"Der Geist von Ascona" Der Ton wird rauer

Die Presse reagiert mit Liebesentzug auf die Niederlage der deutschen Elf gegen Kroatien. Bierhoff und Frings grätschen nun zurück.

Die Niederlage der deutschen Mannschaft gegen Kroatien hatte natürlich auch Einfluss auf den „Geist von Ascona“. Die Rituale gleichen sich zwar noch: die tägliche Pressekonferenz etwa oder das morgendliche Training (weiterhin „die ersten 15 Minuten offen für Medienvertreter offen“). Doch der Ton ist, wenn man genau hinhört, doch etwas rauer geworden, nicht unfreundlich, nein, das nicht, aber, naja, etwas unentspannt.

Hatte sich, wir sprachen davon, das Verhältnis zwischen der ersten Welt, jenem engen Kreis der Nationalmannschaft und der zweiten, der Welt der Beobachter, nach dem Sieg über die Polen entspannt , zeigten sich nach der Klagenfurter Niederlage beide Seiten wieder unter Druck.

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Dass der Drang, sich zu den eigenen Heldentaten zu äußern, ungleich größer ist als der, über Fehlleistungen zu referieren, versteht sich. Doch es hilft ja nichts. Tag für Tag braucht die Medien-Meute ihr Futter – und sie bekommt es. Heute stellten sich der Manager Oliver Bierhoff, und die Spieler Christoph Metzelder und Torsten Frings. Auch im Pressezentrum war die Stimmung etwas angespannt.

„Die Situation ist spannend“, sagte Bierhoff, „aber nicht so, wie wir es haben wollten“. Dann kam er zum medizinischen Bulletin: Podolski, Lahm und Westermann (Handverletzung beim Handballspiel!) seien wieder  einsatzbereit. Die Schulterverletzung von Marcel Jansen hingegen mache einen Einsatz am Montag unwahrscheinlich. Eine Antwort, die er offenbar schon vorbereitet hatte, gab der Manager auf die Frage, ob die Mannschaft den Druck vielleicht sogar brauche: „Viele Dinge“, sagte Bierhoff, „entstehen unter Druck. Öl zum Beispiel oder Diamanten“.

Will sagen? Wo Druck ist, entsteht Energie und Glanz. Na dann kann sich die Mannschaft ja auf einiges gefasst machen. Frings und Metzelder hingegen gaben sich schuld- na, sagen wir: verantwortungsbewusst. Allerdings in den üblichen rhetorischen Varianten: Die Mannschaft müsse jetzt „die Antwort geben“, man müsse sich untereinander „pushen“, man habe „in den letzten zweieinhalb Jahren erfolgreich gearbeitet“.

Ihre Mienen dabei waren ernst und gefasst, die Stimme monoton; wenn man es wohlwollend auslegen will, könnte man auch sagen: konzentriert. Immerhin grätschte Torsten Frings einmal ganz humorlos einen Fragesteller ab – und brachte sich so wieder ins Spiel: Zum Pessimismus bestehe kein Anlass! Oje, wenn diese überbordende Leidenschaft der Worte am Montag auf dem Platz ihre unmittelbare Entsprechung findet, dann werden uns die Heimvorteiladrenalin-gesättigten Österreicher, unterstützt von 50.000 narrischen Fans, nach Hause schicken.

Doch wie regelmäßige Leser dieser Kolumne wissen, unterliegen die Auftritte der Spieler bei der offiziellen Pressekonferenz besonderen Gesetzen der Vorsicht und Zurückhaltung, nicht nur, weil diese live in die Heimat übertragen werden. Etwas anders stellt sich die Lage bei den Einzelgesprächen dar. Dort fallen, davon wird in den kommenden Tagen die Rede sein, schon einmal offenere Worte.

Bei der Auswahl der Themen allerdings herrscht seit Donnerstag eine etwas größere Vorsicht. Vor dem Kroatien-Spiel drehten sich alle Gespräche, auch unsere mit Lahm und Hitzlsperger, im Kern um die eine Frage: Wie funktioniert Erfolg? Die Aufnahmen und abgetippten Manuskripte sind voll mit wohl formulierten Erfolgserklärungen, die es vor dem Kroatien-Spiel nicht zur Veröffentlichung gebracht haben, sie sind seither in den Nachttischschubladen der Kollegen (und auch in unseren) verschwunden. Um ehrlich zu sein: Die Hoffnung auf Recycling halten die meisten im Moment für eher gering. Erst ein gewonnenes Viertelfinale gegen die Portugiesen würde, so die Einschätzung, auch die Journalisten wieder auf die Erfolgsspur bringen.

Morgen geht es für die Mannschaft dann schon Richtung Wien. Gute Güte, kann sein, dass das schon der letzte Reisetag der Vorrunde ist und: vielleicht sogar der letzte überhaupt? Letzteres ist, ehrlich gesagt, irgendwie total unvorstellbar. Nicht nur weil der Zettel mit Kolumnen-Themen, mit größeren und kleineren, für die nächsten Texte noch gut gefüllt ist. Die müssten ja alle morgen an dieser Stelle abgefeiert werden. Denn von Sonntag an richtet sich auch unser Blick ganz auf das Spiel gegen Österreich.

Liebe Freunde aus der ersten Welt, wir verlassen kurz einmal unsere Position der journalistischen Unabhängigkeit und rufen Euch zu: Ein paar gemeinsame Tage, das müsste doch noch drin sein. An uns soll es nicht liegen!

Seit der "Geist von Spiez" 1954 die deutschen Fußballnationalmannschaft zum WM-Titel führte, werden vor jedem großen Turnier die Geister beschworen. In den Wochen der EM spürt Moritz Müller-Wirth dem "Geist von Ascona" nach. Die Atmosphäre am Ort des Trainingslagers, wo die Deutschen - die Fußballer und die Journalisten – ihr EM-Quartier bezogen haben, ist das Thema der EM-Kolumne.

 
Leser-Kommentare
    • Lieps
    • 15.06.2008 um 10:54 Uhr

    es hört sich beinahe an, als wäre Fussball- Deutschland schon ausgeschieden. Ist es aber  nicht ! Genau dieses möchte Moritz Müller-Wirth in seinem Artikel  auch vermitteln. Mit auf die Schulter klopfen kommen wir nicht weiter. In Anlehnung an ein bekanntes Bismarck Wort möchte ich sagen: Nicht mit schönen und gelungenen Pressekonferenzen kommen wir in das Viertelfinale, sonderm mit Spielintelligenz und unbändigem Siegeswillen auf dem Platz. Unsere Freunde und Nachbarn aus Österreich sind zu packen; wir kennen doch unsere alten Habsburger: "Tapfer sein`s mer net, aber fesch". Lassen wir sie weiter fesch sein und bleiben. Unsere Mannschaft braucht am Montag in Wien : Selbstvertrauen, Siegeswillen, Leidenschaft und Übersicht. Bei allen guten Willen: Deutschland kann auch heute nicht Holland oder Portugal in spielerischer Hinsicht das Wasser reichen. Aber kämpfen bis zur letzten Minute der Nachspielzeit, diese alte Tugend gilt es nun in die Waagschale zu werfen.Ich bin voller Zuversicht, dass unser Team in das Viertelfinale einzieht.
    Lieps
     
     
     
     

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