Das Gehirn ist ein geheimer Garten. Mit üppig wucherndem und ineinander verschlungenem Blattwerk, dazwischen Wege, die in das Verborgene, noch Unentdeckte führen. Zu den Frontal- und Temporallappen, Stirnlappen und Basalganglien. Ein Labyrinth des kaum Fassbaren. Seine Erforschung ist ein Abenteuer.

An den Rändern der Wege sammelt der Hirnforscher Oliver Sacks seltsame Blüten von poetischer Schönheit. Es sind die einzigartigen Geschichten seiner und anderer Patienten, Berichte von ihren Fähigkeiten und Behinderungen. Sie geben ihm Anlass zu vergleichenden Studien und führen ihn zum Kern kognitiver Phänomene: Da tanzt die Norm aus der Fuge.

In seinem neuen Buch Der einarmige Pianist hat er sich mit der Wirkung von Musik auf das Gehirn beschäftigt. Schon der Titel greift eine Patientengeschichte auf: Der österreichische Musiker Paul Wittgenstein, der ältere Bruder des Philosophen Ludwig Wittgenstein, verlor im Ersten Weltkrieg seinen rechten Arm. Künftig spielte er nur mit links Klavier. Doch Wittgenstein sagte selbst, er spüre noch immer seine rechte Hand. Sein Gehirn hatte sie als Erinnerungswirklichkeit abgespeichert.

Lange Zeit wurden Musikerkrankheiten tabuisiert und die gespürte Realität sogenannter Phantomfinger als unwissenschaftlich abgetan. Oliver Sacks möchte mit seinen Büchern dazu beitragen, dass die individuelle Wahrnehmung seiner Patienten als wichtige wissenschaftliche Bausteine ernst genommen werden.

Als der junge, englische Neurologe Oliver Sacks 1967 eine Anstellung am Beth Abraham Krankenhaus in der New Yorker Bronx bekam, beobachtete er dort Patienten, die seit Jahrzehnten im Wachkoma lagen. Musik konnte sie für kurze Zeit "aufwecken". Nun hat er seine vierzigjährigen Erfahrungen Revue passieren lassen.