ZEIT online: Frau Wiggerthale, von diesem Dienstag an treffen sich rund 40 Staats- und Regierungschef auf Einladung der FAO, der Ernährungsorganisation der UN, in Rom, um über die aktuelle Nahrungskrise zu beraten. Was versprechen Sie sich von der Konferenz?

Marita Wiggerthale: Es gibt erstmals seit dem Beginn der Nahrungskrise die Möglichkeit einer schonungslosen Analyse. Und es gibt die große Chance, die Fehler auszuräumen, die die Industriestaaten in den letzten Jahren begangen haben.

ZEIT online: Die da wären?

Wiggerthale: Es sind zahlreiche Fehler gemacht worden. Ein wesentlicher ist, dass man die Kleinbauern zu wenig gefördert hat. Ein anderer sind die Biosprit-Ziele in den Industrieländern, die Getreide knapp machen. Ein dritter ist die forcierte Liberalisierung der Märkte.

ZEIT online: Bestehen denn in Rom Chancen auf konkrete Beschlüsse?

Wiggerthale: Ich gehe davon aus, dass die 191 Mitglieder der FAO einer Aufstockung der Mittel des Welternährungsprogramms zustimmen werden. Die letzte Woche eingegangenen 755 Millionen sind allerdings noch zu wenig. Nach unseren Berechnungen fehlen derzeit 14,5 Milliarden Dollar, um die Not der rund 290 Millionen zu lindern, die von der Nahrungskrise betroffen sind. Zudem können wir aus den bisherigen Entwürfen herauslesen, dass die Teilnehmer erstmals die Rolle der Kleinbauern in der aktuellen Krise anerkennen. Dies wäre ein Fortschritt.

ZEIT online: Aber Ihnen zu wenig.

Wiggerthale: Ja. Es gibt zum Beispiel kein starkes Signal, dass die Industriestaaten ihre Ziele bei Agrartreibstoffen reduzieren werden. Zudem fürchten wir, dass die Teilnehmer eine Lösung des Problems in einer stärkeren Liberalisierung der Märkte sehen. Das ist aus unserer Sicht ein falscher Ansatz. Stattdessen brauchen wir wieder mehr Regulierung und Schutz für die Kleinbauern in den Entwicklungsländern.

ZEIT online: Wie könnten solche Regulierungen aussehen?

Wiggerthale: Die Weltbank und der Internationale Währungsfonds haben in den vergangenen Jahrzehnten als Auflage für ihre Entwicklungskredite stets gemacht, jene staatlichen Maßnahmen abzubauen, die Nahrungspreise regeln oder die Bauern unterstützen. Diese verfehlte Politik muss sich ändern. Konkret heißt das, dass die Entwicklungsländer zum Beispiel wieder Getreidereserven halten dürfen. Oder aber, dass verstärkt Investitionen in eine nachhaltige, kleinbäuerliche Landwirtschaft fließen. Wichtig wäre zudem, die Bauern beim nachhaltigen Anbau und dem Verkauf ihrer Produkte zu beraten und sie mit Saatgut versorgen.