Vergessene Autoren Welt lebt im StaccatoSeite 2/2

Welt führt ein Leben im Staccato, in dem sich die Mahlzeiten vorzugsweise aus Beruhigungsmitteln und Dosenbier zusammensetzen. Für Romantik hat Welt keine Zeit. Verzweifelt sucht er die Nähe zu Frauen, allerdings beschränken sich seine Abenteuer auf einige erbärmliche Erfüllungsmomente auf einer Liege im Elternhaus.

Männliche Figuren sind für den notorisch abgebrannten Welt allenfalls als Geldquelle oder Auftragsvermittler interessant. Die hektischen Besuche bei Schallplattenfirmen und Redaktionen, die Konzertbesuche und Plattenkritiken, das anschließende Versacken in den Stammkneipen – Welt beschreibt sie mit lakonischer Gleichgültigkeit. Bald gilt er als wichtigster Musikjournalist des Ruhrgebiets, seine polemischen Kritiken hinterlassen mitunter verbrannte Erde. Die Karriere als Schriftsteller stagniert jedoch.

Als der Suhrkamp-Verlag Interesse an seinem Romanmanuskript zeigt, kommt Bewegung in die Sache. Einzig Wolfgang Welt kommt nicht voran. Lieber interviewt er Achim Reichel und begleitet Motörhead auf ihrer Englandtour. Danach holt ihn die Wirklichkeit ein: Vollkommen ausgebrannt landet er in der Psychiatrie.

Nach seiner Entlassung will er endlich seine Geschichte aufschreiben, doch ein anderer Autor kommt ihm zuvor. Statt seiner debütiert nun Rainald Goetz mit Irre bei Suhrkamp. Ein Moment von tragischer Gleichzeitigkeit, der Wolfgang Welt nur ein paar trockene Zeilen wert ist: »Dagegen hatte ich natürlich keine Chance, und es sollte dann noch mal zwanzig Jahre dauern, ehe ich die Story schrieb.« Eine Story, in der eigentlich nichts passiert und doch so unheimlich viel geht.

 
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