EM-Kolumne Sind wir nicht alle ein bisschen Löw?

Unser EM-Reporter weiß: Wir Deutschen sind Kontrollfreaks, die „högschde Disziplin“ lieben. Gut, dass der Gefühlsmensch Schweinsteiger gegen Portugal spielt!

Italien! Land der Träume! Unmögliches Italien! Manche Menschen aus der zweiten, der Journalistenwelt sagen nach mittlerweile fast zwei Wochen intensiven Kennenlernens, das Beste an Ascona sei seine Nähe zu Italien.

Also haben wir uns gedacht, das überprüfen wir - und sind gestern Abend aufgebrochen, um das Endspiel um das Weiterkommen in der sogenannten Todesgruppe zu verfolgen, zwischen Frankreich und: Italien. Auf einer kurvenreichen Straße etwa zwanzig Minuten am Lago entlang sind wir schließlich in Canobbio gelandet, dem ersten größeren Ort hinter der ausgesprochen unauffällig bewachten Grenze.

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In der Bar Robinson hatten sie gleich zwei Fernseher aufgestellt. Auf dem einen, dem größeren, lief Italien-Frankreich. Uns fiel erneut auf, dass die italienischen Fernsehkommentatoren ganz unverhohlen und überaus engagiert von „wir“ sprechen, wenn sie sich dem eigenen Team zuwenden – eine sprachliche Verbrüderung, die im seriösen Teil der deutschen Medienwelt verpönt, nein geächtet ist.

Sind wir, haben wir uns beim Zuhören plötzlich überlegt, sind die deutschen Journalisten im Vergleich zu den italienischen Kollegen, nicht auch so ein bisschen wie Joachim Löw, der Bundestrainer? Würden wir vielleicht auch ganz einfach die uns zugewiesenen Zeilen füllen, egal, ob „die Deutschen“ verlieren oder nicht.

Genauso, wie der Bundestrainer, wenn er vom Platz geschickt wird, nicht vergisst, sein Sakko, welches er vorher sorgfältig an einen Haken an der Trainerbank gehängt hatte, am ausgestreckten Mittelfinger mit auf die Tribüne zu nehmen. Sind wir also nicht auch alle irgendwie unsere eigenen Gefühlskontrolleure, stellen unsere Emotionen ins Abseits, um die Kontrolle über das Spiel zu behalten, bei „högschder Disziplin“? Und träumen wir auch deshalb so gern von Italien?

Was das schon wieder mit Fußball zu tun hat? Das war gestern Abend in der Bar Robinson gleich doppelt zu beobachten: Während der italienische Trainer Roberto Donadoni seine Italiener geradezu ins Viertelfinale tobte, lies auf der anderen Seite der französische Zyniker Raymond Domenech sein Team fast regungslos ins Turnier-Aus laufen. Auf dem kleineren Bildschirm in der Bar Robinson war das ebenfalls zu beobachten: Die zweite Mannschaft der Holländer konnte gar nicht anders, als auch gegen die Rumänen ihren Herz-und-Seelen-Kombinationsfußball zu zelebrieren, wenn auch im zweiten und nicht, wie bisher, im vierten Gang.

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