Wohnen für Hilfe WG statt Altenstift
In vielen Hochschulstädten leben Senioren und Studenten in einer Wohnpartnerschaft zusammen. Davon profitieren beide Seiten - auch wenn nicht immer alles ganz einfach ist
"Sie ist umsichtig und sieht immer, was gemacht werden muss. Sie sucht sich sogar ihre Arbeit selber. Einfach toll." Wenn Rotraut Pürckauer von ihrer Mitbewohnerin redet, gerät sie schnell ins Schwärmen. Seit zwei Jahren hat die 73-jährige Münchnerin eine Untermieterin: Hegine, eine Studentin aus Armenien. Sie hilft ihrer Vermieterin im Garten, gießt dort die Blumen und harkt Unkraut. Sie plättet die Wäsche und manchmal gehen die beiden zusammen einkaufen. Hegine zahlt keine Miete und auch keine Nebenkosten für ihr Zimmer. Dafür, dass sie bei Rotraut Pürckauer wohnen darf, hat sie sich verpflichtet, ihr im Haushalt zu helfen.
Das Verhältnis der beiden Frauen ist freundschaftlich. Rotraut Pürckauer hilft Hegine, wenn sie an den Hausaufgaben für ihr Politikstudium sitzt. Als die 26-Jährige vor Kurzem eine Deutschprüfung ablegen musste, damit sie für das Studium an der Ludwig-Maximilians-Universität zugelassen wurde, lernte die Vermieterin mit ihr. "Sie kann von meinem Wissen profitieren und ich erfahre viel Neues von ihr", sagt Rotraut Pürckauer.
Die Wohngemeinschaft ist eine von 284 Wohnpartnerschaften, die es in der bayerischen Landeshauptstadt zwischen älteren Menschen und Studenten gibt. In vielen Universitätsstädten in Deutschland wird "Wohnen für Hilfe" inzwischen angeboten. Die Idee hat Potenzial: Sie entlastet den in vielen Städten schwierigen Wohnungsmarkt für Studenten und erleichtert Senioren den Alltag.
Schon vor einigen Jahren las Rotraut Pürckauer in einer Münchner Zeitung von der städtischen "Wohnen für Hilfe"-Organisation, die es schon seit 1996 gibt. "Ich habe mir den Artikel damals ausgerissen, für später, wenn ich mal allein sein sollte", sagt die alte Dame. Vor acht Jahren starb ihr Mann, plötzlich schien das Haus am Englischen Garten sehr groß, viel zu groß für sie allein. Die Witwe war einsam. Trotzdem dauerte es, bis Rotraut Pürckauer beim Seniorentreff Neuhausen anrief, der in München der Träger für "Wohnen für Hilfe" ist.
Nach sorgfältigen Auswahl-Gesprächen und Beratungen fanden Pürckauer und das armenische Mädchen zusammen. Ein Vertrag wurde aufgesetzt, in dem die Rechte und Pflichten festgehalten wurden. Wie bei Untermietverhältnissen üblich vereinbarte Rotraut Pürckauer mit Hegine eine zweiwöchige Kündigungsfrist.
Weil Hegine ihr Studium ohne die Unterstützung der Eltern finanzieren muss, verzichtet ihre Vermieterin auf die Zahlung von Nebenkosten. "Sie hat es schon schwer genug mit dem Geld", sagt Pürckauer. Die Regel ist, dass der Student bei "Wohnen für Hilfe" pro Quadratmeter Wohnfläche eine Stunde Arbeit im Monat leistet, die Nebenkosten werden zusätzlich abgerechnet. Ähnlich funktioniert das Projekt in zehn deutschen Städten, lediglich in der Organisation gibt es Unterschiede.
So wird das Münchener Projekt zu 25 Prozent von der Stadt getragen, den Rest bringt der Seniorentreff Neuhausen auf. Bis 2012 ist diese Form der Finanzierung gesichert. In Gießen zahlt das Studentenwerk alles, in Aachen ist es die Technische Hochschule, die Räume und Geld für Personal bereitstellt. Die "Wohnen für Hilfe"-Stellen in Münster und Köln wurden bislang als Pilotprojekte vom Land Nordrhein-Westfalen gefördert, 340.000 Euro wurden bislang investiert. Ob "Wohnen für Hilfe" dort aber in bisheriger Form weitergeführt werden kann, hängt davon ab, ob das Land weiter zahlt. "Die Abstimmung über die Fortführung der Förderung laufen noch", sagt Eva Wüllner, Sprecherin des Sozialministeriums in Düsseldorf.
Obwohl die Idee besticht, klagen die Verantwortlichen über einen schleppenden Start des Programms. "Man braucht schon eine enorme Vorlaufzeit, bis das Projekt läuft", sagt Henning Knapheide von "Wohnen für Hilfe" in Frankfurt. In Aachen ist das derzeitige Projekt der inzwischen dritte Versuch seit 1993, Wohnpartnerschaften zwischen Jung und Alt zu schaffen. "Wir brauchen einen langen Atem", sagt Maryvonne Toulemont von der Aachener Wohnorganisation. Auch in Stuttgart fiel der Start nicht leicht.
Das Problem ist häufig, dass Studenten viel häufiger von "Wohnen für Hilfe" erfahren und sich diese Wohnform eher vorstellen können als ältere Menschen. Bei ihnen überwiegt meist die Skepsis. "Wir bemerken bei den Älteren viele Hemmschwellen und Vorbehalte", sagt Albrecht Dengler, Leiter der Wohnberatung des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Stuttgart, wo "Wohnen für Hilfe" seit 2003 angesiedelt ist. So kommen in Stuttgart auf einen älteren Vermieter etwa 40 interessierte Studenten. "Es gibt viele Menschen, die diesen Schritt letztendlich dann doch nicht tun", weiß Amalia Bulla-Garlonta von "Wohnen für Hilfe" in Gießen. Sie fing mit drei Wohnpartnerschaften an, inzwischen sind es zehn, die sie betreut. "Es wird immer ein kleines Projekt bleiben", sagt Ulla Spannring, ihre Vorgesetzte.
Anders als der Großteil der Projekte richtet sich das Gießener Projekt aber nicht nur an ältere Menschen, sondern an alle Altersgruppen. Etwa die Hälfte der bestehenden Wohnpartnerschaften bestehen zwischen Familien und Studenten. "Wir wollen alle Altersgruppen ansprechen", sagt Amalia Bulla-Garlonta. Wer Wohnraum zur Verfügung hat und Hilfe braucht, bekommt in Gießen einen studentischen Mitbewohner vermittelt - egal, ob zum Babysitten oder zur Gartenarbeit. Nur die Pflege des Vermieters ist, wie bei allen anderen "Wohnen für Hilfe"-Projekten auch, ausgeschlossen. "Das können wir von den Studenten nicht verlangen. In solchen Fällen ist "Wohnen für Hilfe" keine Lösung", sagt Albrecht Dengler aus Stuttgart.
An der Hamburger Uni befindet sich "Wohnen für Hilfe" noch im Aufbau, hier sollen aber in Zukunft lediglich ausländische Studenten angesprochen werden. "Das Projekt soll die Integration in das deutsche Alltagsleben fördern und beim Erlernen der Sprache helfen", sagt Sabrina Lange, Servicereferentin des Allgemeinen Studierendenausschusses (Asta) an der Universität Hamburg.
In welcher Form auch immer, die Betroffenen sollten sich gut überlegen, ob sie diesen Schritt auch wirklich gehen wollen. Schließlich teilt man nicht nur dasselbe Haus bzw. Appartment, sondern oftmals auch Küche und Bad miteinander. Rotraut Pürckauer könnte nur vor der Toilette auf ihre Mitbewohnerin treffen, Hegine duscht in der Waschküche, wo eine separate Dusche steht. In ihrem Zimmer hat die Studentin außerdem zwei Kochplatten. Trotzdem darf sie häufig in der großen Küche kochen. "Das ist kein Problem bei uns", sagt die Vermieterin.
Gemeinsame Mahlzeiten gibt es dennoch nicht, "wir haben völlig unterschiedliche Tagesabläufe." Oft hat Pürckauer ihrer Untermieterin schon angeboten, dass sie für sie mitkoche, doch deutsches Essen scheint Hegine nicht zu schmecken. "Sie isst ganz andere Sache als ich", sagt Rotraut Pürckauer. Die fremde Kultur der jungen Frau empfindet sie als bereichernd, häufig reden die beiden Frauen über Hegines Heimatland. "Wenn ich Geburtstag habe, ruft mich sogar Hegines Mutter an", erzählt Rotraut Pürckauer.
Die Seniorin wirbt in ihrem Freundeskreis intensiv für die Idee. "Ich kann es nicht verstehen, wenn man im Alter in einer riesigen Villa ganz alleine lebt", sagt die frühere Lektorin. Sie habe doch nichts zu verlieren, sagt Pürckauer. Eine Zeit lang hatte sie zwei andere Studentinnen als Untermieterinnen. "Eine habe ich wieder rausgeschmissen. Die hat mich nur ausgenutzt", sagt Pürckauer. Zur Not kann eine Wohnpartnerschaft eben auch wieder gelöst werden.
- Datum 07.10.2008 - 11:54 Uhr
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