Wein Thailändischer Wein?
Es wird tatsächlich Wein in Thailand angebaut, der es auch noch mit den Franzosen aufnehmen kann? Rainer Schäfer erforscht das Thema im 12. Teil seiner Wein-Kolumne
Im Glas wartet ein junger Rosé darauf verkostet zu werden. Die Eindrücke sind vielversprechend: Erfrischende Säure, trocken und er duftet nach Erdbeere. Vermutlich wurde der Wein in Frankreich, Spanien oder Deutschland abgefüllt - da ist sich die internationale Expertenrunde bei ihrer Blindverkostung schnell einig. Das Erstaunen ist jedoch gewaltig, als die Identität des Weines preisgegeben wird: Es ist ein White Shiraz aus Thailand, Jahrgang 2007, von den Hua Hin Hills aus dem Monsoon Valley (
www.siamwinery.com
). Er stellt die fest umrissene Weinwelt auf den Kopf. Denn bislang galt die Regel, dass ein guter Wein nur zwischen dem 30. und 50. Längengrad nördlich und südlich des Äquators wachsen könne. Die Hua Hin Hills liegen aber zwischen dem 12. und 13. nördlichen Breitengrad.
Wenig später riechen die Weinexperten an einem Roten und nicken beifällig: „Australien“, ist zu hören, „Südafrika oder Bordeaux.“ Es ist ein Rotwein, den der ehemalige Vietnam-Kampfhubschrauberpilot Eldon Nygaard (
www.buffalorunwinery.com
) von wild wachsenden Reben gewinnt, die in einem Indianerreservat in South Dakota wachsen. Diesen Wein mit einem Bordeaux zu vergleichen ist – vom Status der Herkunftsgebiete her betrachtet –, als ob man einen Rolls Royce mit einer Seifenkiste verwechselte.
Aber die Trennlinien zwischen der Alten und der Neuen Weinwelt sind brüchig geworden. Zumindest was die Qualität angeht. Die Alte Welt des Weines mit den berühmten Chateaus in Frankreich und den herrschaftlichen Anwesen in der Toskana galt lange als überlegene Weinhochkultur. Die Neue Welt in Übersee dagegen als minderwertig, ohne Tradition und ohne Geschichte.
Ein Irrtum: Das chilenische Weingut Viña Errázuriz (
www.errazuriz.com
) beispielsweise wird in der sechsten Generation bewirtschaftet. Es liegt nördlich der Hauptstadt Santiago im Aconcagua Valley. Die Eigner haben sowohl baskische als auch englische Wurzeln. Denn Thomas Chadwick, ein englischer Abenteurer, suchte im 19. Jahrhundert in Chile Gold, fand statt Edelmetall aber eine Frau und wurde 1820 sesshaft. Der jetzige Besitzer Eduardo Chadwick hat im Bordeaux Önologie studiert und so ist es kein Zufall, dass sich in seinen Weinen die große Liebe zu Frankreich manifestiert.
Als einer der ersten chilenischen Winzer hat er Rebsorten wie Syrah aus Frankreich eingeführt. Aber Chadwick merkte schnell, dass es zulasten des eigenen Stils geht, wenn die Neue Welt versucht, die Alte zu imitieren. „Mein Syrah soll nicht nach dem Rhône-Tal schmecken, sondern nach Chile“, sagt er. Das ist Chadwick gelungen, unter den ganz speziellen chilenischen Bedingungen entstehen elegante, nicht zu schwere Cool-Climate-Weine. Chile ist das längste Land der Erde, 4000 Kilometer lang, aber nur 140 Kilometer breit. Die Weinberge werden vom Pazifischen Ozean im Westen und von den Anden im Osten mit kühler Luft versorgt. Die Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht sind höher als im Bordeaux, dadurch erhöht sich die Fruchtkonzentration in den Trauben.
Ein chilenisches Kuriosum ist die Rebsorte Carmenère, die von französischen Auswanderern nach Chile mitgebracht worden war. Im Bordelais, woher sie stammt, galt die Carmenère als ausgestorben. In Chile wurde sie irrtümlich unter dem Label Merlot angebaut, aber sie ergibt würzigere und interessantere Weine. Bei Eduardo Chadwick entwickelte sich aus dieser Rebe ein ganz eigenständiger chilenischer Wein. „Carmenère verstehen noch zu wenige“, sagt er und spielt auch auf den Umstand an, dass hochwertige Weine aus Ländern wie Chile noch nicht die Beachtung finden, die sie verdient hätten. „Es ist eine lange Reise, auf der wir uns befinden.“
In Blindverkostungen setzen sich Chadwicks Spitzenweine öfter gegen europäische
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durch, also Luxusweine aus Frankreich oder Italien. Diese Unberechenbarkeit verwirrt und erschreckt so manchen Winzer, Händler und Kritiker. Denn die Qualitätssteigerung der Weine aus der Neuen Welt stellt die Hierarchien im Weingeschäft gewaltig in Frage.
Über den Autor: Rainer Schäfer schreibt am liebsten über Wein und Fußball. Er war zuletzt Chefredakteur des Fußballmagazins RUND.
- Datum 30.05.2008 - 07:37 Uhr
- Quelle ZEIT online
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