China Die Kinder der Drachenkönige

Im Südwesten Chinas hat es das Volk der Naxi geschafft, seine alte Kultur zu bewahren. Eine Reise nach Yunnan

Die grauen Dächer gaben der Altstadt von Lijiang ihren Namen: Dayan - Tuschestein

Die grauen Dächer gaben der Altstadt von Lijiang ihren Namen: Dayan - Tuschestein

„Ich hasse Rocker“, ruft Xuan Ke ins Mikrofon. „Sie verführen die Jugend und machen sie blind für unsere Kultur.“ Xuan Ke ist Gründer und Dirigent des Naxi-Orchesters in Lijiang und hat Nachwuchssorgen. Ke ist gerade 80 Jahre alt geworden und brodelt vor Energie, seine Mission zu erfüllen: die Musik der Naxi bekannt zu machen und zu bewahren.

Die Naxi, eine von der chinesischen Regierung anerkannten Minderheit, haben nicht nur eine eigene Musik, sondern auch ihre eigene Sprache, eigene Schrift und eigene Religion. Dongba heißt die Kultur der Naxi. Die Schrift ist eine Ansammlung archaisch anmutender Piktogramme. Manche scheinen sich auf den ersten Blick zu erschließen: Hirsche, Tiger, Kraniche, Yaks oder Jurten. Andere wirken fast beängstigend: mythische Kreaturen, geheimnisvolle Geisterwesen und Fragmente hässlicher Fratzen. Dongba Wen gilt als die letzte lebendige Piktogramm-Schrift. Dongba heißen auch die weisen Männer, die die Bildzeichen deuten können. Die Dongba, eine Mischung aus Mystikern, Priestern und Schamanen, zelebrieren die uralten Rituale, die auf die Bön-Religion zurückgehen, einen Vorgänger des tibetischen Buddhismus.

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Insgesamt leben rund 300.000 Naxi, in Yunnan, Sichuan und in Tibet. Ihr kulturelles Zentrum ist Lijiang im Südwesten Chinas. Ling, Mitte 20, zeigt Touristen die schönsten Ecken ihrer Stadt, und sie kennt die Herkunft der Naxi. „Unsere Vorfahren“, erzählt sie mit einem Augenzwinkern, „sind aus Eiern geschlüpft, die das Ergebnis einer leidenschaftlichen Beziehung zwischen Bergen, Seen, Pinien, Steinen, menschlichen Frauen und Naga-Rajas – tibetischen Drachenkönigen – waren.“

Wasser bestimmt das Gesicht der Altstadt von Lijiang. Unzählige Ströme durchziehen den Ort, in Kanäle gebannte Nebenflüsse des Jade-Drachen-Flusses. Enge Gässchen, geschwungene Brücken und lauschige Plätzchen am Wasser bestimmen das Bild. Die traditionellen Häuser aus Lehmziegeln und Holz mit ihren grauen, geschwungenen Ziegeldächern kuscheln sich aneinander. Ihr sanft schimmerndes Grau kommt besonders nach einem Regenguss zur Geltung, und ihnen verdankt die Altstadt von Lijiang ihren Namen: Dayan – Tuschestein. Kunstvolle Schnitzereien und farbenfrohe Malereien schmücken die hölzernen Giebel, Firste und Fensterrahmen der Häuser. Und am Ufer der Kanäle flüstern Trauerweiden ihr eigentümliches Gebet. Seit 1997 gehört Dayan zum Unesco-Weltkulturerbe.

Lijiang ist eine alte Handelsstadt, die strategisch günstig an der historischen Tee-Pferde-Route lag, die von Yunnan nach Tibet führte. Die zähen, kleinen und trittfesten tibetischen Ponys transportierten chinesischen Tee nach Tibet und auf dem Rückweg Himalaya-Salz nach China. Hier, an den südöstlichen Ausläufern des Himalayas, auf einer Höhe von 2600 Metern, dominiert der Jade-Drachen-Schneeberg (Yulong Xue) die Gegend. Seine 13 Gipfel sind ganzjährig von Eis und Schnee umschlossen. „Wenn man die Augen zusammenkneift“, sagt Ling und blinzelt gegen die Sonne, „und ganz genau hinsieht, erkennt man im höchsten Pfeiler, dem Shanzidou, einen glitzernden Schneedrachen.“

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