„Der Geist von Ascona“ Zeit, persönlich zu werden
Unser EM-Reporter ist bis in die Haarspitzen motiviert. Das Spiel gegen Österreich wird eine hoch emotionale Sache. Halten Sie diesen Text deshalb nicht für zu selbst bezogen.
Es soll hier keineswegs voreilig Abbruchstimmung verbreitet werden – schon weil die Dinge, vor allem im Fußball, doch häufig anders kommen, als vermutet. Dennoch: Dies könnte die letzte, jedenfalls die letzte entspannte Kolumne aus Ascona sein. Morgen melden wir uns aus Wien. Übermorgen muss dann Bilanz gezogen werden, was die Auseinandersetzung mit Österreich betrifft. Das wird, so oder so, eine hoch emotionale Sache. Auch wenn der Bundestrainer gewiss wieder einen Puls von 60 hat.
Wenn dann alles gut gegangen sein sollte, wäre der Mittwoch schon wieder der Tag vor dem Endspiel, dem Viertelfinale, an dem es natürlich an dieser Stelle weitestgehend um Fußball gehen müsste und nicht um das Leben. Und am Donnerstag würden wir uns aus Basel melden, wo dann die Begegnung gegen Portugal anstünde.
Wäre, würde, könnte. Heute ist jedenfalls die vorläufig letzte Gelegenheit, noch einmal etwas persönlicher zu werden. Die Leser, die sich eher an fakten-orientierter, so genannter 1:0-Berichterstattung laben, mögen uns das nachsehen. Ihre Zeit wird kommen.
Hier also eine kurze Skizze unserer persönlichen Situation in Ascona. So fing ja alles an: schlechtes Wetter, schlechtes Essen, abgeschottete Welten, leichtes Missvergnügen. Inzwischen, nach zehn Tagen, hat unser vorübergehendes Zuhause, wie der Kollege von der
FAZ
treffend beschrieb, zwar „den Turnierrhythmus noch nicht aufgenommen“, doch die beschauliche zweite Welt am Lago Maggiore wird allmählich vertraut, fast heimisch: Aufstehen, laufen, Frühstück, dann zum Zeitungsladen, dann im Medienzentrum in Tenero die neuesten Neuigkeiten rund um die deutsche Mannschaft aufsaugen, nachmittags schreiben und/oder Einzelgespräche führen, abends, beim Essen, ins "Seven Easy" an der Piazza, um mit den Kollegen Fußball zu schauen. So verlaufen hier die Tage, unspektakulär, aber durchaus intensiv. Das ist Ihnen noch nicht persönlich genug? Okay!
Der Kollege Bernd Ulrich, Autor der
Kolumne "Reden mit Fritz"
, und ich, sind in einem sehr angenehmen Haus in der "Albergo Losone", unweit von Ascona, untergekommen. Am ersten Morgen, als wir gemeinsam auf der Terrasse unser Frühstück zu uns nahmen und nach der Bestellung der Getränke nach der Zimmernummer gefragt wurden, da antworteten wir - wahrheitsgemäß - mit: 84. Ja, wir beide antworteten, trotz dreifachen, irritierten Nachfragens des freundlichen Obers, mit: 84. Egal, was er jetzt denkt, wir denken: Na und!?
Die ungeheuer hohen Kosten der Charterflüge zu den Spielen der deutschen Mannschaft, haben uns als Budgetverantwortliche zu dieser in der Tat außergewöhnlichen Maßnahme getrieben, ein Doppelzimmer zu nehmen. Das mussten deutsche Nationalspieler bis vor wenigen Jahren schließlich auch.
Wen das interessiert? Für alle, die das für zu selbst bezogen und langweilig halten, hier die beiden wesentlichen Sätze der gestrigen Pressekonferenz mit Hans-Dieter Flick, dem Assistenztrainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft: „Das Kroatien-Spiel ist vergessen.“ Und: „Die Österreicher sind bis in die Haarspitzen motiviert.“
Und wir? Sind wir auch bis in die Haarspitzen. Zumindest sind einige Spieler bis in die Haarspitzen gegelt. Aber das sind ja nur Äußerlichkeiten.
- Datum 15.06.2008 - 08:10 Uhr
- Quelle ZEIT online
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ZEIT-Reporter Moritz Müller-Wirth ist nicht am richtigen Ort. Die ZEIT-Leser warten weiter auf angemessene Vorberichte, Berichte, Analysen, Kommentare etc. Fachlich fundiert! Die ZEIT-ChefRedaktion hätte ihrem motivierten Reporter irgendwo anders einen bequemen Sonderurlaub gewähren sollen. In Ascona bzw. im Umfeld des DFB-Teams schadet er nur - uns allen! Die UEFA-EM 2008 ist nicht sein Ding.
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