Literaturfestival Bitte keine WunschzettelSeite 3/3

ZEIT online: Debüts werden scheinbar besonders hoch gehandelt. Jeder hofft auf einen Kehlmann, der DuMont-Verlag hat mit Charlotte Roche den Coup gelandet. Das Debüt muss sitzen, sonst wird man nichts. Wie geht man als Debütautor damit um?

Lendle: Die überhitzte Goldgräberstimmung ums erste Werk ist sicherlich vorbei. Jeder weiß, dass Autoren sich auf der Strecke beweisen. Dennoch haben alle Beteiligten Spaß am Entdecken. Da stürzt man sich gern aufs Neue, das dadurch besondere Aufmerksamkeit erfährt. Natürlich geht es auch um Einlasskontrollen für die verschiedenen Klubs, insofern stellt ein Debüt durchaus Weichen. Aber Erfolge gibt es ebenso häufig über allmähliches Wachsen – Daniel Kehlmann ist dafür das erfreulichste Beispiel.

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Pletzinger: Man ist natürlich sehr erleichtert, wenn das Debüt gut geht. Aber man weiß auch, dass es nur der Anfang ist.

ZEIT online: Werden Autoren zu sehr gefördert?

Pletzinger: Das ist natürlich eine provokant klischierte Vorstellung. Die Notwendigkeit, ein Buch zu schreiben, ist entweder da oder nicht. Zugegeben: Ein Schoßhündchen kann nicht wie ein Wolf schreiben. Aber ich glaube, die Existenz als Autor ist schon kompliziert genug. Das ist auf psychologischer Ebene nicht so einfach. Man arbeitet ja mit seinem eigenen Leben. Ich teile aber die Meinung, dass man nicht nur von Stipendien leben sollte. Es gibt nichts Traurigeres als eine Autorenexistenz, die mit 45 merkt, dass jetzt die Stipendien wegbrechen. Ich selbst arbeite noch nebenbei als Übersetzer, und ich unterrichte, ich betreibe Mehrfelderwirtschaft. Aber deshalb bin ich kein besserer Autor.

Lendle: Wir leben eben in einer gesättigten, reifen Gesellschaft. Viele Autoren schreiben über ihre Großeltern, weil diese noch richtig etwas erlebt haben, während sie selbst in einer etwas piefigen Kinderstube aufgewachsen sind. Das wird häufig kritisiert. Und das Jammern der Kritiker läuft auf die radikale Forderung nach einem neuen Krieg hinaus. Anders bekommen wir hier keine Unruhe ein. Aber das ist natürlich eine dumme Forderung.

Pletzinger: Es gibt auch kleine Kriege auf anderen Ebenen.

Lendle: Wir sind die Generation der Erben, die kein derart grundsätzliches äußeres Leid erlebt haben. Natürlich gibt es Fälle, die sich nur um sich selbst drehen, die selbstbezüglich werden. So etwas kann über ein Stipendiensystem leicht verstärkt werden. Aber Autoren deshalb leiden zu lassen, wäre ein seltsames Missverständnis. Und zum Glück liegt die Auftragskunst hinter uns, da sollte man der Literatur keine Wunschzettel schicken. Bei allen möglichen Abhängigkeiten von Markt oder Meinung: Jeder Autor braucht seinen Vorrat an innerer Unabhängigkeit, für die er letztlich selbst Sorge trägt.

Das Gespräch führte Susanne Schmetkamp .

 
Leser-Kommentare
  1. [Gelöscht. Bitte beachten Sie, dass in diesem Forum die zugelassenen Verkehrssprachen Deutsch und Englisch sind. Vielen Dank. /Die Redaktion pt.]

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