Alpen Am dünnen Faden
Abenteurer, denen das ganz normale Gipfelglück zu wenig aufregend ist, können beim Canyoning im Südtiroler Ahrntal ihre Nervenstärke testen

©
Um halb neun Uhr morgens sperrt Herbert Riegler seine Bude auf. Im Raum riecht es nach Desinfektionsmittel und feuchter Wäsche. Riegler öffnet ein zusätzliches Fenster, die nassen Neoprenanzüge von der gestrigen Tour hängt er zum Trocknen ins Freie hinaus. Anschließend geht er zur Ahr hinunter. Bei Sand in Taufers zwängt sich der Fluss, der dem Südtiroler Ahrntal seinen Namen gegeben hat, zwischen engen, steil aufragenden Felswänden durch.
Am Wasser ist es kühl und windig. Meterhohe Wellen, die sich mit voller Wucht überschlagen und dann hinter mächtigen Steinbrocken graue Strudel bilden. Ein kahler Baumstamm treibt vorbei. Im Wurzelgeflecht entlang dem Flussufer haben sich zersplitterte Äste, ein ausgelatschter Turnschuh und eine verbogene Fahrradfelge verhakt. Mitgeschwemmter Unrat vom Gewitterregen der letzten Tage, sagt Herbert Riegler. Denn so viel Wasser wie jetzt Anfang Juni, wo obendrein die Schneeschmelze in vollem Gang sei, gebe es auf der Ahr sonst das ganze Jahr über nicht. Zu viel jedenfalls, um heute einfach so von Anfängern im Raftingboot befahren zu werden. Aber in der Zösenklamm, sagt Riegler, würden ideale Bedingungen herrschen. Wir fahren dorthin zum Canyoning.
Für Leute, die sich mit dem normalen Gipfelglück nicht zufrieden geben, hat der 55-jährige Kärntner vor einiger Zeit eine rassige Abseiltour durch die Zösenklamm eingerichtet. Zwar sei auch der Zösenbach in diesen Tagen deutlich angeschwollen, doch nach Herberts Bewertungssystem ist die Tour nur als mittelschwer einzustufen.
Im Kleinbus sitzen acht Leute. In weiten Schleifen schraubt sich das Fahrzeug durch eine Wald- und Wiesenlandschaft in Richtung Mühlwaldertal hinauf. Nach dem ersten Wer-bist-du-, Was-treibst-du-Geplänkel verebben die Gespräche rasch. Jeder konzentriert sich auf sein bevorstehendes Abenteuer. Die zweifach beschichteten Neoprenanzüge sowie die dicken Schutzhandschuhe aus demselben Material verleihen der kleinen Truppe ein kriegerisches Aussehen. An den Klettergurten baumeln Karabiner und Helm. Sobald sich Herberts VW Bus in eine scharfe Kurve legt, ertönt das leise Geklimper der Ausrüstungsgegenstände.
In der Mitte der Klammbrücke fixiert Herbert Riegler die Verankerung für das Canyoningseil. Reiner, Computertechniker aus Kiel, traut sich als Erster. Er klettert über das Eisengeländer, mit einem Achterknoten ist vorne am Sitzgurt das Seil befestigt. Die Füße gegen die Kante stemmen, rät Herbert, und den Rücken weit hinauslehnen. Wenn Reiner seinen Kopf in den Nacken legt, sieht er über sich den 3500 Meter hohen Gipfel des Hochfeilers, dessen spitzige Firnhaube im klaren Licht der Junisonne leuchtet. Links und rechts senkrechte Felswände. Und unter ihm das Nichts. 45 Meter sind es, von oben wirkt der Zösenbach wie ein dünner, heller Strich auf schwarzem Hintergrund. Dumpfes Gepolter ist zu hören, der Wildbach erzeugt diese unfreundlichen Geräusche. Die verkrüppelten Lärchen und Fichten, die sich am Schluchtrand in die Felsritzen krallen, sehen aus wie Streichhölzer.
Beim Abseilen, hat Herbert Riegler vorhin behauptet, brauche man nicht viel zu können. Man müsse nur dem Seil vertrauen, der Rest ergebe sich von alleine. Aber die Tiefe und das Gefühl der Leere unter den Füßen jagen den Puls sofort in die Höhe. Mit beiden Händen umfasst Reiner das gespannte Kunstfaserseil. Vermutlich ist seine Fähigkeit zum kritischen Denken ausgelöscht, sonst würde er jetzt über den freien Willen nachdenken oder den Grund erforschen, warum sich normale Menschen so etwas eigentlich antun. Elf Millimeter dünn ist der Faden, der den jungen Mann mit dem Leben verbindet. Er klammert sich fest, wie er sich auch am sprichwörtlichen Strohhalm festklammern würde. Dann ist der Computerfachmann aus Kiel plötzlich verschwunden.
- Datum 11.06.2008 - 07:29 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT online
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren