Junge Literatur Schreib wie ein depressiver Delfin!
Tao Lins schriftstellerisches Werk begann im Internet. Nun begeistern seine absurden, traurigen Geschichten und Gedichte die amerikanische Literaturszene

© Dennis Johnson
Vom Internet in die amerikanische Literaturszene: der New Yorker Tao Lin
Tao Lin hat einen seltsamen Begriff von Schönheit: veraltete Microsoft-Programme, heruntergekommene 24-Stunden-Supermärkte und Naturfilme. Daraus macht der 24-jährige seine Prosa. Er schreibe von Stimmungen, die andere Schriftsteller achtlos vorbeiziehen lassen, sagte unlängst
Miranda July, der gegenwärtige Liebling
des amerikanischen Literaturbetriebs.
Tao Lin hat der Depression junger Amerikaner eine neue Stimme gegeben. Sein Ton ist ein wenig schläfrig, minimalistisch aber präzise. Seine besten Geschichten spielen an einem in literarischer Hinsicht sehr abgelegenen Ort: Florida. Es ist schwül, die Protagonisten stopfen sich voll mit Fastfood und Süßem, die Klimaanlage surrt, man schläfert Haustiere ein und weint im Stillen und ohne Grund. Durchbrochen wird die Vorstadtödnis nur durch Visionen von fliegenden Donuts, Einhörnern, Pflaumen und Robotern. Im Hintergrund lauern Terroristen darauf, im richtigen Moment mit Kentucky-Fried-Chicken -Plastikgabeln zuzuschlagen.
Überall lauert eine unüberwindbare Melancholie. So bezeichnet etwa der Titel seines ersten Romans das Geräusch, das Delfine machen, wenn sie glücklich oder depressiv sind: Eeeee Eee Eeee .
Der Autor selbst ist weder exzessiv glücklich noch depressiv: Seine Schreibwut grenzt bloß an Hyperaktivität. Mit 24 Jahren hat der New Yorker schon mehrere Bücher geschrieben, darunter einen Roman, einen Kurzgeschichtenband und zwei Gedichtbände. Zudem malt er Bilder von weinenden Hamstern, die er 2008 im Bildband North American Hamsters veröffentlichte. Legendär sind in Internetkreisen auch seine Kettenmails und Anzeigen, mit denen er seine Suche nach Praktikanten zur Kunstform erhob.
Angesichts dieser Massenproduktion überrascht es kaum, dass Tao Lins Arbeit dort begonnen hat, wo die unbegrenzte literarische Selbstveräußerung die Regel ist: im Internet. Im Jahr 2005 begann er die Arbeit an seinem Blog Reader of Depressing Books . Dort schrieb er Kritiken über Bücher, die er so deprimierend fand, dass sie ihn selbst glücklicher machten.
Noch im selben Jahr gewann er einen Literaturwettbewerb des Verlags Action Books. Der Gewinn des Preises ermöglichte die Publikation seines ersten Buchs, des 2006 erschienenen Gedichtbands You are a little bit happier than I am . Die Lyrik darin liest sich beiläufig und authentisch zugleich. Tao Lins Enjambements klingen eher wie ein Chatprotokoll als bemüht kunstvoll:
Today The Sky is Blue and White with
Bright Blue Spots and a Small Pale
Moon and I Will Destroy Our
Relationship Today.
Mit ähnlichen Stilmitteln gelingt es ihm auch, ein Treffen mit einem ehemaligen Studienfreund so mitleids- wie aufwandslos in Gedichtform zu fassen:
Now you are an electrician
because of student loans you are fucked
there is an online game that you play
you have gained a lot of weight.
Auf den Gedichtband folgte
Eeeee Eee Eeee
. Darin ging es Tao Lin vordergründig um unerfüllte romantische Liebe. Das klingt zunächst, nun ja, etwas abgegriffen. Doch zu seiner scharfen Beobachtungsgabe ist es voran das Surreale, das
Eeeee Eee Eeee
interessant macht. Wenn die Protagonisten Ellen und Steve nicht gerade versuchen, sich mit Valium umzubringen oder mit Zeichenprogrammen Wale zu zeichnen, besuchen sie die geheimnisvolle Stadt der Delfine und Bären. Dort kriechen sie wie in einem Jump-and-Run-Computerspiel durch dunkle Gänge, klettern Leitern hinauf und springen über Abgründe. Tao Lins minimale Erzählweise erweckt bisweilen den Eindruck, man lese eines seiner Gedichte.
Lesenswert ist seine Lyrik, interessant sein Roman, seine Kurzgeschichten aber sind brillant. In seinem Kurzgeschichtenband Bed widmet Tao Lin jede Erzählung einer zerbrochenen Existenz. Manche Geschichten tragen plakative Namen wie Suburban Teenage Wasteland Blues . Und sie verstören! Zumeist handeln sie von Teenagern und sogar Kindern. Dies kann ein zu dickes Mädchen sein, vor dem die Jungs, die ihr Vater für sie auftreibt, weinend Reißaus nehmen. Oder ein Junge, der über den außerirdischen Ursprung von Nilpferden nachdenkt, während er onaniert. Die Verlorenheit dieser Figuren wirkt irreparabel, obgleich es sich noch fast um Kinder handelt.
Die große Geste interessiert Tao Lin nicht, sondern das Unscheinbare, Marginale. Seine Sprache schrammt haarscharf die Grenze des Alltäglichen, gleitet in absurde Fantasien. Kakerlaken und Flöhe tanzen und balzen durch die Wohnung eines hippen New Yorker Paares, wobei das Paar sich erst über die neuen Mitbewohner freut. Bald wirkt aber die cartooneske Fröhlichkeit des Ungeziefers bedrückend und einschüchternd, weil sich das Paar sonst nichts mehr zu sagen hat. Es ist ein tiefes Gefühl für die menschliche Vergeblichkeit, das sich hinter den erzählerischen Eskapaden Tao Lins verbirgt. Ein bisschen schreibt er so, als habe sich ein junger Beckett zu bunt angezogen und stünde noch verlorener beim Warten da.
Tao Lin:
Bed.
Melville House 2007, 10,99 Euro.
Tao Lin:
Eeeee Eee Eeee.
Melville House 2007, 10,99 Euro.
Tao Lin:
You Are a Little Bit Happier Than I Am.
Action Books 2006, 11,99 Euro.
- Datum 14.06.2008 - 07:44 Uhr
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- Quelle ZEIT online
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Man nennt es auch Kitsch oder "Emo", und ich weiß nicht, ob man Beckett - oder auch Kafka - bei jeder Murakami-Imitation heranziehen muss.
ich binspricht tao linder sinndes lebensvergebensdie zeit läuft hinund herwer aber ist tao lin
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