Nachruf Jazz für morgen
Im Frühjahr 2008 wurde Esbjörn Svenssons Klangästhetik mit dem German Jazz Award ausgezeichnet. Nun ist der Pianist 44-jährig in Stockholm gestorben. Eine Würdigung
Erst im vergangenen Winter während einer Australienreise hatte
Esbjörn Svensson
seine Leidenschaft für das Tauchen entdeckt, für das Klang- und Körpergefühl unter Wasser, das Tönen der Innenräume, die Schwerelosigkeit und den Druck der Tiefe. Die Farben, die weiche Kühle des Stroms. Vielleicht hätte er das Betreten des Unerforschten noch in Musik umgesetzt, Svensson, der meditativ Konzentrierte, der jeden Morgen Yoga übte.
Seinem 13-jährigen Sohn Ruben wollte er am 14. Juni 2008 diese Welt zeigen, in Vrmdö, zwischen den Schären vor Stockholm. Esbjörn Svensson verunglückte und konnte, obwohl ein Tauchlehrer anwesend war, nur noch bewusstlos geborgen werden. Nach fünf Stunden erfolgloser Wiederbelebung wurde er für tot erklärt. Er war gerade 44 Jahre und einer der bedeutendsten und innovativsten Pianisten im Jazz. Die Polizei arbeitet an der Aufklärung des Unfalls.
Siegfried Loch, der Inhaber von Svenssons langjähriger Plattenfirma ACT, steht unter Schock. Am Sonntag flog er von Berlin nach München, um sich dort mit Svenssons Manager Burkhard Hopper zu treffen. Loch hatte Svensson 1994 kennengelernt, als dieser noch Pianist in der Band des schwedischen Posaunisten
Nils Landgren
war. Seit 1998 hat er ihn und sein Pianotrio
e.s.t.
betreut. Siegfried Loch sagt, Esbjörn Svensson habe „den Begriff Jazz neu definiert und dieser Musik ein ganz neues, junges Publikum erschlossen“. Auch Nils Landgren, der neue Leiter des Berliner Jazzfests, ist schockiert: „Die Gruppe e.s.t. ist mit Esbjörn Svensson gestorben. Sein Tod ist eine Katastrophe für seine Familie und seine Freunde, aber auch für die Musik. Denn er war auf dem Weg zu etwas ganz Phantastischem. Er konnte alle Genres aufbrechen, seine Musik ging über den Jazz hinaus. Er war ein absolut einmaliger Pianist, Musiker und Mensch. Sobald der Tag seines Begräbnisses bekannt ist, werden Musiker und Freunde aus der ganzen Welt kommen, um ihn zu ehren.“
Das e.s.t. spielte seine perkussiv atmende, sich weiträumig entwickelnde Musik in ausverkauften Hallen. Und 2006 war das Trio die erste europäische Jazzband auf dem Titel der amerikanischen Fachzeitschrift Downbeat . Diese Anerkennung war ein erstaunlicher Paradigmenwechsel, der die Musik erstmals über nationale Zugehörigkeiten stellte und die Identität des Jazz neu hinterfragte. In den vergangenen Jahren hat Esbjörn Svensson Amerika erobert, als Botschafter des skandinavischen und europäischen Jazz und der musikalischen Entwicklung. Ganz ohne folkloristische Elemente.
Svensson hat immer wieder betont, wie wichtig ihm die amerikanische Jazztradition sei. Das ist besonders in seinen frühen Aufnahmen zu hören, wie der 1996 veröffentlichten Hommage
Esbjörn Svensson Trio Plays Monk
. Er habe sich aber von seinen Vorbildern gelöst und sehe sie nun auf Augenhöhe. Zwei der schönsten Aufnahmen des e.s.t. sind das gefeierte
Good Morning Susie Soho
von 2000 und das zwei Jahre später erschienene
Strange Place For Snow
.
Ein großer Bewunderer Svenssons ist auch Ethan Iverson, der Pianist des amerikanischen Jazztrios The Bad Plus. Auf seiner Website ehrt er den Schweden vor allem für seinen respektvollen Umgang mit Klang, für seine „sonische Treue“. Svensson habe die klangliche Umsetzung seiner Musik niemals dem Zufall überlassen. Sein Tontechniker Ake Linton war ihm ein „viertes Mitglied des Trios“. Er nennt Svensson seine Leitfigur.
Esbjörn Svensson hatte mit Anfang 20 begonnen, seine musikalische Vision von ausgedehnten Improvisationen umzusetzen. Zunächst mit dem Schlagzeuger Magnus Öström, 1993 erweiterte der Bassist Dan Berglund das Duo zum Trio. Seitdem stand das e.s.t. für einen künstlerischen Ernst im Umgang mit der Musik und ebenso für ein puristisches, akustisches Konzept. An diesem hielt die Gruppe auch in den Neunzigern fest, als in Skandinavien viel mit elektronischen Klangerweiterungen experimentiert wurde.
Das e.s.t. machte Brüche hörbar, die Auseinandersetzung mit einer politischen Welt, die aus den Fugen geraten war. Und doch entsagte Svensson nie so radikal der Melodie wie etwa der ebenfalls aus Stockholm stammende Free-Jazz-Saxofonist Mats Gustafsson. Svensson war vielmehr ein Architekt der Klanglinien, die er mehrstimmig schichtete.
Vor wenigen Tagen erst hat das e.s.t. die Aufnahmen zu seinem zwölften Album
Leucocyte
abgeschlossen. Im Beiheft zur Doppel-CD
e.s.t. live in hamburg
, für die das Trio im März 2008 den German Jazz Award bekam, schrieb Esbjörn Svensson über seine Vorbereitungen zum Konzert: Er habe noch am Nachmittag zur Übung einige Stücke von Bach gespielt, Fugen aus dem
Wohltemperierten Klavier
. Der Konzertflügel sei so wunderbar und perfekt gestimmt gewesen, und er habe vor dem Konzert Yogaübungen gemacht. Im Konzert selbst habe er stets das Gefühl, als bleibe die Zeit stehen. Das Spielen improvisierter Musik sei wie die Transzendenz in eine andere Dimension, eine andere Welt.
In dieser anderen Welt ist er jetzt. Uns bleiben die Erinnerung an seine denkwürdigen Konzerte und seine Aufnahmen – ein Stück gefrorene Zeit.
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- Datum 04.09.2008 - 14:55 Uhr
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Ich bin geschockt. Esbjörn Svenson war einer der vielversprechendsten Figuren des Jazz in unsrer Zeit. Er fehlt.
Ein feinfühliger und poetischer Nachruf auf einen hervorragenden Musiker und sympathischen Menschen, der dem Jazz viele neue Zuhörer gebracht hat und dabei immer er selbst blieb. Es gibt aktuell nicht viele seines Formats.
Dem ist nichts hinzuzufügen. R.I.P.
sehr schöne Würdigung für einen großartigen Musiker.
bilder gibt's auf www.alaskaaa.com
(s. 2004-12-04 und 2004-12-03)
Ich hatte ich einen Tag vorher noch um Karten für EST bemüht, der Vorverkauf für Köln hatte aber noch nicht begonnen...
Trotz Live-Konzerten (Grandios 2005 in Leverkusen mit Lars Danielsson als "Vorgruppe") bleibt mir doch viel zu wenig Erinnerung.
In einem EST-Konzert fand man nicht nur "the usual (jazz-) suspects", sondern auch Grenzgänger. EST-ein Grenzgänger ohne Kompromisse an die Qualität.
Sehr traurig.
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