Fussball-Geschichte Wie der Trainer, so der KanzlerSeite 3/3
Welch ein Irrtum. Der Übermut Beckenbauers nach dem WM-Sieg 1990 und der Überschwang Kohls, der die Wiedervereinigung aus der Portokasse zahlen wollte, zeigen, wie Euphorie den Verstand vernebeln kann.
Nach Kohl und Vogts kamen die jovialen Graumelierten, Erich Ribbeck und Rudi Völler sowie Gerhard Schröder. Sie seien hier nur am Rande erwähnt, weil sie im Verhältnis von Fußball und Politik die schwächsten Einheiten bildeten. Das mag allerdings auch daran liegen, dass in Schröder der einzige einst aktive Hobbyfußballer und ehemaliger Mittelstürmer des TuS Talle den Weg ins Kanzleramt gefunden hatte. Die Politik dieser Zeit hatte etwas Lautes, Arenahaftes. Die Leistungen der deutschen Nationalelf waren dagegen bescheiden. Zwei peinliche Europameisterschaften ohne einen einzigen Sieg sind die Bilanz dieser Jahre.
Erst mit Jürgen Klinsmann begann vor vier Jahren die Globalisierung im deutschen Fußball. Wäre Schröder nicht 2005 aus eigenem Entschluss vorzeitig abgewählt worden, hätte man sicher einen Zusammenhang herstellen können – zwischen den rot-grünen Arbeitsmarktreformen und Klinsmanns Fußballreformen, die ab 2004 den DFB durcheinanderwirbelten. Und was ist schon ein sozialdemokratischer Streit um die Kanzlerkandidatur dieser Tage gegen einer DFB-Trainerfindungskommission, die 32 Tage brauchte, um den Sunnyboy in Huntington Beach aufzuspüren?
Die kurze Ära Klinsmann bedeutete eine Revolution im deutschen Fußball. Aus Kalifornien führte er die deutsche Elf ins Sommermärchen bei der WM im eigenen Land. Mit Internet und SMS sowie amerikanischen Trainingsmethoden bereitete er seine Spieler auf das Turnier vor. Angela Merkel saß mehrmals auf der Tribüne und jubelte. Unverkrampft und weltoffen präsentieren sich beide, der Schwabe und die Ostdeutsche verstanden sich prächtig. Was auch damit zusammenhängen könnte, dass beide in ihrer Karriere die Krise verkrusteter Institutionen nutzten, um ohne Respekt vor dem Establishment in der CDU und beim DFB in die Führungsämter zu drängen.
Bundestrainermäßig ist Klinsmann mittlerweile Geschichte, Merkel kanzlermäßig noch nicht. Niemand kann voraussagen, wer am 29. Juni die EM gewinnt. Eine Prognose für die Bundestagswahl 2009 fällt da fast leichter. Wer kann sich schon die Spaßbremse Kurt Beck neben dem Dauerlächler Löw vorstellen? Vieles spricht also auch von daher für eine zweite Amtszeit von Merkel und für eine gute EM der deutschen Elf – und somit für ein paar weitere Jahre für das Traumpaar Löw/Merkel.
Allerdings findet die nächste Weltmeisterschaft in zwei Jahren in Südafrika statt. Schon die Vergabe war politisch, auch das Turnier wird es werden. Da ist nicht nur Fußballverstand, sondern auch diplomatisches Geschick gefragt. Vielleicht also doch ein Fall für den jetzigen Außenminister Frank-Walter Steinmeier?
- Datum 05.06.2008 - 07:12 Uhr
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- Quelle ZEIT online
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Ribbeck und Völler in einem Satz zu nennen ist Frevel! Es sei nur erinnert an einen (glücklichen) Vize-Weltmeistertitel und der Vulkanausbruch bei Waldi, letzterer war die Ruckrede des Fußballs und Netzer/Delling stellvertretend für den deutschen Pessimismus. Wenn das nicht erwähnenswert ist... oder war es Unwissenheit?
Hin oder her ob man Helmut Schmidt gut findet, aber in der ZEIT wirkt sowas immer befremdlich (genauso wie die nicht vorhandenen kritischen Berichte über Studivz), aber dafür gibts ja auch gute Tageszeitungen nicht wahr :)
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