Fussball-Geschichte Wie der Trainer, so der Kanzler
Herberger passte zu Adenauer, Vogts zu Kohl, Merkel harmonierte mit Klinsmann und Löw: Zwischen Politik und Fußball gab es immer schon starke Parallelen. Eine kleine Zeitgeschichte zur EM

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Brandt und Schön: Sie verkörperten einen neuen Zeitgeist
Konrad Adenauer interessierte sich bekanntermaßen nicht für das Spiel mit dem Ball. Der erste deutsche Bundeskanzler wusste, was eine Rosenschere ist, aber er konnte einen Torpfosten nicht von einer Eckfahne unterscheiden. Niemals wäre der christdemokratische Rosenzüchter und Boccia-Spieler zu Fritz Walter, Toni Turek und Helmut Rahn in die Kabine gestürmt und hätte gesagt: „Jetzt werdet Weltmeister“. Nie hätte der Alte aus Rhöndorf dem Bundestrainer Sepp Herberger kumpelhaft auf die Schulter geklopft. Deutschland wurde 1954 Fußballweltmeister, obwohl die Helden von Bern nicht mit einem Regierungsauftrag ausgestattet waren.
Ganz anders die Gegenwart. „Jetzt werdet Europameister!“, soll Angela Merkel laut
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-Zeitung gesagt haben, als die Kanzlerin nach dem letzten Vorbereitungsspiel gegen Serbien am Wochenende die zukünftigen Helden von Wien in den Katakomben der Schalke-Arena aufsuchte. So gesehen kann beim Projekt Gipfelsturm eigentlich gar nichts mehr schief gehen: Wenn am kommenden Wochenende in der Schweiz und Österreich die Fußball-EM beginnt, stehen Politiker aller Parteien wie ein zwölfter Mann hinter Bundestrainer Jogi Löw und seinen Mannen. Deutschland kennt für drei Wochen wieder einmal keine Parteien mehr, sondern nur Fußballfans.
Fußball und Politik – von Adenauer bis Merkel, von Herberger bis Löw, vom Wunder von Bern bis zum Wiener Gipfelsturm, war schon immer ein ganz besonderes Verhältnis. Fast immer bildeten Bundestrainer und Bundeskanzler mehr oder weniger kongeniale Paare.
Auch wenn Adenauer mit dem Fußball wenig anfangen konnte und sich Herberger nicht um Politik scherte, leisteten beide schon in den fünfziger Jahren jeweils ihren Beitrag zum westdeutschen Gründungsmythos. Die Weltmeisterschaft 1954 ermöglichte dem gepeinigten und geschlagenen Volk eine nationale Ersatzidentifikation, die Bonner CDU-Regierung organisierte zum unpolitischen Wir-sind-wieder-wer-Gefühl das passende Wirtschaftswunder.
Bei Adenauer und Herberger stechen auch sonst die Parallelen ins Auge: Beide waren konservativ, grantig und autoritär. Beide appellierten an die deutschen Tugenden, an Willensstärke und Kampfkraft. Adenauer war der Boss im Kanzleramt, Herberger der Boss neben dem Platz. „Ja Chef“, mehr hatten die elf Freunde bei ihm nicht zu sagen.
Doch irgendwann ließ sich der gesellschaftliche Wandel nicht mehr länger aufhalten. So folgte auf die Studentenrevolte die Fußballrevolution, auf Willy Brandts Wahlkampfslogan „mehr Demokratie wagen!“ die Devise „mehr Fußballkunst wagen“. Der Doppelpass ersetzte die Blutgrätsche. Willy Brandt und Helmut Schön verstanden die rebellierende Jugend, der Bundeskanzler und der Bundestrainer waren keine Tyrannen, sondern ließen ihren Mannen den Raum zu spielen.
Kein Wunder, dass bei der Europameisterschaft 1972 im Finale in Brüssel die spielfreudigste und spielstärkste deutsche Mannschaft aller Zeiten auflief. 3:0 fertigten Franz Beckenbauer, Günter Netzer, Gerd Müller und Co. die Sowjetunion ab. Den Sieg in der Systemauseinandersetzung trugen sie obendrein davon.
Nach Brandt und Schön kamen dann die lange Unterschätzten ans Ruder, politisch wie fußballerisch. Helmut Schmidt schrieb als gestürzter Bundeskanzler Geschichte, Jupp Derwall war als Bundestrainer verantwortlich für die Schmach von Córdoba, die 3:2-Niederlage gegen Österreich bei der Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien. Dabei war Helmut Schmidt wohl der klügste und effektivste Kanzler, den Deutschland je hatte, und Jupp Derwall bescherte Deutschland immerhin den EM-Titel 1980.
Zwar bieten Weltmeisterschaften mehr Spektakel, aber noch immer gilt, dass es weit schwerer ist, eine Europameisterschaft zu gewinnen. Doch gewürdigt wird das von den Fans kaum. Das war Derwalls Schicksal. Ähnliches gilt für Berti Vogts, dem Europameistertrainer von 1996.
Damals war Helmut Kohl schon 14 Jahre Kanzler. Der Lack war ab, der deutsche Fußball genauso in der Krise wie der deutsche Sozialstaat. Nur das englische Unvermögen bei Elfmetern und ein Glückschuss von Oliver Bierhof bescherte Deutschland den dritten EM-Titel.
Das frühe Scheitern bei den Weltmeisterschaften 1994 und 1998 hingegen war bereits ein Spiegelbild des wirtschaftlichen Niedergangs nach der Wiedervereinigung. Nur der Männerfreund Helmut Kohl hielt Berti Vogts davon ab, schon 1994 alles hinzuschmeißen. Das Wort Rücktritt kannte Kohl nicht, das musste auch der bekennende Konservative Berti Vogts lernen.
Für Kohls glanzvolle Jahre steht indes im Fußball die Ära des Teamchefs Franz Beckenbauer. Der „Kaiser“ traute sich 1990 das auszusprechen, was der Politiker Kohl nie gewagt hätte: Auf Jahre sei Deutschland „unschlagbar", wenn nun auch noch die Spieler aus der DDR zur Nationalmannschaft stießen.
Welch ein Irrtum. Der Übermut Beckenbauers nach dem WM-Sieg 1990 und der Überschwang Kohls, der die Wiedervereinigung aus der Portokasse zahlen wollte, zeigen, wie Euphorie den Verstand vernebeln kann.
Nach Kohl und Vogts kamen die jovialen Graumelierten, Erich Ribbeck und Rudi Völler sowie Gerhard Schröder. Sie seien hier nur am Rande erwähnt, weil sie im Verhältnis von Fußball und Politik die schwächsten Einheiten bildeten. Das mag allerdings auch daran liegen, dass in Schröder der einzige einst aktive Hobbyfußballer und ehemaliger Mittelstürmer des TuS Talle den Weg ins Kanzleramt gefunden hatte. Die Politik dieser Zeit hatte etwas Lautes, Arenahaftes. Die Leistungen der deutschen Nationalelf waren dagegen bescheiden. Zwei peinliche Europameisterschaften ohne einen einzigen Sieg sind die Bilanz dieser Jahre.
Erst mit Jürgen Klinsmann begann vor vier Jahren die Globalisierung im deutschen Fußball. Wäre Schröder nicht 2005 aus eigenem Entschluss vorzeitig abgewählt worden, hätte man sicher einen Zusammenhang herstellen können – zwischen den rot-grünen Arbeitsmarktreformen und Klinsmanns Fußballreformen, die ab 2004 den DFB durcheinanderwirbelten. Und was ist schon ein sozialdemokratischer Streit um die Kanzlerkandidatur dieser Tage gegen einer DFB-Trainerfindungskommission, die 32 Tage brauchte, um den Sunnyboy in Huntington Beach aufzuspüren?
Die kurze Ära Klinsmann bedeutete eine Revolution im deutschen Fußball. Aus Kalifornien führte er die deutsche Elf ins Sommermärchen bei der WM im eigenen Land. Mit Internet und SMS sowie amerikanischen Trainingsmethoden bereitete er seine Spieler auf das Turnier vor. Angela Merkel saß mehrmals auf der Tribüne und jubelte. Unverkrampft und weltoffen präsentieren sich beide, der Schwabe und die Ostdeutsche verstanden sich prächtig. Was auch damit zusammenhängen könnte, dass beide in ihrer Karriere die Krise verkrusteter Institutionen nutzten, um ohne Respekt vor dem Establishment in der CDU und beim DFB in die Führungsämter zu drängen.
Bundestrainermäßig ist Klinsmann mittlerweile Geschichte, Merkel kanzlermäßig noch nicht. Niemand kann voraussagen, wer am 29. Juni die EM gewinnt. Eine Prognose für die Bundestagswahl 2009 fällt da fast leichter. Wer kann sich schon die Spaßbremse Kurt Beck neben dem Dauerlächler Löw vorstellen? Vieles spricht also auch von daher für eine zweite Amtszeit von Merkel und für eine gute EM der deutschen Elf – und somit für ein paar weitere Jahre für das Traumpaar Löw/Merkel.
Allerdings findet die nächste Weltmeisterschaft in zwei Jahren in Südafrika statt. Schon die Vergabe war politisch, auch das Turnier wird es werden. Da ist nicht nur Fußballverstand, sondern auch diplomatisches Geschick gefragt. Vielleicht also doch ein Fall für den jetzigen Außenminister Frank-Walter Steinmeier?
- Datum 05.06.2008 - 07:12 Uhr
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- Quelle ZEIT online
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Ribbeck und Völler in einem Satz zu nennen ist Frevel! Es sei nur erinnert an einen (glücklichen) Vize-Weltmeistertitel und der Vulkanausbruch bei Waldi, letzterer war die Ruckrede des Fußballs und Netzer/Delling stellvertretend für den deutschen Pessimismus. Wenn das nicht erwähnenswert ist... oder war es Unwissenheit?
Hin oder her ob man Helmut Schmidt gut findet, aber in der ZEIT wirkt sowas immer befremdlich (genauso wie die nicht vorhandenen kritischen Berichte über Studivz), aber dafür gibts ja auch gute Tageszeitungen nicht wahr :)
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