herum. Wahrscheinlich wurden die auch als Sinnbild der Gegenwartsliteratur gecastet.
ZEIT online:Bestattung eines Hundes
von Thomas Pletzinger wurde im Literaturteil der
FAZ
als nahezu perfektes Debüt und als Geistesgegenwartsliteratur gelobt. Ein paar Wochen zuvor wurde die Kritik geäußert, dass der Gegenwartsliteratur die Gegenwart abhanden gekommen sei. Wie steht es nun also um die Gegenwartsliteratur?
Pletzinger: Ich kann darüber schreiben, worauf ich einen Zugriff habe. Das ist keine Recherchefrage. Ich kann Geschichten und Hintergründe recherchieren – aber wenn ich keinen Zugriff darauf habe, bleibt es blutleer. In meinem Buch geht es um Geschlechterrollen, Geschlechterhierarchien, Arbeitsprozesse – wie viel Arbeit darf in einem Leben Platz haben, wie wirkt sich die Arbeit aufs Privatleben, die Liebe aus? Das sind alles Aspekte, die in unserer Zeit verhaftet sind.
ZEIT online:
Da gibt es die kurze Szene mit dem Rollkoffer: Die Frau der Hauptfigur hat ihrem Mann einen Rollkoffer geschenkt, da er beruflich so viel unterwegs ist. Der Trolli – das Paradigma unserer Gegenwart?
Pletzinger:
Genau, diese Rollkoffer gibt es seit ungefähr zehn Jahren. Aber erst in den vergangenen drei bis vier Jahren ist mir verstärkt aufgefallen, dass sie jeden Freitag und jeden Sonntag in allen Straßen deutscher Großstädte irgendwo entlangrappeln. Und es gibt so viele Leute, die ihre Rollkoffer hinter sich herziehen.
ZEIT online:
Jo Lendles Roman
Die Kosmonautin
, in dem Hella Bruns sich auf eine Reise zum Mond aufmacht, handelt wie Pletzingers Roman von einer Suche nach einer Art neuer Daseinslegitimation – rein impressionistisch oder mit Bezug zur Gegenwart?
Lendle:
Mein Roman spielt in einer nahen, fremden Zukunft, aber auf einem Terrain des letzten Jahrhunderts. Das gehört meiner Meinung nach in ein Buch über empfundene Gegenwart, dieses Reißen von beiden Seiten, zwischen Mitgeschlepptem und Vorausgeahntem.
ZEIT online:
Was ist mit der Kritik an der Gegenwartsliteratur: zu wenig Gegenwart, zu wenig gesellschaftspolitisch, zu verschnarcht?
Lendle:
Das sind im Grunde ganz alte Geschichten: Auch in einem historischen Roman kann ich gefühlte Gegenwärtigkeit darstellen. Man kann gar nicht anders, als seine eigene Welt hineinzuschreiben. Deshalb würde ich immer behaupten, es gibt keine anderen als gegenwärtige Bücher. Es gibt manchmal erstaunlich historische oder futuristische Schreibweisen. Dennoch ist das doch alles gemacht von Menschen, die ihre Anregungen aus dem Hier und Jetzt beziehen.
ZEIT online:
Die Protagonisten beider Romane stellen ihre Identität infrage. Was bedeutet Ihnen Identität – Sie sind eng verbandelt mit den sogenannten Schreibschulen, dem Deutschen Literaturinstitut in Leipzig und dem Studiengang für Kreatives Schreiben in Hildesheim.
Pletzinger:
Die Schulen haben nichts mit Identität zu tun, sondern mit Image. Es ist nur ein Label. Man lernt damit umzugehen. Es ist natürlich ärgerlich, wenn man darauf reduziert wird. Mit Identität als Schreibendem hat das wenig zu tun.
Lendle: Sehr wenig. Ich kenne das ja auch als Lektor: Ich lese bewusst die Lebensläufe nicht durch, wenn ich ein Manuskript bekomme. Aber es ist sicher kein Nachteil, wenn man diese Schulen besucht hat. Die Autoren sind professioneller, nicht so naiv wie das traditionelle Schriftstellerbild von der scheuen Hirschkuh …
Pletzinger:
… wobei es aber auch einige Hirschkühe an diesen Schulen gibt.
ZEIT online:
Debüts werden scheinbar besonders hoch gehandelt. Jeder hofft auf einen Kehlmann, der DuMont-Verlag hat mit Charlotte Roche den Coup gelandet. Das Debüt muss sitzen, sonst wird man nichts. Wie geht man als Debütautor damit um?
Lendle:
Die überhitzte Goldgräberstimmung ums erste Werk ist sicherlich vorbei. Jeder weiß, dass Autoren sich auf der Strecke beweisen. Dennoch haben alle Beteiligten Spaß am Entdecken. Da stürzt man sich gern aufs Neue, das dadurch besondere Aufmerksamkeit erfährt. Natürlich geht es auch um Einlasskontrollen für die verschiedenen Klubs, insofern stellt ein Debüt durchaus Weichen. Aber Erfolge gibt es ebenso häufig über allmähliches Wachsen – Daniel Kehlmann ist dafür das erfreulichste Beispiel.
Pletzinger:
Man ist natürlich sehr erleichtert, wenn das Debüt gut geht. Aber man weiß auch, dass es nur der Anfang ist.
ZEIT online:
Werden Autoren zu sehr gefördert?
Pletzinger:
Das ist natürlich eine provokant klischierte Vorstellung. Die Notwendigkeit, ein Buch zu schreiben, ist entweder da oder nicht. Zugegeben: Ein Schoßhündchen kann nicht wie ein Wolf schreiben. Aber ich glaube, die Existenz als Autor ist schon kompliziert genug. Das ist auf psychologischer Ebene nicht so einfach. Man arbeitet ja mit seinem eigenen Leben. Ich teile aber die Meinung, dass man nicht nur von Stipendien leben sollte. Es gibt nichts Traurigeres als eine Autorenexistenz, die mit 45 merkt, dass jetzt die Stipendien wegbrechen. Ich selbst arbeite noch nebenbei als Übersetzer, und ich unterrichte, ich betreibe Mehrfelderwirtschaft. Aber deshalb bin ich kein besserer Autor.
Lendle:
Wir leben eben in einer gesättigten, reifen Gesellschaft. Viele Autoren schreiben über ihre Großeltern, weil diese noch richtig etwas erlebt haben, während sie selbst in einer etwas piefigen Kinderstube aufgewachsen sind. Das wird häufig kritisiert. Und das Jammern der Kritiker läuft auf die radikale Forderung nach einem neuen Krieg hinaus. Anders bekommen wir hier keine Unruhe ein. Aber das ist natürlich eine dumme Forderung.
Pletzinger:
Es gibt auch kleine Kriege auf anderen Ebenen.
Lendle: Wir sind die Generation der Erben, die kein derart grundsätzliches äußeres Leid erlebt haben. Natürlich gibt es Fälle, die sich nur um sich selbst drehen, die selbstbezüglich werden. So etwas kann über ein Stipendiensystem leicht verstärkt werden. Aber Autoren deshalb leiden zu lassen, wäre ein seltsames Missverständnis. Und zum Glück liegt die Auftragskunst hinter uns, da sollte man der Literatur keine Wunschzettel schicken. Bei allen möglichen Abhängigkeiten von Markt oder Meinung: Jeder Autor braucht seinen Vorrat an innerer Unabhängigkeit, für die er letztlich selbst Sorge trägt.
Das Gespräch führte
Susanne Schmetkamp
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- Datum 28.05.2008 - 08:49 Uhr
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