Gesundheitswesen Flucht nach vorn
Die privaten Krankenkassen denken in einem Papier laut über einen Systemwechsel nach – und stellen so ihr bisheriges Geschäftsmodell infrage. Ihre Ideen erinnern an das holländische System

© Philipp Guelland/ddp
Patienten demonstrieren in München gegen die Zwei-Klassen-Medizin. Nun erwägen die privaten Krankenversicherer selbst, sie abzuschaffen.
Warum könnte eine Versicherung den Wunsch hegen, sich selbst das Geschäftsmodell zu vermasseln? Bei den privaten Krankenversicherungen in Deutschland hilft ein Blick in die Statistik auf der Suche nach einer Erklärung. Rund 8,6 Millionen Menschen sind derzeit privat vollversichert. Fast die Hälfte sind Beamte und ihre Familien. Sie werden jedes Jahr älter, und immer weniger Junge rücken nach. Damit ist das herkömmliche Geschäftsmodell der Privaten schon jetzt in Gefahr.
Zusätzlich macht die Politik Druck: Im vergangenen Jahr nahmen die Krankenversicherer nur 60.000 Neuzugänge auf - die Hälfte des zuvor Üblichen. Die nachlassende Begeisterung der Kunden hat offenbar auch mit der Gesundheitsreform zu tun. Belastet werden die großen Versicherer auch durch eine neue gesetzliche Regelung, der zufolge Versicherte erst nach einer Karenzzeit von drei Jahre ins private System wechseln können. Das alles trifft gerade große Gesellschaften wie die Allianz, die ohnehin Mühe haben, Sterbefälle durch das Neukundengeschäft wettzumachen.
Gründe für radikale Umbaupläne gibt es also genug. Genau solche systemverändernden Pläne hat die Arbeitsgruppe „Soziale Sicherung 2020“ unter Leitung des Axa-Vorstands Heinz-Peter Roß im Auftrag des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft entworfen. Die zehn Seiten ihres Strategiepapiers, die der
Financial Times Deutschland
in die Hände fielen, stellen das gesamte Geschäftsmodell der privaten Versicherer infrage. Sie sind, wie das Blatt schreibt, eine „Kriegserklärung“ an die privaten Krankenversicherung.
Die Arbeitsgruppe fordert, das bisherige System einer privaten Vollversicherung – neben der gesetzlichen – abzuschaffen und durch eine verpflichtende Grundsicherung für alle zu ersetzen. Die Grenzen zwischen privater und gesetzlicher Krankenversicherung sollen fallen. Beide sollen künftig eine Grundsicherung anbieten. Langfristig werden die gesetzlichen Kassen abgeschafft oder in private Gesellschaften umgewandelt. Die Privaten müssen im Gegenzug jeden Kunden annehmen.
Finanziert werden soll das Ganze über eine Prämie, die für alle Versicherten unabhängig von Alter und Geschlecht gleich ist. Ob besonders gesund lebende Personen Rabatte erhalten können, bleibt bislang offen. Umverteilt wird über das Steuersystem, der Staat zahlt die Beiträge der Kinder. Die Privaten verkaufen weiterhin Zusatzversicherungen, zum Beispiel für Zahnersatz oder die Chefarzt-Behandlung.
In Grundzügen erinnert das an das niederländische Modell. Dort hat die Mitte-Rechts-Regierung Anfang 2006 eine Gesundheitsreform auf den Weg gebracht, die immer wieder als Kompromiss-Lösung für eine Reform des deutschen Systems zitiert wird. Auch in den Niederlanden fiel das Zwei-Klassen-Modell von privater und gesetzlicher Krankenversicherung, wenn auch in kleinen Schritten. In Teilen geschah dies bereits in den achtziger Jahren, als die privaten Krankenversicherer verpflichtet wurden, alle Versicherten oberhalb der Versicherungspflichtgrenze aufzunehmen. "Viele private Versicherungen haben in der Folge gesetzliche Krankenkassen übernommen oder eingegliedert", sagt Reinhard Busse, Experte für das niederländische Gesundheitssystem an der Technischen Universität Berlin.
Mit der Reform von vor zwei Jahren fielen die Grenzen endgültig. Die gesetzlichen Krankenkassen wurden abgeschafft, jeder Niederländer muss sich seither in einer privaten Krankenkasse grundversichern. Für eine Zahnbehandlung braucht man in den Niederlanden eine Zusatzversicherung, es sei denn, der Patient zahlt selbst. Die Grundversorgung wird zur Hälfte vom Arbeitgeber finanziert und teilweise vom Staat.
- Datum 11.06.2008 - 08:51 Uhr
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...daß WEDER bei der gesetzlichen Krankenversicherung NOCH bei den Versicherungsvereinen auf Gegenseitigkeit wie Iduna oder Debeka GEWINNE FÜR KAPITALBESITZER anfallen. -DAS ist es, was AXA und Allianz ändern wollen. Die Methode? Die gleiche, wie bei der Rentenversicherung - erst kaputtreden, dann übernehmen.NIEMAND sollte glauben, daß die Privatisierung bei anschließender Gleichschaltung aller Krankenversicherung irgendetwas billiger machen würde - entweder wird es billiger bei drastisch verringerten Leistungen (für die ja weiterhin eine "Zusatzversicherung" angeboten werden soll, was für ein WITZ!") oder es wird teurer: denn nun müssen ja auch noch die Renditeerwartungen der Aktionäre bedient werden!Wenn die Einnahmen der GKV ca. 150.000.000.000 € betragen , dann dürften die Aktionäre eine Rendite von 15.000.000.000€ erwarten - 15.000 Millionen, die erst mal von den Beitragszahlern aufgebracht werden müssen.DARUM geht es in Wirklichkeit.P.S.: Herr Faigle - die Beamten sind NICHT voll versichert. Die erhalten Beihilfe vom Dienstherrn, ca. 50% - 70% (für Ehegatten+Kinder) länderabhängig. Daher müssen sie sich nur für den RESTbetrag versichern.Traurig, wie schlampig hier wieder recherchiert/berichtet wird.
...kommt mir auch irgendwie spanisch vor. Auch fehlen mir einige Angaben:"...finanziert werden soll das Ganze über eine Prämie, die für alle Versicherten unabhängig von Alter und Geschlecht gleich ist."Und vom Einkommen? Der Pauschbetrag, das Lieblingskind der Konservativen in neuem Gewand?"...der Staat zahlt die Beiträge der Kinder."Warum über die Steuer? Das könnte man genauso auf die Prämie umlegen, ein komplizierter Mitspieler weniger."Dies habe auch dazu geführt, dass schwächere Konkurrenten durch große Versicherer übernommen worden seien.Die Folge sind sinkende Beiträge und mehr Freiheit für die Patienten."Na sowas, wie knallhart der Wettbewerb bei Oligopolen ist, bemerke ich übrigens bei jedem Tankstopp und sehe ich an der Stromrechnung. Wer fällt noch DARAUF rein? "Mehr Freiheit" ist doch mittlerweile ein Synonym für "der Markt wird es schon richten", dass das oft genug nicht stimmt, weiß mittlerweile auch jeder."Auch in Deutschland ist Wettbewerb in der Gesundheitsversorgung wichtig. „Vor allem bei der Grundversorgung brauchen wir ein wettbewerbliches Modell und keine Einheitsversicherung."Den Beleg WARUM wir da Wettbewerb brauchen, bleibt er schuldig. Gerade die Grundversorgung muss imho einheitlich und für ALLE bezahlbar und Pflicht sein. Ein undurchschaubares Tarifwirrwar, wie bei den Telefontarifen, wäre doch der blanke Horror. Die Quittung bekommt man nämlich immer erst, wenn es zu spät ist und man plötzlich Hilfe braucht.Aber die Privaten auflösen oder zurückdrängen, finde ich prinzipiell eine gute Idee :-)Wird Zeit das Deutschland wieder zur Solidargemeinschaft wird und sich nicht alle Besserverdiener nach oben ausklinken. Nur war es vermutlich genau andersherum gemeint:"Langfristig werden die gesetzlichen Kassen abgeschafft oder in private Gesellschaften umgewandelt."Man muss nur genau lesen.
Langfristig werden die gesetzlichen Kassen abgeschafft oder in private
Gesellschaften umgewandelt. Die Privaten müssen im Gegenzug jeden
Kunden annehmen.Aha. Das ist eine neuerliche Lizenz zum Geld drucken wie bei der unsäglichen Riesterrente und deren lobbyistischen Hintergründen, die sowohl von Arbeitgeberseite (Senkung der Lohn(neben)kosten) wie auch der Versicherungsbranche kommen. Nur die dummen Kunden werden verarscht.Mit der Reform von vor zwei Jahren fielen die Grenzen endgültig. Die
gesetzlichen Krankenkassen wurden abgeschafft, jeder Niederländer muss
sich seither in einer privaten Krankenkasse grundversichern. Für eine
Zahnbehandlung braucht man in den Niederlanden eine Zusatzversicherung,
es sei denn, der Patient zahlt selbst. Die Grundversorgung wird zur
Hälfte vom Arbeitgeber finanziert und teilweise vom Staat.Und wer ist der Staat? Was hier geplant wird, ist der Großangriff auf die bürgerlichen Geldbörsen bei intensiver Entlastung der Arbeitgeber von Lohnanteilen, denn billiger wird es bestimmt nicht durch eine Zwangsversicherung bei zu privatisierenden und jetzt schon privaten Krankenversicherern.Aber man darf sicher sein, dass die Politiker dank viel Schmiere und "Expertenmeinungen" durch bekannte und neue Mietmäuler der Versicherungsbranche voll darauf abfahren.
Wie leicht sich private Versicherungsgesellschaften damit tun, Kunden abzuhängen, die zum Kostenfaktor werden, d.h. die wirklich mal erkranken, kann jeder Privatversicherte ab 40 bis 50 Jahren selbst erfahren.
Und das geht so: Zuerst wird mit fadenscheinigen juristischen Tricks die Kranken-Tagegeldversicherung gekündigt, (8 Jahre pünktlich bezahlt) sodass der Proband ohne Einkommen natürlich die KV-Prämie nicht mehr bezahlen kann.
Ab diesem Zeitpunkt war es nur noch ein gespielter Witz: Ich hatte selbstverständlich meine Rechtschutzversicherung ebenfalls beim ARAG-Konzern, der selbstverständlich die Anwaltskosten in einem Rechtsstreit gegen die ARAG-Krankenversicherung aus fadenscheinigen Gründen nicht übernahm.
Alles in allem: Woran merkt man das ein Versicherungskaufmann lügt ? Wenn er den Mund aufmacht.
"Mehr Freiheit" ist doch mittlerweile ein Synonym für "der Markt wird es schon richten"
Freedom is just another word for nothing left to loose!
Da im Bericht nicht erwähnt: Die Basisversicherung in den Niederlanden ist ein Pauschbetrag, der ca. 95,- im Monat beträgt. Eine ausbreitung mit Zahnarzt, Brille und sonstigen Schnickschnack läßt dies im meinen Falle auf 110,- per Monat steigen.Was dies im Umkehrschluss für den Nettolohn, die Kaufkraft und somit die Inlandsnachfrage bedeutet, kann sich jeder selber ausmalen....
Das System der PKV krankt natürlich auch daran, dass Ärtze ihre Privatpatienten melken und sozusagen krank therapieren. Dass, wofür die PKV eigentlich wirbt, nämlich volle Leistung, wird so irgendwann zum Bumerang. Kein Wunder, dass das auf Dauer nicht gut geht. Jedes System hat seine Schwächen und wenn diese überreizt werden, kommt so etwas dabei raus.
Wie vom Autor bereits richtig angeführt, aber leider nicht konsequent im Ganzen gesehen, erinnert das vorliegende Papier nur bedingt an das niederländische Modell. Ich empfehle daher jeden sich dieses einfach einmal im Ganzen im Internet zu erlesen (relativ leicht auf vielen Seiten, auch in deutsch, zu finden). Zuerst nämlich ist in den Niederlanden das Grundverständnis menschlicher Bedürfnisse vom deutschen abweichend. So konnte ich zum Beispiel beobachten, es werden Firmen allgemein und auch bei der Vergabe öffentlicher Aufträge "geschnitten", welche ihren Mitarbeitern nur den Mindestlohn zahlen. In Deutschland kassiert man teils für Niedrigstlöhne auch noch Fördergelder. Betrachten wir z.B.: die Aussage "Die Privaten verkaufen weiterhin Zusatzversicherungen, zum Beispiel für Zahnersatz oder die Chefarzt-Behandlung.", kann diese erst im richtigen Licht betrachtet werden, kennt man auch die wie bereits in einem vorhergehenden Kommentar genannten Beiträge hierfür. Wenn es hoch kommt, liegen diese bei 125,00Euro. Des weiteren ist sogar noch für Niedrigsteinkommen ein Ausgleich vorgesehen. Die Solidarität wird über eine zum Pauschalbetrag zusätzliche prozentuale Abgabe erreicht, deren Prozentsatz für alle gleich ist. Der Leistungskatalog wird in den Niederländen gesetzlich geregelt. Auch interessant, medizinisches Personal welches aus meiner Heimat in die Niederlande auswanderte, sprach im Vergleich zu Deutschland von geradezu herrlichen Arbeitsklima, geregelten Arbeitszeiten und gutem Einkommen. Die Verbesserungen wurden also nicht auf Kosten des Personales erreicht (was auch nicht geht) und auch nicht auf Kosten der Patienten. Der Leistungkatalog ist in den Niederlanden bei deutlich geringerem Beitrag (allein der Zahnersatz) deutlich größer. Unter diesen Bedingungen sind natürlich immer noch etliche Gefahren einer Marktkonzentration gegeben, die man ständig im Auge behalten muß. Unter den Vorstellungen der Versicherer und der Gesetzlichkeiten in Deutschland kann das vorliegende Modell für locker 80% der Bevölkerung in einer Katastrophe enden. Die Versicherer werden sich ohne geeignete gesetzliche Kontrolle (eine solche kann ich hier nicht sehen), das herauspicken was ihnen behagt. Eine medizinische "Versorgung" welche nur der reinen Gewinnerwirtschaftung dient ist die logische Folge. Lassen sich die Leute hier mit einem Blick auf die Erfolge des Gesundheitswesens der Niederlande nur in der Irre führen, werden sie wohl in Zukunft nur mit den Grundbetrag leben können, wenn sie ihren Blinddarm selber rausschneiden und den OP-Saal bloß anmieten. In der derzeitigen politischen Situation sehe ich leider keine Chance ein vernünftiges Gesundheitswesen in Deutschland aufzustellen. Zuviele (nehmen sie nur die Pharmaindustrie) füllen sich auf schon verbrecherische Weise nur noch die Taschen. Private Krankenhäuser führen oft nur irgendwo zu Verschlechterungen. Wir Deutschen müssen diesmal sehr, sehr aufpassen, das die überfällige Verbesserung unseres Gesundheitswesen auch wirklich erfolgt, und nicht nur neue Wege gefunden werden einzelnen Parasiten die Taschen zu füllen.
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