Montagskolumne Wenn die Gondeln Trauer tragen
Wird Europa ein ähnliches Schicksal wie einst die Republik Venedig ereilen? Eine große und stolze Vergangenheit, ein weltweiter Tourismusmagnet, aber ohne Zukunft?

© L. V. Clark/Fox Photos/Getty Images; [M] ZEIT ONLINE Grafik
Ein Aufenthalt in Venedig hat für mich immer etwas Atemberaubendes und Melancholisches zugleich. Atemberaubend sind die Kühnheit der Idee zu dieser Stadt im Meer, ihre heute noch vorhandene Pracht, melancholisch die Erinnerung an ihre vergangene Macht und ihren Niedergang über 1000 Jahre hinweg. Was ist geblieben? Letztendlich nur die Erinnerung, leere Paläste und eine weltweit einzigartige Touristenattraktion.
Wenn am Abend die Touristen-Heerscharen die Stadt wieder sich selbst überlassen, wird die Leere in der Gegenwart spürbar, und eine Frage drängt sich dem nachdenklichen Betrachter aus Europa auf: Blickt man in dieser Stadt gar in die Zukunft Europas? Wird Europa zur verblichenen Serenissima des 21. Jahrhunderts werden? Eine große und stolze Vergangenheit, ein weltweiter Tourismusmagnet, aber ohne Zukunft?
Das klingt alles ziemlich überzogen, ich weiß. Denn staunt die Welt nicht gerade heute über das alte Europa? Der Euro ist fast zu einer Weltmacht geworden, die europäische Wirtschaft erweist sich angesichts der Finanzkrise in den USA als stabil, der europäische Sozialstaat als durchaus reformfähig und die EU als Vorbild für andere Regionen rund um den Globus.
Dennoch, bewegt man sich außerhalb Europas – gleich ob in Indien, China, den USA, im Nahen und Mittleren Osten oder Lateinamerika - so wird einem Europäer immer wieder dieselbe Frage gestellt: Wann wird Europa denn endlich soweit sein? Packt ihr es irgendwann? Werdet ihr eigentlich jemals zu einer Macht werden oder wird dies nie der Fall sein?
Dabei überwiegt bei fast allen Fragestellern eine tiefe Skepsis gegenüber den Europäern, dass diese jemals ihre Partikularinteressen überwinden könnten. Zumindest nicht so weit, dass sie als eine Macht mit einem gemeinsamen politischen Willen auf der internationalen Bühne auftreten und zielgerichtet agieren könnten. Solange dies aber nicht der Fall ist, wird Europa als internationaler politischer Akteur nur teilweise oder gar nicht Ernst genommen werden.
Gewiss, Europa hat seit der großen Zeitenwende 1989/90 viel geleistet, an erster Stelle stehen dabei der Euro und die Osterweiterung der EU. Auch das europäische Integrationsmodell, die voranschreitende Integration souveräner Nationalstaaten und der dauerhafte Friede auf diesem Kontinent des Krieges sind historische Leistungen der EU. Europa bewegt sich, aber es bewegt sich zu langsam angesichts der Geschwindigkeit und Dynamik der Welt außerhalb Europas.
- Datum 04.06.2008 - 05:36 Uhr
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Eine treffende Analyse der europäischen Politik. Leider hat Herr Fischer aber vergessen zu erwähnen, daß Europa aufgrund seiner demographischen Probleme, seines eher mäßigen Wirtschaftswachstums und seiner fehlenden Rohstoffe ohnehin im Konzert der Großen nicht richtig mitspielen kann. Die Lösung der Probleme kann für Europa nur in einer sehr engen Kooperation mit Russland bestehen. Das wieder erstarkte Russland, das seit 9 Jahren mit Wachstumsraten von durchschnittlich sechs bis sieben Prozent wächst, könnte Europas Handlungsspielraum erheblich vergrößern. Die russ. Regierung ist ja durchaus zur Kooperation bereit; wurde allerdings wiederholt verärgert, insbesondere durch eine stark überzogene Russlandkritik in einigen deutschen Medien.
Die gegenüber Deutschland sehr positive Grundstimmung in der russischen Politik sollte Deutschland endlich nutzen um zwischen Europa und Russland stärker zu vermitteln. Die übertriebenen Ängste der Polen und Balten vor der Großmacht Russland (in histor. Perspektive aber zum Teil verständlich) sollten die Kooperation nicht länger behindern. Von Zusammenarbeit mit dem neuen, dynamischen Russland profitieren auch Warschau und Riga!
als Beispiel, sterben im Vergleich so viele Journalisten des unnatürlichen Todes, gleich Kolumbien.Dafür kann man Russland bei bestem Willen, nicht loben.
als Beispiel, sterben im Vergleich so viele Journalisten des unnatürlichen Todes, gleich Kolumbien.Dafür kann man Russland bei bestem Willen, nicht loben.
Den weltgewandten Besucher der einstigen Serenissima wandelt Melancholie an, eine Ahnung von Vergänglichkeit, der alles Leben, sei es eine Pflanze, ein Tier, ein Mensch oder ein Volk, unterliegt, und ihm drängt sich die Frage auf:
"Blickt man in dieser Stadt gar in die Zukunft Europas?"
O ja! Die westeuropäischen Völker (mit Ausnahme Irlands) sind altersschwach geworden und sterben aus. Wollen wir trotzdem in Zukunft einigermaßen zurechtkommen und irgendwie noch versuchen,, das Beste daraus zu machen, müssen wir der Realität, unserer Vergreisung, unserem Niedergang, ins Gesicht blicken - und dazu tut Trauerarbeit Not! Doch das Gefühl der Vergänglichkeit, das den erfahrenen Ex-Außenminister anwandelt, wird zurückgewiesen, verdrängt: Die Euro-Einführung war doch so erfolgreich! Also können wir die Zukunft meistern, und zwar als Subjekt, nicht als Objekt. Na ja, das Römische Reich war auch ein einheitliches Wirtschafts- und Währungsgebiet, größer noch als Euroland, und ist trotzdem untergegangen. Wir müssen die Wirklichkeit zur Kenntnis nehmen und unsere Gondeln sollen Trauer tragen.
Ja, ja. Europa ein Trauerspiel. Das Kind ist gestorben, bevor es geboren wuerde.Bei diesen Kommentaren finde ich es wirklich schade, dass Kraftausdruecke hier zensiert werden. Mir wuerden da so einige einfallen.Zum Thema: Ich kann Herrn Fischer nur zustimmen. Es ist sehr schade, dass die Europaer ihre vorhandene Macht (groesster Wirtschaftsraum der Welt ...) nicht nutzen. Aber es gibt eben noch sehr viel Europaskeptizismus und ich frage mich immer woher der eigentlich kommt (ausser von Demagogen).
Gelernte Europäer in die gleiche Kiste zu stecken, sollten Sie bitte vorher die Kommentare mal richtig studieren, bevor Sie ein vernichtendes Urteil fällen, das Ihnen so nicht zustehen mag. Ich spreche es Ihnen ab.Schönen Tag noch - Gute ZEIT mit der ZEIT!
debrasseur
http://kommentare.zeit.de...
Gelernte Europäer in die gleiche Kiste zu stecken, sollten Sie bitte vorher die Kommentare mal richtig studieren, bevor Sie ein vernichtendes Urteil fällen, das Ihnen so nicht zustehen mag. Ich spreche es Ihnen ab.Schönen Tag noch - Gute ZEIT mit der ZEIT!
debrasseur
http://kommentare.zeit.de...
Lieber Herr Fischer,
danke für das Geschenk, welches Sie dem hellhörigen Teil der Leserschaft mit Ihrem Artikel machen. Die Verpackung ist eloquent wie immer, der Inhalt bemerkenswert.
Im Kern des Apfels, den Sie diabolisch darreichen, finden wir das schöne Wort „Macht“.
Lassen wir diesen Kern ungenutzt legen, entfaltet er freilich kaum Kräfte. Spalten wir den Kern, dann wird’s erst wirklich spannend. Schade nur, dass wir selbst erst diese geistige Kernspaltung betreiben müssen. Das hätten Sie uns doch locker abnehmen können, oder?
„ Die Osterweiterung ist eine Erfolgsgeschichte“. Diese Erfolge wünschten sich meine Großväter. (Ich bin vierzig, bitte rechnen Sie selbst) Wissen Sie, geehrter Herr Außenminister a. D., was an den Grenzen der „Festung Europa“ geschieht? Im Mittelmeer, in den Lagern?
Gibt es ein richtiges Denken im Falschen? Ja, viele Gespenster gehen heute um. Nicht nur Marx, wie es uns der Märchen- SPIEGEL zeigte, auch Adorno. Huhu!
Aber wir haben ja einen Trostwind, der aus Osten weht: das chinesische Schriftzeichen für „Krise“ bedeutet gleichzeitig „Chance“. Aber: Chance wozu?
Sehr geehrter Prof. h.c. Fischer, Bundesaußenminister a.D.Ihre Kommentar fällt mir zum ersten Male überhaupt auf. Das hängt damit zusammen, daß eine Flut von Meldungen landauf, landab den Blick fürs Wesentliche jederzeit einschränken können.... was aus Europa wird, bewegt kaum noch jemand? Das kann ich so nicht stehen lassen. Ich habe seit nunmehr 50 Jahre Europa geradezu gelebt, mitgeholfen ständig wiederholend die europäische Idee nach vorne zu tragen. Ich stelle ernüchternd fest, es hat geholfen, aber kommt nicht überall an. Warum?Viele von uns Menschen richten sich in einer Nische ein, wenn man sie nicht hören, geschweige denn verstehen will. Dies betrifft die Vorgehensweise in der Frage einer europäischen Verfassung, nun kommt man mit einem EU-Vertrag daher. Es bleibt für mich die radikalste Abwandlung des Sinnes der europäischen Idee seines europäischen Vaters, eines Außenministers, der so wahnsinnig zur deutsch-französischen Versöhnung beigetragen hat, wie kein anderer nach ihm.So weit so gut. Bereits im Jahre 1979, fast 30 Jahre her, habe ich als Unternehmer über Paris Kontakte nach Moskau knüpfen kann, war ihn verschiedenen Ministerien zu Gast und war bei dem "Schauspiel" der Einweihung von Mac Donald in Moskau dabei, als japanische und mongolische Kellner die Gäste bedienten. Ein Werbegag.Was ich jedoch sei erwähnens- und lobenswert, fand meine Ansprache an einige Russen. Die Erkenntnis konnte ich auch an geeigneter Stelle anbringen. Das brachliegende Potential der Rohstoffe, die geborgen werden könnte, bedarf einer Infrastruktur, die Deutschland damals und auch heute besaß. Ergo hatte ich unfreiwillig schon damals offene Türen aufgestoßen, das war die Politik von Willy Brandt, das war mir schon immer bewußt. Deutschland muß sich auf Rußland zubewegen. Die Politik von Willy Brandt, die Weitsicht, hat die eigentliche Einheit gebracht. Alles andere, wissen Sie selbst, war reine Mogelei bis hin zum stets repräsentierten "Einheitskanzler Dr. Kohl", dem Wahlgewinner der Vereinnahmten deutschen Lande.Es ist mehr als richtig, daß auch Rußland die Notwendigkeit der Zusammenarbeit mit dem anderen Teil Deutschlands in die Wagschale warf und zwangsläufig zur Einheit von West und Ost kommen mußte. Schließlich gibt es nicht nur "Alcoholics" in Rußland, nein auch klar analytisch denkende Menschen. Der Bär tanzt nicht mehr, der Bär lebt dort, wo er in der Natur zu Hause. Ein riesiges Reich, mit enormen Rohstoff-Vorkommen. Das hat weiland auch Dr. Schröder erkannt, und hat darin durch eine Freundschaft mit dem "damaligen" Präsidenten Putin, man möge es ihm gönnen, über seine Amtszeit hinaus, auch für dieses Land mehr getan, als mancher mi'm Bimbes oder auch mi'm Bämbel.Die Infrastrukutr in Rußland, das weiß auch die russische Staatsbahn zu schätzen, macht sich der Dienste der DB zu Nutze und wird massiv ihre Rohstoffe allerorten in Europa und Asien anbieten. Eine ganz normale wirtschaftliche Notwendigkeit von Geben und Nehmen. Da werden andernorts schon die Messer gewetzt, sollte es die Balance von Angebot und Nachfrage nicht mehr halten.Und nun zu diesem EU-Vertrag. Es war immer schon eine schlechte Art und Weise einer Demokratie, den Willen des Souveräns zu mißachten; denn sie lebt zwar von Veränderung, keineswegs von diktatorischen Maßnahmen. Viele Volksvertreter in Europa haben dafür keine Sensibilitäten. Geht es jedoch um die Situation in Rußland, redet man ungefragt von Kommunismus der reinsten Art.In meinen Augen ist dies pure Heuchelei. Mit Rußland verbinden die meisten von uns, immer noch das Zarenreich mit all seinen reichhaltigen Macht- und Ränkespielen, die leider in einem 70-jährigen Stadium den Kommunismus zum Blühen und dann zum Blähen, letztlich als Blase entlarvten. Geben wir unserem Nachbarn im Osten Zeit und Gelegenheit die friedlichen Absichten, die nun wirklich vorhanden sind, nachhaltig mit uns im anderen Teil Europas auszubauen. Nur so wird es dauerhaften Frieden geben.Was macht die Gesellschaft mit einem EU-Vertrag, der auf Biegen und Brechen durch ein Parlament gepauckt wurde, das in seiner Substanz immer noch als Alibi dient. Das können Sie nun ganz aktuell an der Schmiere um die Nachfolge von Verheugen erkennen.Ich hatte das Vergnügen einen dieser Kandidaten des Karrussells in Strasburg kennenzulernen. Auf Grund der mit der Verquickung der Interessen der Koalition, halte ich dies nicht für geeignet, eine Stimme mehr für EU-ropa zu finden.Im Gegenteil, die Menschen werden solche Entscheidungen zwar registrieren, weniger honorieren wollen.Wo ein Wille auch ein Weg, sollten wir in EU-ropa vorleben dürfen, es wäre an der Zeit die brennenden Probleme eines Haushaltes anzugehen, der so immer weiter aufgebläht wird, gerade dort, wo die beste Lobby-Arbeit getan wird, davor sollten wir uns schlußendlich alle hüten, dies noch weiter ausbauen zu wollen. Wenn diese Töne nicht berücksichtigt werden, wird sich der Wähler für die EU und sein Vertragswerk dem gänzlich entziehen, de facto hätten wir zwar keinen Kommunismus sondern eine Diktatur.Das eine bleibt für mich so schlecht, wie das andere Unheil. Rußland hat sich selbst von diesem Übel befreit und wird es weiterhin tun. Was machen wir, schauen zu und nölen, unserer Art entsprechend, einfach weiter so, Deutschland. Vielen ist nun wirklich nicht aufgefallen, daß wir nicht das einzige Land in EU-ropa sind, sondern nur ein Teil.Verzeihen Sie mir die teilweise Wiederholung, doch wo wird einem schon geboten auf einen Kommentar so direkt zu antworten, wie in der ZEIT.In diesem SinneSchönen Tag noch - Gute ZEIT mit der ZEIT!
debrasseur
http://kommentare.zeit.de...
Ich möchte mich in meinem Kommentar auf den Sinn der Überschrift und der Assoziation zum ursprünglichen Film beziehen. Ein düsterer Film mit aufhellenden Nuancen und der beklemmend dargestellten Umgebung Venedigs. Der Tod des Hauptdarstellers wurde in Vorahnung auf diesen im gesamten Film miterlebt. Es wahr im wahrsten Sinne ein satanischer Tod. Der Film hat sich nicht auf Venedig bezogen, Venedig war nur die Kulisse. Der Film basierte einzig und allein auf das Thema der düsteren Vorahnung die sich letzlich bewahrheitet hat. Wenn ich die Existens Europas in Verbindung zum Inhalt des Filmes bringe erhält der Artikel eine ganz andere Bedeutung. Dieser Zusammenhang kann auch nur gemeint sein. Ob Europa dieses jetzige Gebilde sterben wird, wer wagt es dieses vorhersagen zu wollen. Solche Vorhersage ist genauso unsinnig, wie die Behauptung der Europabefürworter, dass der ewige Frieden in Europa eingekehrt ist. Welche Vermessenheit und welche Überheblichkeit liegen in solchen Feststellungen.
Fest steht, Europa ist ein Kunstgebilde, von den Menschen in den jeweiligen Staaten nicht einmal abgesegnet, sondern nur von machthabenden Politikern erschaffen. Herr Fischer hätte Europa nicht Venedig vergleichen sollen, sondern eher mit ähnlichen künstlich zusammengezimmerten Staatsgebilden, wie die ehemalige UdSSR oder Jugoslawien, Länder die lange existiert haben und nun wieder auseinander gebrochen sind. Bricht einst Europa auseinander, bin ich mir nicht sicher, ob die Staaten Trauer tragen.
MfG Orpheus13437
... ein sehr guter Artikel von Joschie. Dazu kann ich nur eines sagen: "ja und Amen". Hoffen wir, dass die Iren das richtige tun werden, und dem Vertrag eindeutig zustimmen werden.
den zur Abstimmung vorgelegten EU-Vertrag abzulehnen. Jedem wünsche ich dann eine Packung Leonidas der feinsten Sorte. So weit ich weiß vertreiben die doch Brüsseler Pralinés?Schönen Tag noch - Gute ZEIT mit der ZEIT!
debrasseur
http://kommentare.zeit.de...
den zur Abstimmung vorgelegten EU-Vertrag abzulehnen. Jedem wünsche ich dann eine Packung Leonidas der feinsten Sorte. So weit ich weiß vertreiben die doch Brüsseler Pralinés?Schönen Tag noch - Gute ZEIT mit der ZEIT!
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den zur Abstimmung vorgelegten EU-Vertrag abzulehnen. Jedem wünsche ich dann eine Packung Leonidas der feinsten Sorte. So weit ich weiß vertreiben die doch Brüsseler Pralinés?Schönen Tag noch - Gute ZEIT mit der ZEIT!
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