US-Vorwahlen Hillary Clinton und der Heilige Gral

Wie die Präsidentschaftsbewerberin mit ihrer Niederlage umgeht. Eine Reportage von der New Yorker Wahlveranstaltung Clintons.

„Hillary, Drop Out“, fordern zwei, drei Demonstranten vor dem Baruch College in New York, „Gib auf“. Sie bleiben vereinzelt. Alle warten auf den Schlussgong. Vor dem College, an der Lexington Avenue, stehen die Trucks der TV-Sender. Hillary-Anhänger warten hier, viele Ältere, die aussehen, als seien sie Parteimitglieder seit Roosevelt. Sie müssen durch Metallschleusen und werden von Polizisten auf Waffen abgetastet.

Die Veranstaltung ist in einer unspektakulären Sporthalle tief im Keller. Grelles Licht, Betonboden. Ein einzelnes großes Plakat „Hillary for President“ baumelt von der Decke. Keine Luftballons, kein Glitzerkonfetti, keine Dekoration – ein herber Kontrast zu dem prunkvollen alten Opernsaal, wo Hillary vor wenigen Monaten ihren Sieg bei den New Yorker Vorwahlen feierte. Es ist Hillary Clintons letzte große Nacht als Kandidatin.

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Den ganzen Tag haben sich die Nachrichtensender mit Gerüchten und Geschichten von der demokratischen Front überschlagen. Sie sei bereit, das Handtuch zu werfen, hieß es am Mittag. Kurz darauf trat ihr Wahlkampfchef, der unermüdliche Terry McAuliffe, dessen Augen schon gläsern schillern, vor die Kameras, und versicherte, das sei eine Falschmeldung. Wenig später hieß es, sie habe vor New Yorker Abgeordneten angeboten, Vizepräsidentin zu werden. Denn Obama ist kaum noch einzuholen. „Es sei denn“, scherzt einer der unzähligen Pundits, Experten im Studio, „in seiner Vergangenheit taucht noch ein moslemischer Pastor mit einer Bombe auf.“ Vielleicht, so mutmaßt der graubärtige Wolf Blitzer, der auf CNN die Wahl begleitet, werde Obama sie zur Außenministerin machen. Oder zur Verfassungsrichterin.

Kurz nach sieben, als im Baruch College Einlass ist, fehlen Obama nur noch zehn Stimmen zur Mehrheit der Delegierten. Die Stimmung im Keller ist gedämpft, der Saal ist nicht ganz voll. Langjährige Unterstützer, Parteispender sind eingeladen. Viele Frauen, ein paar Inder im Turban, viele Asiaten, fast kein schwarzes Gesicht. Es gibt Wein aus Plastikbechern, aber kaum einer trinkt. Auf der Tribüne sitzen Studenten. Immer mal wieder muntern sie sich mit Sprechchören auf. Vereint, rufen sie, werden sie siegen. Dann wieder Rufe: „Hillary, Hillary“. Ein Podium für die Kandidatin ist aufgebaut, aber sie kommt nicht. Noch nicht. Sie muss die Vorwahlen in South Dakota und Montana abwarten, das wird, so heißt es, bis zehn Uhr New Yorker Zeit dauern.

Immer noch kommen Ehrengäste. Bernard Schwartz, Vorstand einer Wall Street Bank, im Aufsichtsrat der New School, des Baruch College Fund und des Think Tanks New America Foundation ist ein begeisterter Clinton-Unterstützer, auch seine Frau Irene. „Hillary ist eine großartige Führerin, eine großartige Senatorin, sie hat eine Vision für Amerika, wir brauchen sie“, sagt Bernard Schwartz. Ja, aber hat sie eine Chance? Er zögert ein wenig. „Es ist ein sehr harter Kampf gegen die Strömung.“

Hunderte von Journalisten sind hier, viele aus dem Ausland, die sonst eher als das fünfte Rad am Wagen behandelt werden. Heute haben alle Zutritt. Fernseher laufen, wir erfahren, dass Hillary South Dakota gewonnen hat. Aber in diesem Bundesstaat wohnen weniger als eine Million Menschen. Obama muss nur noch zehn Delegiertenstimmen holen.

Auf dem Flur steht Lanny Davis, ein Spin-Doktor und Jurist, der Hillary Clinton schon seit ihrer Zeit in Yale kennt und der in die demokratische Kampagne involviert ist. Er ist von einer Traube Kameras umringt, und er erläutert seine Pläne für Hillarys Zukunft: Sie soll Obamas Vizepräsidentin werden! Er habe bereits eine Website für eine Petition an Barack Obama eingerichtet, die gehe um Mitternacht online, da können alle ihre Kommentare hinterlassen. Und Unterschriften. „Man muss an die Zukunft denken!“

Nicht alle sind von dem Trostpreis begeistert. „It sucks“, es ist zum Kotzen, sagt Connie Chang, eine dunkelhaarige Frau im Businesskostüm. „Sie ist so großartig, ich bin völlig von den Socken, dass sie keine Mehrheit bekommt.“ Dann fügt sie hinzu: „Ich bin mit zehn Dollar in der Tasche aus China hier angekommen. Für mich ist sie das Symbol, das wir alles schaffen können.“ Und Obama? „Ich hoffe, er ist keiner von denen.“ Dann fragt sie mich, für wen ich schreibe. Als ich sage, eine deutsche Zeitung, ist sie begeistert. Nächstes Jahr fahre sie nach Bayreuth. Zu den Wagner-Festspielen.

Nun kommt die erste Hochrechnung aus Montana, Obama fehlen nur noch vier Stimmen zur Mehrheit. Im Saal tönt laute Musik, sie soll die Stimmung heben. Nun tritt einer ihrer Helfer ans Mikrofon, der „Great State of South Dakota“ sei gewonnen. In dem Jubel, der folgt, kündigt er die heilige Familie an, Chelsea Clinton, Bill Clinton und die künftige Präsidentin, Hillary Clinton! Noch mehr Jubel, und sie kommt, tiefblaues Kleid, angestrengtes Lächeln, kein Wunder nach diesen Monaten. Es ist kurz nach halb zehn.

Wird sie aufgeben? Ein Pundit hat sie einmal mit dem Schwarzen Ritter aus „Monty Phyton and the Holy Grail“ verglichen, der sagt, als ihm König Arthur die Arme und Beine abhackt: „Einigen wir uns auf unentschieden.“ Hillary dankt erst Obama, dann hält ihre Wahlkampfrede noch einmal. Sie spricht davon, dass sie gewonnen habe, von den Hügeln von New Hampshire bis zu den Höhlen in West Virginia, von den Feldern von Kalifornien bis zu den Fabriken von Ohio. Sie spricht von den Krankenschwestern, den Kellnerinnen, den Bauern, Lehrern, Minenarbeitern, Lastwagenfahrern und Soldaten, die das Weiße Haus zurück haben wollten. Sie spricht über Jobs und Krankenversicherung, und dass 18 Millionen Amerikaner für sie gestimmt hätten, mehr als für jeden anderen Kandidaten in einer Vorwahl. Impliziert ist: Die braucht Obama.

Endlich sagt sie das, worauf alle warten: Nein, sie gibt heute nicht auf, sie müsse sich erst mit der Partei beraten, und sie bittet uns alle, ihr Vorschläge zu schicken. Immer noch Beifall, und sie endet mit der Freiheitsstatue und dem World Trade Center. Dann kommt David Paterson auf die Bühne, der schwarze Gouverneur von New York, sie umarmt ihn.

Schnell strömen die Gäste nach draußen. Wolf Blitzer berichtet nun, dass Obama die Mehrheit der Delegierten gewonnen hat. Das senkt die Stimmung merklich. „Eine großartige Rede“, sagt Bernard Schwartz, und lächelt tapfer. Dann geht auch er. An der Tür stehen Rita Amelino und Maureen Drouin, zwei Freundinnen. „Es kommt immer noch darauf an, wie die Superdelegierten entscheiden“, sagt Amelino. „Da sollte es auf dem Parteitag in Denver eine Auseinandersetzung geben! Das ist Demokratie!“

 
Leser-Kommentare
  1. bedauert es wohl dass Hillary nicht Amerika's President wird.1. Weil es wohl "100% sicher" ist, dass die Republikaner im November verlieren werden. (Aber dann vor nur ein paar Monaten war sie Obama mit 20% ueberlegen....)2. Frauen muessen in den USA noch wenigstens 4 Jahre auf die naechste Chance warten, eine Frau im Weissen Haus zu sehen.Viele fuehlen sich so betrogen, wie dieser [...] katholische,weisse Pfarrer es in Obama's Kirche am Sonntag erzaehlte....... Aber die Demokraten werden sich einigen. Mit Bill und Hillary: Bald und voellig. Was das alles mit Deutschland (oder Europa oder der Welt) zu tun hat, ob Obama oder Hillary in das Weisse Haus einziehen, ist nicht klar. Beide sind 95% derselben Meinung. Mit keinem Unterschied in der Aussenpolitik. Das was nicht dasselbe ist: Die Leute, die ihrem Praesidenten in die Regierung in Washington folgen, werden sich sehr unterscheiden. Hier spielt sich die Niederlage der Clinton aus in die Wirklichkeit.[Gekürzt, bitte unterlassen Sie persönliche Beleidigungen. Danke. /Die Redaktion pt.]

    • Ayuk
    • 04.06.2008 um 14:32 Uhr

    Für mich ist die Norminierund Obama zur Partei chef der Demokraten mehr als nur die Konventionelle Nomienierung die man schon kennt. Ein Afro-Americana!!!! Ich glaube personlich dass die ganze welt wird Ihm respektieren bzw. America respektieren als je zu vor. Die Welt ist einfach müde von '''Weis, reich ''' konventionelle führungsstill Americas. Obama kommt von ganz untern also versteht er den einfache Bürger besser als die weise Frau, die bis dato glaubt dass die President kandidatur gehört nur Weisen. Man kan  einfach nicht vorstellen dass diese Frau  Maccain bevorzugt als Obama. Rassimus pürrr.. Unglaublich.

  2. Die Dinge sind doch im Grunde nicht so kompliziert -Ohne Mrs. Bill Clinton gewesen zu sein, wäre Hillary - trotz ihres unbestreitbaren Formats - doch kaum zu einem Senatorenamt, geschweige denn zu einer Anwärterin auf die Kandidatur der Demokraten gekommen. Sie wäre nur Hillary Rodham gewesen, eine clevere Anwältin.  Barrack Obama hingegen ist das, was Amerikaner immer schon bewundert haben : He is " his own man " und dazu noch mit einem Charisma gesegnet, das an JFK erinnert. Sein Rezept ist simpel und erfolgsträchtig : er nimmt die Stufen zur Rednerbühne im Laufschritt, erzählt ihnen Geschichten und " gives them hope for a change "..... That`s it.
     

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