ZEIT online : Frau Blunck, eine neue Studie besagt, dass Mädchen genauso erfolgreich in Mathematik sein können wie Jungen, wenn sie in einer Gesellschaft leben, in der Männer und Frauen gleichberechtigt sind. Hört sich das für Sie schlüssig an?

Andrea Blunck : Das ist für mich das interessanteste Ergebnis der Studie. Insgesamt lässt sich ja offenbar aus den Resultaten schließen, dass die gesellschaftlichen Bedingungen einen großen Einfluss auf die mathematische Leistung haben. Oder anders gesagt, ist es eben nicht so, wie häufig behauptet, dass Mädchen von Natur aus schlechter in Mathematik sind als Jungen. Mit dieser Vorstellung gehe ich auch heran an das Thema.

ZEIT online : Das Vorurteil, Mädchen könnten schlechter als Jungen rechnen, hält sich hartnäckig.

Blunck : Ja, obwohl das schon aus vielerlei Sicht widerlegt ist. Bei einer Studie unter Mathematikstudenten über die Männlichkeit von Mathematik kam heraus, dass viele männliche Studenten glaubten, es sei belegt, dass Frauen in Sprachen begabter seien als Männer, Männer wiederum in technischen Fächern. Es heißt ja auch immer wieder, Frauen könnten schlechter räumlich denken als Männer – vielleicht minimal. Aber räumliches Denken ist gar nicht unbedingt nötig, um gut in Mathematik zu sein.

Bei einer weiteren Studie wurde einer Probandinnen-Gruppe in Mathematik gesagt, es sei jetzt bewiesen, dass Frauen weniger begabt für Mathe seien, der anderen Gruppe nicht. Die erste Gruppe schnitt dann auch tatsächlich schlechter ab. Erziehung und gesellschaftliche Vorstellungen haben offenbar einen großen Einfluss. Und wenn man nach Einstellungen von Frauen zur Mathematik fragt, muss man immer auch das Umfeld betrachten.

ZEIT online : Von welchen Einstellungen zu Mathe wissen Sie?

Blunck : Im deutschsprachigen Raum wird Mathematik – nicht nur von Frauen, sondern von der gesamten Gesellschaft - tendenziell als sehr strenge, logische, abstrakte Disziplin angesehen, die wenig mit dem wirklichen Leben zu tun hat. Der typische Mathematiker ist in der Vorstellung immer männlich, und vielleicht sogar ein bisschen verschroben. Insgesamt hat die Mathematik ein sehr männliches Image, das ist in Mitteleuropa so und auch in den USA, das belegen Studien. Im Rahmen des Jahres der Mathematik soll daher versucht werden, Mathematik in der Öffentlichkeit etwas positiver darzustellen. Mittlerweile ist auch bei den Mathematikern angekommen, dass das nötig ist. Was die Öffentlichkeit über Mathematik denkt, hat  Mathematiker früher nicht so stark interessiert.