Berliner Rede Köhler fordert Agenda 2020

Der Bundespräsident ruft in seiner dritten "Berliner Rede" zu weiteren Reformen und Modernisierung Deutschlands auf. Zugleich mahnt er gerechte Chancen für alle an

Köhler bei seiner dritten Berliner Rede 2008

Köhler bei seiner dritten Berliner Rede 2008

Seine Rede mit dem Titel «Arbeit, Bildung, Integration» hielt Köhler diesmal im Schloss Bellevue, seinem Amtssitz. Sie stand im Zeichen seines Bemühens um eine zweite Amtszeit. Deutlich erkennbar versuchte Köhler, den Ruf nach weiteren Reformen mit der Rücksicht auf die Befindlichkeit der Bürger zu verbinden, die soziale Gerechtigkeit verlangen. Bei aller Kritik an Einzelerscheinungen sei Deutschland auf einem guten Weg. «Wir sollten das Erreichte nicht zerreden oder gar zurückdrehen, sondern beherzt vorangehen auf dem Weg, der sich als der richtige erwiesen hat», forderte er.

Erneut lobte Köhler die Reform-Agenda 2010 von Ex-Kanzler Gerhard Schröder (SPD) und verlangte ihre Fortsetzung in einer «Agenda 2020». Es gebe erste Erfolge, mehr als 1,6 Millionen Menschen hätten einen Arbeitsplatz gefunden. «Und viel mehr Beschäftigung, ja Vollbeschäftigung ist möglich, wenn wir ihre Voraussetzungen und unsere Chancen verstehen und entsprechend handeln.»

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Es sei falsch, Wachstum als bedrohlich und zerstörerisch zu sehen, sagte der Bundespräsident. Die Weltmärkte bedürften jedoch der politischen Gestaltung. Weltweites Wachstum bleibe das wirksamste Mittel gegen Hunger und Armut. Die Modernisierung anderer Länder, der Umweltschutz, die Versorgung mit Lebensmitteln bedeute Wachstum und zugleich weniger Umweltverschmutzung und weniger Verschwendung von Ressourcen. Köhler: «Es macht die Welt besser, und dabei sind als Weltverbesserer gerade auch wir Deutsche gefragt und können gute Geschäfte machen.»

Von den Unternehmern erwartet Köhler eine Vorbildfunktion. Ihr Fehlverhalten gehöre ohne Ansehen der Person geahndet. «Bei uns dürfen auch die Reichen, Schönen und Mächtigen nicht bei Rot über die Ampel fahren.» Wo Gehälter oder Abfindungen außer Verhältnis zu den Leistungen gerieten, seien die Eigentümer und deren Aufsichtsorgane gefordert. Auch wenn es nur Einzelfälle seien: «Es wird dauern, den Vertrauensschaden zu reparieren, der durch das Fehlverhalten in den Leitungsbereichen einiger deutscher Unternehmen entstanden ist, von Steuerhinterziehung bis zur Bespitzelung der eigenen Mitarbeiter. Dass es aufgedeckt wurde, ist ein gutes Zeichen.»

Die internationalen Bedingungen für mehr Arbeit in Deutschland wertete Köhler als grandios. Die heimischen Voraussetzungen «können wir selber schaffen», sagte er. Deutsche Unternehmen bräuchten mehr qualifizierten Nachwuchs. Mit einer klugen Einwanderungspolitik müsse Deutschland zusätzliche Talente gewinnen. «Manche westlichen Demokratien wählen ihre Zuwanderer so intelligent aus, dass die höher gebildet sind als im Durchschnitt die Einheimischen. Es geht darum, begabte Ausländer für uns zu gewinnen, statt sie bloß zu dulden.»

Der Bundespräsident warb für eine neue Gründerzeit. Schon in den Schulen müssten solide Grundkenntnisse über die Wirtschaft vermittelt werden. Geld für die Umsetzung von Ideen sei reichlich da. Der Löwenanteil der ordentlichen Gewinne «sollte in den schöpferischen Kern unserer Wirtschaft zurückfließen, in Forschung und Entwicklung eben, in die Modernisierung der Betriebe und die Schulung der Mitarbeiter».

Köhler forderte die Banken auf, Ideengeber stärker zu unterstützen. Er verteidigte starke Gewerkschaften und Flächentarifverträge, trat aber auch für betriebliche Bündnisse ein.

Als Hemmnis prangerte er erneut das komplizierte Steuersystem an. Ein Steuerrecht müsse «klar, einfach, wirksam und fair» sein. Heute zahlten schon Facharbeiter Steuersätze, die früher nur für Reiche gegolten hätten. «Das alles drückt auf die Steuermoral und den Leistungswillen.»

Wie schon bei seiner «Berliner Rede» vor zwei Jahren geißelte Köhler die Mängel des deutschen Bildungssystems. «Deutschland braucht ein Klima der Begeisterung und der Anerkennung für Bildung.» Das Bildungssystem dürfe niemanden zurücklassen. «Es ist beschämend, wie oft in unserem Bildungswesen die Herkunft eines Menschen seine Zukunft belastet.»

Für die weit verbreitete Unzufriedenheit vieler Bürger über die politische Ordnung zeigte Köhler Verständnis. Dies habe einen berechtigten Kern. Die politische Ordnung reagiere zu langsam und verwische Verantwortlichkeiten. Die grundlegenden Strukturen hätten sich aber bewährt.

Köhler befürwortete eine Verlängerung der Legislaturperiode auf fünf Jahre. Um die demokratische Teilhabe zu stärken, sprach er sich dafür aus, den Wählern mehr Einfluss bei der Aufstellung von Wahllisten zu geben.

 
Leser-Kommentare
  1. oder mit anderen Worten ein Präsident der sich gnädigst über ein paar Soziale Fehlkonstruktionen auslässt und im gleichen Atemzug meint, gut so wir machen weiter wie bisher. Ein paar Kollaterschäden nehmen wir (bzw. die anderen) gerne in Kauf auf das wir gemeinsam (also die im gleichen Saal) unsere und die von der WTO gesteckten Ziele erreichen... Freihandel über alles auch wenn es auf dem Buckel der restlichen 95% der Bevölkerung ausgetragen wird, das währen die meisten Angestellten und kleinen Gewerbebetriebe. Nehmen wir doch Platz in unseren Logen und schauen zu wer sich am besten in der Arena bewährt... Die Niedriglöhner aller Länder werden es schon richten und unter sich Ausmachen sobald alle Schutzmechanismen abgebaut wurden.Wettbewerb ist ja sowas tolles und funktioniert am besten wenn möglichst alle noch verbleibenden Sozialen und Moralischen Standards aufgehoben werden. Auch nur die kleinste Beeinflussung des "freien" Marktes könnte ja die Ausgewogenheit stören die sich, nachdem endlich alle Fesseln abgelegt wurden, ergeben sollte.Ich frag mich blos warum die Bedürfnisse nach Absicherung uns ein ganzes Leben lang begleiten...? Warum hat den der Mensch überhaupt so ein Sicherheitsbedürfnis wenn doch der freie Markt alles so perfekt regeln soll? Die Verpflichtungen die sich aus den WTO Verträgen und deren Abkömmlingen ergeben drangsalieren jedes Land das Unterschrieben hat und ausgetragen wird das ganze an wem wohl? Die freiheitliche Gestalltung die man einst durch Eigenständigkeit hatte ist nun verschwunden... nur die niedrigsten Standards bezüglich Sozialleistungen und Arbeitnehmergesetzen scheinen in dieser Konstruktion noch einen Sinn zu ergeben.Aber immer weiter wie bisher... ist schon alles gut gelaufen wenn man sich die Bilanzen und Boni der vergangenen Jahre so anschaut.-------

    "sich selbst zu verstehen,... ist das eine Entdeckung oder eine
    Kreation...?"

  2. Zitat Die Zeit:"Für die weit verbreitete Unzufriedenheit vieler Bürger über die politische Ordnung zeigte Köhler Verständnis.Dies habe einen berechtigten Kern.Die politische Ordnung reagiere zu langsam und verwische Verantwortlichkeiten.Die grundlegenden Strukturen hätten sich aber bewährt."
    Wenn * nur noch jeder Sechste (17 %) Vertrauen in die politischen Parteien hat und* jeder Zweite (52 %) an der Funktionalität der Demokratie in Deutschland zweifelt,
    dann ist das die tiefste Krise der Demokratie in Deutschland seit 1949 !ARD DeutschlandTrend Juni 2008: http://www.infratest-dimap.de/?id=16
    Die "politische Ordnung  reagiert nicht zu langsam", sie reagiert überhaupt icht !Wenn H. Köhler ehrlich wäre, müßte er zugeben, daß diese Unzufriedenheit ganz wesentlich dadurch bedingt ist, daß die etablierten Parteien sich weigern Politik zu machen, da ihnen die Wahlergebnisse nicht passen und sie sich nur noch damit befassen, wer mit wem darf und mit wem nicht !Und das, obwohl* für 64 % der Bürger spielen die politischen Inhalte, die die Parteien vertreten, bei ihrer Wahlentscheidung eine sehr wichtige Rolle und* für weitere 30 % stellt dieser Punkt ein wichtiges Kriterium dar. * Lediglich 6 % schreiben der Sachpolitik eine nachrangige Bedeutung zu.ARD DeutschlandTrend April 2008: http://www.infratest-dimap.de/?id=39&aid=160#ue9Da es aber unmöglich ist, daß die Union, die doch die Demokratie immer vor sich herträgt, mit an der Krise Schuld sein kann, hält es Horst Köhler wohl mit Christian Morgenstern:"... und er kommt zu dem Ergebnisnur ein Traum war das Erlebnis,denn, so schließt er messerscharfwas nicht sein kann, auch nicht sein darf."

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