Vergessene Autoren Welt lebt im Staccato
Ist Wolfgang Welt der erste deutsche Popliterat? Er hat versucht, vom Schreiben über Pop zum Literaten zu werden. Leider ist es ihm nicht ganz gelungen
Wolfgang Welt will Schriftsteller werden, was sonst. Einer wie er, der die ganze Kulisse bereits im Nachnamen trägt, muss Schriftsteller werden. Wozu also noch studieren? Welt lässt Uni Uni sein, schreibt aber jahrelang keine einzige Zeile.
Erst 1986 erscheint sein Roman
Peggy Sue
. Das Buch ist schnell vergriffen und jahrelang nur in fotokopierter Form beim Autor selbst erhältlich. Es folgen weitere Bände, im Literaturbetrieb bleibt Wolfgang Welt jedoch eine Randfigur. Die Explosion der Popliteratur, der seine Erzählungen als stilbildend gelten, geht an ihm vorüber.
Heute arbeitet Welt als Pförtner im Bochumer Schauspielhaus und hört regelmäßig WDR 4. In seiner autobiografischen Romantrilogie
Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe
beschreibt er seinen Weg als Musikjournalist im Ruhrgebiet der achtziger Jahre. Es ist das nüchterne Porträt einer intensiven Lebensphase, die nur das Vorwärts kennt.
Die zentralen Motive sind schnell herausgearbeitet: Buddy Holly und Sex. Alle Geschehnisse werden mit diesen Begriffen abgeglichen. Wolfgang Welt verehrt Buddy Holly. An dessen Todestag hört er das Gesamtwerk des Sängers durch. Er kündigt seinen Job im Plattenladen und beginnt, für Stadtmagazine zu schreiben. Natürlich handeln seine Beiträge immer von Buddy Holly, verzweigen sich aber bald zu vielschichtigen Momentaufnahmen der lokalen Musikszene.
Welts Ziel ist die Musikzeitschrift
Sounds
. Dort soll er über Elton John schreiben. Anders als die Kollegen ist Wolfgang Welt kein Pop-Intellektueller, er braucht das Geld für Zigaretten. Er schreibt über alles und jeden, die betreffenden Platten hört er sich meist gar nicht an. Das Schreiben über Musik wird zur lebensverlängernden Maßnahme.
Wolfgang Welts Lebens- und Arbeitsrhythmus duldet keinen Aufschub. Ob Telefonate, Besuche oder sonstige Erledigungen – alles wird
sofort
erledigt. Diese Dringlichkeit erinnert zum einen an Jörg Fausers
Rohstoff
, während der gleichförmige Rhythmus der Ereignisse Parallelen zu
Mai, Juni, Juli
von Joachim Lottmann aufweist.
Welt führt ein Leben im Staccato, in dem sich die Mahlzeiten vorzugsweise aus Beruhigungsmitteln und Dosenbier zusammensetzen. Für Romantik hat Welt keine Zeit. Verzweifelt sucht er die Nähe zu Frauen, allerdings beschränken sich seine Abenteuer auf einige erbärmliche Erfüllungsmomente auf einer Liege im Elternhaus.
Männliche Figuren sind für den notorisch abgebrannten Welt allenfalls als Geldquelle oder Auftragsvermittler interessant. Die hektischen Besuche bei Schallplattenfirmen und Redaktionen, die Konzertbesuche und Plattenkritiken, das anschließende Versacken in den Stammkneipen – Welt beschreibt sie mit lakonischer Gleichgültigkeit. Bald gilt er als wichtigster Musikjournalist des Ruhrgebiets, seine polemischen Kritiken hinterlassen mitunter verbrannte Erde. Die Karriere als Schriftsteller stagniert jedoch.
Als der Suhrkamp-Verlag Interesse an seinem Romanmanuskript zeigt, kommt Bewegung in die Sache. Einzig Wolfgang Welt kommt nicht voran. Lieber interviewt er Achim Reichel und begleitet Motörhead auf ihrer Englandtour. Danach holt ihn die Wirklichkeit ein: Vollkommen ausgebrannt landet er in der Psychiatrie.
Nach seiner Entlassung will er endlich seine Geschichte aufschreiben, doch ein anderer Autor kommt ihm zuvor. Statt seiner debütiert nun Rainald Goetz mit
Irre
bei Suhrkamp. Ein Moment von tragischer Gleichzeitigkeit, der Wolfgang Welt nur ein paar trockene Zeilen wert ist: »Dagegen hatte ich natürlich keine Chance, und es sollte dann noch mal zwanzig Jahre dauern, ehe ich die Story schrieb.« Eine Story, in der eigentlich nichts passiert und doch so unheimlich viel geht.
- Datum 03.06.2008 - 12:40 Uhr
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