Europameisterschaft Inszenierter Fußballkrieg

Der Axel Springer Verlag arrangiert einen Konflikt zwischen Deutschen und Polen. Die Bild kommentiert, was die polnische Fakt veröffentlicht. Ein Kommentar

„Polen gehen auf Ballack los!“ titelte die Bild in ihrer Mittwochsausgabe, darunter ein Ausriss aus der auflagenstärksten Zeitung Polens, dem Boulevardblatt Fakt . „Sie zeigen unseren Kapitän Michael Ballack mit Pickelhaube und Polens Trainer mit einem gezückten Schwert“, schrieben die Bild -Redakteure. Im Blatt heißt es weiter. „Die ersten Giftpfeile gegen uns“. Und unter dem Foto mit Michael Ballack steht: „Von den Sprüchen der Konkurrenz lässt sich der deutsche Kapitän bestimmt nicht irritieren“.

Konkurrenz? Welche Konkurrenz? Der sportliche Gegner der deutschen Fußballer kann nicht gemeint sein. Vom polnischen Nationalteam kamen keine „Giftpfeile“. Fakt kann aber wohl auch nicht gemeint sein. Beide Boulevardzeitungen, Bild und Fakt sind keine Konkurrenten, sie gehören dem gleichen Unternehmen: dem deutschen Axel Springer Verlag.

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Wieder einmal inszeniert das Zeitungshaus einen künstlichen Konflikt, der beiderseits der Oder spiegelverkehrt funktioniert. Vor der EM arbeiten die Redaktionen Hand in Hand: Nach den „Giftpfeilen“ der Bild schoss Fakt natürlich zurück: Eine Zeichnung auf dem Titelblatt zeigt Michael Ballack in einem Trabi, Polens Coach Leo Beenhakker obendrauf. Überschrift; „Leo, tritt die Trabis“.

Und die Mediendramaturgie geht noch weiter. Der Fernsehsender RTL sitzt der Inszenierung aus dem Hause Springer gleich auf. Vor einer Grafik, die jene „Giftpfeile“ in einem Fußball zeigen, trägt die Moderatorin von RTL-Aktuell im fast identischen Wortlaut der Bild die „Giftpfeile“ aus Polen als ernste Nachricht vor. Über die Besitzverhältnisse der polnischen Zeitung verliert sie kein Wort. Dabei sollte das Springer`sche Polenengagement zumindest in deutschen TV- oder Print-Redaktionen inzwischen bekannt sein. Immerhin sind die Deutschen dort Marktführer.

Fortan also macht das erfundene Thema die schnelle Runde. Vor allem im Internet funktionieren die Reflexe des eingeschlafenen deutsch-polnischen Konfliktes wie zu den Hochzeiten des streitsüchtigen Ex-Ministerpräsidenten Jaroslaw Kaczynski. Von bild.de bis web.de : Der Fußballkrieg ist heiß, und die Empörung in Deutschland groß. Das Klickmonster der Internetseiten kann sich endlich wieder mal satt fressen, am Konflikt. Ob nun künstlich oder nicht.

Am darauf folgenden Tag textet Bild auf der Titelseite: „EM-Krieg gegen uns! Polen-Zeitung köpft Jogi&Ballack“, dazu der Kommentar im Text: „Das ist widerlich“. Die Bild -Redakteure beziehen sich auf die Schlagzeile „Leo, bring uns ihre Köpfe“, die der Superexpress in Polen druckte. Das Konkurrenzblatt von Fakt muss dem kalkulierten deutschfeindlichen Trend folgen, den Fakt seit seines fünfjährigen Bestehens in Polen setzt.

Leser-Kommentare
    • TyRell
    • 06.06.2008 um 11:58 Uhr

    Vielen Dank für diese Tolle Übersicht der Zusammenhänge. Aber es gibt glücklicherweise auch Qualitätsjournalismus, den "Die Zeit", "Faz" und weitere Blätter hochhalten. Wer liest denn überhaupt sowas wie "Bild"?

  1. Einfach besser eingrenzen und schon steigt der Anspruch
    Maximus Successus

  2. Es is wirklich schade, dass nur wenige Personen über diese üble Verstrickung des Axel Springer Verlags in sich selbst wissen. Ich hoffe, dass die niveauvolle Presse, sowohl print als auch online, weiterhin niveauvoll bleibt. Ich, ein Pole, der seit 1991 in Deutschland lebt, bin aber von diesem "Fußballkrieg" nicht allzu überrascht. Seitdem es klar wurde, dass England nicht bei der EM dabei ist, suchte man einen "alten" Ersatz-Feind (der nicht allzu sehr überrascht, sich als Feind herausgestellt zu haben) und, wie mit einem Zauberstab herbeigeführt, haben sich die polnischen Springer-Medien zu Wort gemeldet. Ach, was hätten wir denn ohne sie gemacht! :-)Ich bedanke mich ausdrücklich bei "Zeit Online" für diesen wirklich wertvollen und klärenden Beitrag!

  3. Das ganze ist reine Niedertracht. Das hat mit Journalismus nichts zu tun. Unglaublich das Ganze! Die Forderung "Enteignet Springer!" ist so aktuell wie 1968.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Vielleicht haben wir mit der Rudi-Dutschke-Straße den Anfang bereits getan. ;-)Mein Vater kauft regelmäßig "Dziennik", ein anderes Springer-Blatt in PL. Ich habe ihn gebeten, die Zeitung nicht mehr zu kaufen. Das hat leider nicht funktioniert, da "Dziennik" anscheinend wirklich gute Journalisten und Autoren beauftragt, somit viel höher zu bewerten ist, als irgendein Springer-Blatt in DE. Könnte man davon ausgehen, dass auch in DE viel Geld mit gutem Journalismus zu machen wäre (dem Springer-Verlag geht es ja nun mal nur ums Geld), hätten wir vielleicht auch hier ein Pendant zu "Dziennik". ich vermag aber die deutsche Presselandschaft nicht zu bewerten, ich lese einfach lieber Literatur als Zeitungen oder Zeitschriften. Darüber hinaus muss man schon das Thema wirklich studiert haben, um öffentlich UND qualifiziert zu schreiben, und ich bin nur Psychologe, daher in diesem Fall kein Mann vom Fach. ;-)

    Vielleicht haben wir mit der Rudi-Dutschke-Straße den Anfang bereits getan. ;-)Mein Vater kauft regelmäßig "Dziennik", ein anderes Springer-Blatt in PL. Ich habe ihn gebeten, die Zeitung nicht mehr zu kaufen. Das hat leider nicht funktioniert, da "Dziennik" anscheinend wirklich gute Journalisten und Autoren beauftragt, somit viel höher zu bewerten ist, als irgendein Springer-Blatt in DE. Könnte man davon ausgehen, dass auch in DE viel Geld mit gutem Journalismus zu machen wäre (dem Springer-Verlag geht es ja nun mal nur ums Geld), hätten wir vielleicht auch hier ein Pendant zu "Dziennik". ich vermag aber die deutsche Presselandschaft nicht zu bewerten, ich lese einfach lieber Literatur als Zeitungen oder Zeitschriften. Darüber hinaus muss man schon das Thema wirklich studiert haben, um öffentlich UND qualifiziert zu schreiben, und ich bin nur Psychologe, daher in diesem Fall kein Mann vom Fach. ;-)

    • clubby
    • 06.06.2008 um 13:48 Uhr

    Wass wenn die Fanstimmung so aufgeheizt wird, daß es nach dem Spiel zwischen D und P-Fans Verletzte gibt? Gehöre diese doch nicht so sehr zur Leserschaft seriöser Zeitungen, um über diese Machenschaften Beschid wissen zu können?
    Tja , für die wirklich schlimmen Taten, gibts wie immer keine Gesetze!
    Oder könnte das vielleicht doch sogar den Straftatbestand der Volksverhetzung erfüllen?

  4. Vielleicht haben wir mit der Rudi-Dutschke-Straße den Anfang bereits getan. ;-)Mein Vater kauft regelmäßig "Dziennik", ein anderes Springer-Blatt in PL. Ich habe ihn gebeten, die Zeitung nicht mehr zu kaufen. Das hat leider nicht funktioniert, da "Dziennik" anscheinend wirklich gute Journalisten und Autoren beauftragt, somit viel höher zu bewerten ist, als irgendein Springer-Blatt in DE. Könnte man davon ausgehen, dass auch in DE viel Geld mit gutem Journalismus zu machen wäre (dem Springer-Verlag geht es ja nun mal nur ums Geld), hätten wir vielleicht auch hier ein Pendant zu "Dziennik". ich vermag aber die deutsche Presselandschaft nicht zu bewerten, ich lese einfach lieber Literatur als Zeitungen oder Zeitschriften. Darüber hinaus muss man schon das Thema wirklich studiert haben, um öffentlich UND qualifiziert zu schreiben, und ich bin nur Psychologe, daher in diesem Fall kein Mann vom Fach. ;-)

  5. Das ist sicher ein besonders dreister Fall, und es ist auch lobenswert, darauf hinzuweisen. Aber vom wöchentlichen Schmidt/Pocher- und Anne-Will-Bashing auf Spiegel online über omnipräsente Nervensägen wie Charlotte Roche bis hin zu solchen chauvinistischen Entgleisungen sind die Medien in einem unerträglichen Maß voll von Berichterstattung über andere Medien. Ob das wirklich die Themen sind, die die Menschen am meisten interessieren?

  6. Dass dieses Pressehaus immer noch nichts Besseres gefunden hat, als in der Brise ihrer selbstgemachten Orkänchen frischen Wind zu geniessen, spricht nicht für journalistisches Potential.Die Öffentlichkeit wird doch aber selbst entscheiden können, wo diese Lüftchen aufgefangen werden oder einfach verstreichen. Die Lebensdauer solcher Kampagnen lebt von der Aufregung derer, die zu spät nachschauen, ob sie sich überhaupt lohnt.

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