Rundfunk Armes Berlin!Seite 2/2

Als der Radiosender Multikulti 1994 als SFB4 RADIOmultikulti gegründet wurde, war dies ein beispielhaftes Konzept, Menschen aus unterschiedlichen Sprach- und Kulturbereichen miteinander zu vernetzen. Dabei sollte die programmatische Vielfalt zur Entfaltung neuer Denkräume beitragen. Seitdem versorgen die Moderatoren ihre Hörer mit Wissen aus aller Welt, aus dem Senegal, aus Brasilien oder aus Neapel. Sie berichten von den Ideen der Musiker und Künstler dort, von dem täglichen Leben auf den Straßen. Sie organisieren Konzerte und Ausstellungen, unterstützen Kultur- und Bildungsprojekte in Berlin und bieten Migranten ein kulturelles und gesellschaftliches Netzwerk.

Wenn Radio Multikulti nun abgewickelt wird, soll die WDR-Sendung Funkhaus Europa den Sendeplatz füllen. Das kann jedoch keine Alternative sein. Radio Multikulti ist ein Format, das speziell auf Berlin und seine kulturelle Vielfalt zugeschnitten ist. Gerade das macht den Sender so wertvoll. Er berichtet nicht allgemein, er berichtet von der Stadt und ihren Bewohnern, von ihren Projekten, Träumen, Abgründen und Hoffnungen. Dabei werden in Interviews mit Politikern und Künstlern auch brennende Themen wie Ausländerfeindlichkeit und Flüchtlingsarmut angesprochen.

Es muss jetzt also darum gehen, alternative Finanzierungskonzepte zu finden, um Radio Multikulti zu erhalten. Sonst steuern die öffentlich-rechtlichen Anstalten auf ein Programm zu, dass der Eintönigkeit einer deutschen Fußgängerzone ähnelt: mit austauschbaren, weil überall gleichen Formaten.

Die seit Jahren fortschreitende Verarmung des öffentlich-rechtlichen Radios muss aufhören. Es kann nicht sein, dass die Intendantin einer ARD-Anstalt ohne Geld da sitzt, weil der Großteil ihrer Hörer Sozialhilfe bezieht. Für solche Fälle muss die ARD einen Fonds einrichten, oder es muss eine nationale Kulturförderung geben.

Institutionen wie Bayreuth oder die Berliner Opernstiftung werden bezuschusst, und die Eintrittskarten bleiben trotzdem nur für die gesellschaftliche Elite erschwinglich. Vor diesem Hintergrund erscheint die Förderung eines integrativen Kulturkonzepts, wie Radio Multikulti es vertritt, umso zwingender.

Die Radiolandschaft sollte die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit abbilden. Berlin ist eine bunte Stadt, das macht sie spannend und reizvoll. Diese Vielfalt, wie im Leben, so im Funk, muss erhalten bleiben. Sonst ist unsere Hauptstadt bald noch ärmer – und gar nicht mehr sexy.

Noch ist Radio Multikulti über das Internet zu empfangen und auf der Berlin-Frequenz 96,3.

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Leser-Kommentare
  1. "Das darf sich eine öffentlich-rechtliche Anstalt nicht leisten." Aber ja, der öffentlich rechtliche rbb darf sich nur leisten, was  er sich leisten kann.
    Viel eher ob Multikulti ja oder nein stellt sich mir die Frage, kann sich der rbb eine Intendantin wie Frau Reim leisten, die sich nur selbst feiert? Wenn Sie dabei zu der Überzeugung kommen: "nein", kann ich mich anschließen.

  2. Es ist doch eine durchsichtige Strategie der Intendantin zu behaupten, Programme wie "Multikulti"oder "Polylux" einstellen zu wollen. Sie weiß genau, daß sich in den Medien viele empörte Stimmen finden, um dies zu verhindern. Das eigentliche Problem ist, daß die öffentlich-rechtlichen Anstalten trotz der mehr als üppigen Rundfunkgebühren nicht ordentlich haushalten wollen. Die Gebührenzahler – genauso wie die Steuerzahler – werden bedenkenlos geschröpft, sie werden sich sowieso nicht wehren. Die bei – und von – den Anstalten Beschäftigten machen sich währenddessen ein sehr, sehr schönes Leben. 

    • KHJ
    • 27.05.2008 um 22:39 Uhr

    Es ist jetzt offiziell: Das erste Multikulti-Projekt ist gescheitert aus Kostengründe. Das ist nicht neu, neu dagegen ist, dass es aus Zwangs-Gebühren  bezahlt wurde. Der RBB schaltet Radio Multikulti ab. Der Aus-Schalter wurde endlich gefunden!Damit stirbt ein Sender, der wie
    kein anderer die Vielfalt der Hauptstadt repräsentiert. (t) (statt Blumen, bitte Spenden an folgende Bank überweisen, Konto.Nr....)Das darf sich
    eine öffentlich-rechtliche Anstalt nicht leisten. Doch, dass darf sie,  alleine schon aus Kosten- und Qualitätsgründen!

  3. Ich wohne zwar nicht im Empfangsbereich dieses Sendeprogramms, freue mich aber trotzdem über diese überaus erfreuliche Nachricht. Einziger Wehmutstropfen bleibt die Tatsache, dass diese äußerst vernünftige Entscheidung lediglich aus finanziellen Gründen denn aus Überzeugung gefällt worden ist.

  4. R.M.Aufgewachsen im ehemaligen Bezirk Potsdam, war für mich der damalige Sender SFB 2 so etwas, wie das Tor zur Welt. Gute Moderatoren, informativ und nicht nur gängige Musik. Seit gut 19 Jahren in Hannover mit einer regional katstrophalen Radiolandschaft. Ausser Deutschlandradio Kultur, NDR-Info und Kultur bleibt da nur das Internet, wo es zum Glück noch Sender wie Radio Eins (aus dem SFB hervor gegangen) gibt. Auch wenn ich nicht zu den Hörern von Radio MultiKulti gehörte, so ist doch wieder ein Farbtupfer aus der schon öden und gleichgeschalteten Radiolandschaft verschwunden. Vor einigen Jahren wurde dieses und das rapide  Absinken des Niveaus schon von Musikern und Künstlern hier zu Lande beklagt, aber geändert hat sich nicht's. Eher das Gegenteil ist der Fall!

  5. Die Hauptstadt befindet sich in einem unvorstellbaren finanziellen Desaster. 60 Milliarden EUR Schulden, Tendenz steigend. Berlin unterhält ein eigenes Kreditreferat, in welchem eigens dafür angestellte Mitarbeiter Agenturmeldungen auf Monitoren überwachen, welche die Zinsentwicklung zeigen. Wenn dann günstig Kredite aufgenommen werden können, kontaktieren sie die Banken. Das die Stadt dies nicht allein zu verschulden hat, steht außer Frage. Da ist es nur logisch, dass sich  Schulden auch im Bereich der öffentlich rechtlichen Rundfunkanstalten ergeben.
    Radio Multikulti habe nur 37.000 Hörer täglich, was seine Schließung begründen soll, und weiter wird im ZEIT - Artikel auf die Tatsache verwiesen, dass die Hörerzahlen auf einer wenig repräsentativen Umfrage beruht. Nun, zunächst mal werden Einschaltquoten mit der so genannten Teleskopie in Deutschland im Auftrag der Sender gemessen. Diese findet über die die GfK, Gesellschaft für Konsumforschung statt, was jährlich auch bis zu 20 Millionen Euro kostet. Es ist also stark zu bezweifeln, dass hier ausgerechnet abweichend untersucht wurde.
    Der Sender RBB (Berlin-Brandenburg) verfügt in seinem Ausstrahlungsbereich derzeit über 7 Radioprogramme. In Berlin und Brandenburg leben rund 6 Millionen Menschen (vergleiche Bayern mit 12,5 Mio. Einwohnern und 6 Programme). Berlin hat insgesamt eine enorme Anzahl von Radiosendern auch im Bereich der Privaten.
    Radio Multikulti hat nun in der jüngsten Media-Analyse vom März 2008 einen Marktanteil von 0,8 Prozent!! Steht übrigens auf deren eigener Homepage, das mal „zur zweifelhaften Zahlenangabe“. Der RBB gibt den jährlichen Spareffekt durch das "Aus" für Radio Multikulti mit rund drei Millionen Euro an.
    Nun wird Multikulti durch das WDR-Funkhaus Europa“ ersetzt, das 1998 gegründet wurde und ähnlich wie "radiomultikulti" ein 24-stündiges Programm in Deutsch und 17 (!!) weiteren Sprachen sendet.
    Wo ist jetzt bitte das Problem, liebe ZEIT Redakteure? Das sich Öffentlich-Rechtliche anscheinend alles doppelt leisten wollen, aber nicht können? Dieser Sender ist nicht rentabel und wird geschlossen, aber durch ein adäquates Programm ersetzt.
    Zwei Seiten in der "ZEIT" über ein unrentables Objekt? Etwa nur weil das Label Multikulti heißt? Denn die Einstellung von „Polylux“ ist nicht mal einen Nebensatz wert.
    Die ZEIT erreicht laut Media-Analyse 2007 rund 2,12 Millionen Leser, die verkaufte Auflage III. Quartal 2007 lag bei etwa 480.000 Exemplaren.
    Was meinen Sie, was passiert, wenn Sie nur noch 37.000 Leser erreichen?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Funkhaus Europa IST kein Ersatz für radiomultikulti. Erstens einmal ist das Programm des Senders selbst geprägt durch eine große inhaltliche Zuarbeit von multikulti - dann wiederum sitzt multikulti in Berlin und hält neben überregionalen Inhalten auch ganz spezifische Infos für diese Stadt bereit. Und davon profitieren beispielsweise bei den Veranstaltungstipps eine ganze Menge Berliner Veranstaltungsorte. Das alles kann ein Format des WDR nicht bieten.radiomultikulti mag ein kleiner Sender sein, aber ich wage zu behaupten, dass sein Stellenwert im Leben seiner Hörer höher ist als bei manch einem austauschbaren Mainstreamradio. "Zwei Seiten in der "ZEIT" über ein unrentables Objekt? Etwa nur weil das Label Multikulti heißt?"Nein, nicht nur, weil das Label multikulti heißt, sondern weil es multikulti ist. Hinter diesem Radio stehen verdammt viele Ideen. Ständig schlagen die Politiker die Hände über dem Kopf zusammen und reden davon, dass wir eine bessere Integrationspolitik brauchen. Bei radiomultikulti passiert das. Hier geht's um Vielfalt, Toleranz und Austausch in einer multikulturellen Metropole, nämlich Berlin, die ihresgleichen sucht. Deshalb ist die Einstellung von multikulti auch politisch brisant und höchst symbolisch aufgeladen, denn sie wird - und das keineswegs zu Unrecht - als eine Absage an eine ganz spezifische Form der Integrationspolitik gewertet. Dass gerade ein Format, das zur,  ich nenne es mal platt Völkerverständigung, wirklich aktiv beiträgt, eingestellt wird, finde ich mehr als bedenklich.Was multikulti leistet, lässt sich nun mal nicht in finanziellen und wirtschaftlichen Kategorien messen. Gespart werden kann an genug anderen Ecken und Enden, daran habe ich keinen Zweifel. Dass es multikulti treffen soll, finde ich hochgradig falsch. Danke an DIE ZEIT, die dem Thema Raum eingeräumt hat.

    Funkhaus Europa IST kein Ersatz für radiomultikulti. Erstens einmal ist das Programm des Senders selbst geprägt durch eine große inhaltliche Zuarbeit von multikulti - dann wiederum sitzt multikulti in Berlin und hält neben überregionalen Inhalten auch ganz spezifische Infos für diese Stadt bereit. Und davon profitieren beispielsweise bei den Veranstaltungstipps eine ganze Menge Berliner Veranstaltungsorte. Das alles kann ein Format des WDR nicht bieten.radiomultikulti mag ein kleiner Sender sein, aber ich wage zu behaupten, dass sein Stellenwert im Leben seiner Hörer höher ist als bei manch einem austauschbaren Mainstreamradio. "Zwei Seiten in der "ZEIT" über ein unrentables Objekt? Etwa nur weil das Label Multikulti heißt?"Nein, nicht nur, weil das Label multikulti heißt, sondern weil es multikulti ist. Hinter diesem Radio stehen verdammt viele Ideen. Ständig schlagen die Politiker die Hände über dem Kopf zusammen und reden davon, dass wir eine bessere Integrationspolitik brauchen. Bei radiomultikulti passiert das. Hier geht's um Vielfalt, Toleranz und Austausch in einer multikulturellen Metropole, nämlich Berlin, die ihresgleichen sucht. Deshalb ist die Einstellung von multikulti auch politisch brisant und höchst symbolisch aufgeladen, denn sie wird - und das keineswegs zu Unrecht - als eine Absage an eine ganz spezifische Form der Integrationspolitik gewertet. Dass gerade ein Format, das zur,  ich nenne es mal platt Völkerverständigung, wirklich aktiv beiträgt, eingestellt wird, finde ich mehr als bedenklich.Was multikulti leistet, lässt sich nun mal nicht in finanziellen und wirtschaftlichen Kategorien messen. Gespart werden kann an genug anderen Ecken und Enden, daran habe ich keinen Zweifel. Dass es multikulti treffen soll, finde ich hochgradig falsch. Danke an DIE ZEIT, die dem Thema Raum eingeräumt hat.

  6. Ich arbeite seit 3 Jahren in Media Bereich, und so was freches wie Radio multi Kulti habe ich noch nie gesehen und erlebt in meinem ganzen Leben. Der Radio Sender sucht ständig neue Mitarbeiter, die andere Sprachen können (eine Gabe die immer mehr geschätzt wird), nur werden die Mitarbeiter nicht bezahlt. Voraussetzungen dafür sind nicht die Gabe der Bewerber sondern ob Sie Lust und Zeit haben GRATIS zu arbeiten, heißt das als Praktikum vielleicht? Aber was für ein Sender ist das denn der nur durch die Arbeit der Praktikanten überlebt??Somit ist erstmal erklärt worden warum Radio Multi Kulti jedes Jahr neue Leute sucht. Aber vor allem ist es die reine Unverschämtheit wenn man denkt dass RMK ständig viele Subventionen bekommen hat und dazu kommt noch Werbung usw. Also ICH FREU MICH UNHEIMLICH SEHR dass endlich mal RMK zu macht, weil wir haben zur Zeit echt zu viele Firmen die skrupellos (und vor allem Studenten)  ausnutzen. Hat Berlin und RBB Schulden? Das hat bestimmt nichts zu tun mit der Ausnutzung ehrlicher Arbeiter.

  7. Funkhaus Europa IST kein Ersatz für radiomultikulti. Erstens einmal ist das Programm des Senders selbst geprägt durch eine große inhaltliche Zuarbeit von multikulti - dann wiederum sitzt multikulti in Berlin und hält neben überregionalen Inhalten auch ganz spezifische Infos für diese Stadt bereit. Und davon profitieren beispielsweise bei den Veranstaltungstipps eine ganze Menge Berliner Veranstaltungsorte. Das alles kann ein Format des WDR nicht bieten.radiomultikulti mag ein kleiner Sender sein, aber ich wage zu behaupten, dass sein Stellenwert im Leben seiner Hörer höher ist als bei manch einem austauschbaren Mainstreamradio. "Zwei Seiten in der "ZEIT" über ein unrentables Objekt? Etwa nur weil das Label Multikulti heißt?"Nein, nicht nur, weil das Label multikulti heißt, sondern weil es multikulti ist. Hinter diesem Radio stehen verdammt viele Ideen. Ständig schlagen die Politiker die Hände über dem Kopf zusammen und reden davon, dass wir eine bessere Integrationspolitik brauchen. Bei radiomultikulti passiert das. Hier geht's um Vielfalt, Toleranz und Austausch in einer multikulturellen Metropole, nämlich Berlin, die ihresgleichen sucht. Deshalb ist die Einstellung von multikulti auch politisch brisant und höchst symbolisch aufgeladen, denn sie wird - und das keineswegs zu Unrecht - als eine Absage an eine ganz spezifische Form der Integrationspolitik gewertet. Dass gerade ein Format, das zur,  ich nenne es mal platt Völkerverständigung, wirklich aktiv beiträgt, eingestellt wird, finde ich mehr als bedenklich.Was multikulti leistet, lässt sich nun mal nicht in finanziellen und wirtschaftlichen Kategorien messen. Gespart werden kann an genug anderen Ecken und Enden, daran habe ich keinen Zweifel. Dass es multikulti treffen soll, finde ich hochgradig falsch. Danke an DIE ZEIT, die dem Thema Raum eingeräumt hat.

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