Vergessene Autoren Der gescheiterte Revolutionär
Alexander Herzens bittere Erinnerungen erzählen von Liebe und Selbstmord. Dass wir sie überhaupt lesen können, verdanken wir einer Ironie der Geschichte.
An Alexander Herzen hat das letzte Mal Hans Magnus Enzensberger erinnert - zumindest mit einer Buchausgabe. Von ihm herausgegeben erschienen 1989 Herzens
Briefe aus dem Westen
in der Anderen Bibliothek, eine bibliophile Ausgabe, damals noch "auf einer Condor Schnellpresse gedruckt", sagte Enzensberger.
Einem größeren Publikum ist Herzen heute dagegen unbekannt. Das war nicht immer so. "Zu seinen Lebzeiten" war Herzen "eine gefeierte europäische Persönlichkeit, der bewunderte Freund von Michelet, Mazzini, Garibaldi und Victor Hugo, in seinem Heimatland lange Zeit nicht nur als Revolutionär, sondern auch als einer seiner größten Literaten verehrt". So schreibt sein berühmtester Fürsprecher aus dem 20. Jahrhundert: der englische Historiker Isaiah Berlin.
Am 6. April 1812 in eine reiche Moskauer Adelsfamilie hineingeboren, wäre Herzen eigentlich der Weg zum Militär oder in den Staatsdienst vorherbestimmt gewesen. Doch seine Mutter war die Tochter eines einfachen württembergischen Beamten. Sein Vater hatte sie heimlich nach Russland gebracht, sie aber nie geheiratet. Ihr und den Bediensteten fühlte sich Alexander Herzen nahe. Nicht dem Vater. Der war streng und wurde immer mürrischer vor lauter Lebensfrust.
So wurde Herzen bereits als Kind für das Unrecht der zaristischen Gesellschaft sensibilisiert. Nach dem Studium an der Moskauer Universität schickte ihn Zar Nikolaus das erste Mal in die Verbannung, weil er an einer Feier teilgenommen hatte, auf der ein Schmählied auf den Zaren gesungen worden war.
Während seiner zweiten Verbannung inszenierte er dann mit Hilfe von Freunden die Entführung einer Cousine und heiratete sie gegen den Willen der Familie. Als sein Vater 1847 starb und ein Großteil seines Vermögens ihm und seiner Mutter hinterließ, verließ Herzen zusammen mit seiner Familie Russland. Er sollte es bis zu seinem Tod 1870 nicht wiedersehen.
Wie er im Vorwort seines Hauptwerks Erlebtes und Gedachtes schreibt, hatte er bereits in der Verbannung begonnen, Erinnerungen zu notieren. In Paris erlebte er als Anhänger Proudhons das Scheitern der Revolution 1848; nach persönlichen Katastrophen - erst starben seine Mutter und sein Sohn bei einem Schiffsunglück, dann seine Frau begann er, seine Erinnerungen zu überarbeiten, neue zu schreiben und zusammen mit Auszügen aus Briefen, alten Artikeln und Beschreibungen seiner Freunde zu veröffentlichen.
Es ist das Disparate seines Werks, das es modern macht; ungewöhnlich ist auch die Verknüpfung von Denken und Leben. Die Diskussionen und die Beschreibung von 1848 erinnern in vielem an 1968 und die hitzigen Diskussionen, die noch heute darüber geführt werden. Herzen bewahrte sich davor, in Sektierertum oder menschenverachtende Ansichten zu verfallen, wie z. B. sein Freund Michail Bakunin oder auch manche der deutschen 48er, die für die "Befreiung" der Menschheit durch Blut gewatet wären.
Andere Teile von Erlebtes und Gedachtes haben romanhafte Züge, wie die Geschichte der Freundschaft zu Georg Herwegh. Die "eiserne Drossel", wie Heinrich Heine Herwegh spöttisch nannte, versuchte, Herzen die Frau auszuspannen. In diesem Familiendrama liegen die Nerven blank, man droht mit Selbstmord und fordert einander zum Duell. Trotzdem denkt man bei der Lektüre: Heute wäre es kaum anders! Wie bitter muss es für Herzen gewesen sein, dass diese Frau, die sich am Ende gegen Herwegh und für ihn entschied, kaum ein Jahr später starb.
Schade, dass Erlebtes und Gedachtes , wie alles andere von Herzen, auf Deutsch nur noch antiquarisch vorliegt. Die wunderbare dreibändige Ausgabe des Aufbau Verlags erschien nur ein einziges Mal, Anfang der sechziger Jahre. Zu verdanken haben wir sie übrigens einer "Ironie der Geschichte", wie Isaiah Berlin sagt, einer "beiläufig geäußerten anerkennenden Bemerkung Lenins", sodass Herzen sich im "allerheiligsten des sowjetischen Pantheons befindet, von einer Regierung dorthin gestellt, deren Genese er besser verstand und mehr fürchtete als Dostojewski und deren Worte und Taten eine fortgesetzte Beleidigung alles dessen sind, woran er glaubte und was er war."
- Datum 01.04.2009 - 13:08 Uhr
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Nicht selten ist dies das Los der großen Menschen. Ein Leben voller Katastrophen. Obgleich dem Sterben näher als dem Leben, wirken sie am Band der Kunst und schaffen, was sie schaffen müssen, ob zum Ruhme oder Untergang. Ihre Treue ist ihre Konsequenz und ihr Ruhm die Treue, die nicht vor der Konsequenz zurückschreckt.
Ich bezweifle, daß der Autor schon jemals irgendetwas von A. Herzen gelesen hat, schon gar nicht die erwähnten Memoiren. Ein Armutszeugnis.
1.) "Am 6. April 1812 in eine reiche Moskauer Adelsfamilie hineingeboren, wäre Herzen eigentlich der Weg zum Militär oder in den Staatsdienst vorherbestimmt gewesen. Doch seine Mutter war die Tochter eines einfachen württembergischen Beamten."
Weder der erste noch der zweite Satz sind an sich ganz falsch, haben aber miteinander gar nichts zu tun. Der Staats- oder Militärdienst stand ihm durchaus offen; er verweigerte sich ihm aber und wollte lieber studieren.
2.) "...in die Verbannung, weil er an einer Feier teilgenommen hatte, auf der ein Schmählied auf den Zaren gesungen worden war."
Auch falsch. Das Absurde an dem Urteil war ja gerade, daß die Kommission festgestellt hatte, daß Herzen an besagtem Abend gar nicht anwesend war, ihn aber trotzdem deswegen verurteilte.
3.) "Während seiner zweiten Verbannung..."
Es gab keine "zweite Verbannung", nur der Verbannungsort wechselte. (Wjatka - Wladimir)
4.) "Die Diskussionen und die Beschreibung von 1848...
Herzen bewahrte sich davor, in Sektierertum oder menschenverachtende Ansichten zu verfallen, wie z. B. sein Freund Michail Bakunin..."
Herzen 1848: "Es wird viele Hinrichtungen geben; man wird zum Opfer bringen müssen, was einem lieb und teuer ist – zu opfern, was man haßt, ist keine Kunst. [...] Und wirklich, wer verdient denn Gnade? Alle Elemente des zusammenbrechenden Baues zeigen sich in all ihrer kläglichen Unsinnigkeit, in ihrem ganzen widerwärtigen Wahnwitz.
[...]
Was wird aus diesem Blut hervorgehen? ... Wer weiß es – aber was es auch sein wird, es genügt, daß in diesem entfesselten Taumel von Tollwut, Rache, Zwist, Vergeltung eine Welt zugrunde geht, die den neuen Menschen beengt, ihn hindert zu leben und den Eintritt der Zukunft behindert – und das ist sehr gut, und deshalb: Es lebe das Chaos und die Zerstörung!
Vive la mort!
Und auf den Sieg des Kommenden!"
(Briefe aus dem Westen, S. 171ff)
5.) "Schade, dass Erlebtes und Gedachtes , wie alles andere von Herzen, auf Deutsch nur noch antiquarisch vorliegt. Die wunderbare dreibändige Ausgabe des Aufbau Verlags erschien nur ein einziges Mal, Anfang der sechziger Jahre."
Dumm nur, daß die dreibändige Ausgabe des Aufbau-Verlags "Mein Leben. Memoiren und Reflexionen" heißt, während es sich bei "Erlebtes und Gedachtes" um die stark gekürzte einbändige Ausgabe von z.B. Reclam Leipzig handelt. Der Autor hat beide offensichtlich nie in der Hand gehabt - schreibt aber munter drauf los. Beeindruckende Leistung!
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