Diesen 12. Juni 2008 wird man sich merken müssen, denn an diesem Tag wurde europäische Geschichte geschrieben. Was immer jetzt auch an verzweifelten Rettungsversuchen unternommen wird, kann über die Tatsache nicht hinwegtäuschen, dass die EU in den kommenden zehn Jahren - wenn nicht sogar sehr viel länger - auf der Weltbühne kein ernst zu nehmender außenpolitischer Akteur sein wird. Dies geschieht in einer Zeit, in der die Probleme auf dem Balkan noch nicht gelöst sind, Amerika einen relativen Abstieg erlebt, Russland wieder erstarkt, die Türkei innenpolitisch am Wegrutschen ist, der Nahe Osten als direkter Nachbar der EU zu explodieren droht und das Tempo von China und Indien als aufsteigende Mächte die Wirtschaft und die Weltpolitik von morgen definieren wird.

Armes Europa! Es hat sich mit der irischen Entscheidung blind und ohne Not ins politische Elend gestürzt. Gewiss, die EU wird fortbestehen und ihre Institutionen werden mehr schlecht als recht auf der Grundlage des Nizza-Vertrags weiterarbeiten. Aber ein handlungsfähiges, starkes, sein eigenes Schicksal bestimmendes Europa ist auf lange Zeit dahin.

Wenn jetzt in den seriöseren britischen Medien, wie der Financial Times , vor einem erneuten europäischen Psychodrama gewarnt und dazu aufgerufen wird, stattdessen an einem „Europa der Ergebnisse“ zu arbeiten, dann ist dies wohl mehr ein schlechter Witz als eine ernst zu nehmende Alternative. Man macht aus einem Esel weder durch gutes Zureden oder Schläge ein Rennpferd, es sei denn, man ist insgeheim mit dem Esel zufrieden. Und genau darin besteht Europas Kernproblem. Einige der Mitglieder wollen nicht mehr als einen Esel.

Institutionen hingegen kann man reformieren, wenn sie nicht mehr funktionieren, und genau dies versucht die EU seit fast nunmehr 20 Jahren vergeblich. Die Geschichte hat die Erweiterung der EU nach 1989/90 unverzichtbar gemacht, aber ohne eine Reform der Institutionen wird das Europa der 27 Mitgliedstaaten zwangsläufig immer schlechtere und seinen Bürger immer mehr enttäuschende Ergebnisse liefern müssen.

Was werden die Folgen der irischen Entscheidung sein?

Erstens wurde eine starke europäische Außenpolitik, die angesichts der Weltlage dringender denn je wäre, am 12. Juni bis auf Weiteres beerdigt. Die Nationalstaaten werden damit erneut das außenpolitische Sagen haben. Dasselbe gilt für die Demokratisierung der EU und damit für eine stärkere Bürgernähe und demokratische Akzeptanz. Die irische Entscheidung ist gerade in diesem Punkt in sich grotesk, weil sie zugleich ablehnt, was sie einfordert.

Zweitens wird die EU stagnieren. Damit aber wird auch der Prozess der Erweiterung ins Stocken oder gar zum Stillstand kommen, denn die EU in ihrer „Nizza-Verfassung“ ist nicht mehr aufnahmefähig. Das wird zuerst auf dem Balkan und in der Türkei zu spüren sein.