Vergessene Autoren Der Traumzerfetzer

Der österreicherische Künstler Alfred Kubin erforschte zeitlebens das Unbewusste. In seinem einzigen Roman legte er Utopiewelten in Schutt und Asche.

Alfred Kubins Zeichnungen ließen ihre Betrachter stets an Abgründen balancieren. Die Werke des 1877 geborenen Künstlers zeigen meist geheimnisvolle Menschenwesen, Dämonen und verformten Fratzen. Der angstvolle Blick auf die Abgründe des Lebens! Noch besser wirkt er im einzigen Roman des Österreichers, den dieser vor knapp 100 Jahren aufschrieb.

Die andere Seite ist eine kompromisslose Erforschung des Unbewussten. Gekleidet ist sie in die Erzählung vom Schicksal einer Zivilisation. Der Protagonist, ein Zeichner, folgt dem Ruf eines schwerreichen Schulfreundes in dessen “Traumreich“. Dort wartet auf den ersten Blick die perfekte Utopie: Die Industrialisierung hat nie stattgefunden, die Bewohner leben ohne große Pflichten und Nöte in der Hauptstadt “Perle“, umgeben von der Architektur des vergangenen Jahrhunderts und beschützt durch den geheimnisvollen Herrscher Patera.

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Doch die Abkehr vom Fortschritt hat ihren Preis, hinter der unschuldigen Fassade fault es gewaltig: Immer groteskere Gestalten begegnen dem Protagonisten, er findet sich in traumähnlichen Situationen wieder, in denen die Gesetze der Logik nicht mehr gelten. Die künstliche Gesellschaft beschwört das Chaos herauf. Am Ende liegt das Traumreich in Trümmern, dem Protagonisten bleibt nur die Nervenheilanstalt. “Der Demiurg ist ein Zwitter“ lautet der letzte Satz des Romans.

Die Konsequenz, mit der sich der in drastischen Farben geschilderte Verfall des Traumreichs vollzieht, erinnert an den blinden Willen, der das Schopenhauer’sche Weltbild dominiert. Gleichzeitig ist der Roman auch ein Zeitdokument: Er zeigt den erfolglosen Versuch, Utopien in einer wiederkehrenden Vergangenheit zu suchen und die Zivilisationsmüdigkeit, unter der große Teile der Intellektuellen Anfang des 20. Jahrhunderts litten. Oder ist das Werk doch ein Akt der psychoanalytischen Selbstfindung, in dem der Autor den frühen Tod der Mutter und die eigenen Ängste, Tagträume und Arbeitsräusche zu verarbeiten sucht?

Wie auch immer die Interpretation lauten mag - ähnlich wie Franz Kafkas Prosa verliert Kubins Roman auch dann nichts von seiner verstörenden Faszination, wenn ihn die Literaturwissenschaft durch die Mangel gedreht hat. Die beiden begegneten sich 1911 in Prag. Es ist sicherlich kein Zufall, dass die logische Undurchdringbarkeit der Welt in Kafkas Schloss an die verwirrenden Vorkommnisse in Pateras Traumreich erinnert.

Doch während Kafka zeitlebens ein Fremder blieb, erhielt Kubin durch seine Nähe zum Blauen Reiter bald Anerkennung für sein zeichnerisches Schaffen. Von Schloss Zwickledt bei Weinstein am Inn sah er in den folgenden Jahrzehnten, wie die Surrealisten zu seinen legitimen Nachfolgern wurden und wie zwei Weltkriege den Erdball in ein größeres Chaos stürzten, als es sich Kubins Feder je hätte ausmalen können.

Seit seinem Tod im Jahr 1959 wird er immer wieder in die Nähe zu bildenden Künstlern wie Blake, Goya oder Füssli gerückt. Wer die überbordenden Fantastereien in Die andere Seite liest, mag sich grämen, dass Kubin später nur für persönliche Aufzeichnungen und die Auseinandersetzung mit Heideggers Lebensphilosophie zur Feder griff. Vermutlich hätte ein solcher Erzähler in den realen Irrationalitäten der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts wohl auch keinen Platz gefunden.

 
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