Ein Aufenthalt in Venedig hat für mich immer etwas Atemberaubendes und Melancholisches zugleich. Atemberaubend sind die Kühnheit der Idee zu dieser Stadt im Meer, ihre heute noch vorhandene Pracht, melancholisch die Erinnerung an ihre vergangene Macht und ihren Niedergang über 1000 Jahre hinweg. Was ist geblieben? Letztendlich nur die Erinnerung, leere Paläste und eine weltweit einzigartige Touristenattraktion.

Wenn am Abend die Touristen-Heerscharen die Stadt wieder sich selbst überlassen, wird die Leere in der Gegenwart spürbar, und eine Frage drängt sich dem nachdenklichen Betrachter aus Europa auf: Blickt man in dieser Stadt gar in die Zukunft Europas? Wird Europa zur verblichenen Serenissima des 21. Jahrhunderts werden? Eine große und stolze Vergangenheit, ein weltweiter Tourismusmagnet, aber ohne Zukunft?

Das klingt alles ziemlich überzogen, ich weiß. Denn staunt die Welt nicht gerade heute über das alte Europa? Der Euro ist fast zu einer Weltmacht geworden, die europäische Wirtschaft erweist sich angesichts der Finanzkrise in den USA als stabil, der europäische Sozialstaat als durchaus reformfähig und die EU als Vorbild für andere Regionen rund um den Globus.

Dennoch, bewegt man sich außerhalb Europas – gleich ob in Indien, China, den USA, im Nahen und Mittleren Osten oder Lateinamerika - so wird einem Europäer immer wieder dieselbe Frage gestellt: Wann wird Europa denn endlich soweit sein? Packt ihr es irgendwann? Werdet ihr eigentlich jemals zu einer Macht werden oder wird dies nie der Fall sein?

Dabei überwiegt bei fast allen Fragestellern eine tiefe Skepsis gegenüber den Europäern, dass diese jemals ihre Partikularinteressen überwinden könnten. Zumindest nicht so weit, dass sie als eine Macht mit einem gemeinsamen politischen Willen auf der internationalen Bühne auftreten und zielgerichtet agieren könnten. Solange dies aber nicht der Fall ist, wird Europa als internationaler politischer Akteur nur teilweise oder gar nicht Ernst genommen werden.

Gewiss, Europa hat seit der großen Zeitenwende 1989/90 viel geleistet, an erster Stelle stehen dabei der Euro und die Osterweiterung der EU. Auch das europäische Integrationsmodell, die voranschreitende Integration souveräner Nationalstaaten und der dauerhafte Friede auf diesem Kontinent des Krieges sind historische Leistungen der EU. Europa bewegt sich, aber es bewegt sich zu langsam angesichts der Geschwindigkeit und Dynamik der Welt außerhalb Europas.