Vergessene Autoren Der gescheiterte RevolutionärSeite 2/2

Es ist das Disparate seines Werks, das es modern macht; ungewöhnlich ist auch die Verknüpfung von Denken und Leben. Die Diskussionen und die Beschreibung von 1848 erinnern in vielem an 1968 und die hitzigen Diskussionen, die noch heute darüber geführt werden. Herzen bewahrte sich davor, in Sektierertum oder menschenverachtende Ansichten zu verfallen, wie z. B. sein Freund Michail Bakunin oder auch manche der deutschen 48er, die für die "Befreiung" der Menschheit durch Blut gewatet wären.

Andere Teile von Erlebtes und Gedachtes haben romanhafte Züge, wie die Geschichte der Freundschaft zu Georg Herwegh. Die "eiserne Drossel", wie Heinrich Heine Herwegh spöttisch nannte, versuchte, Herzen die Frau auszuspannen. In diesem Familiendrama liegen die Nerven blank, man droht mit Selbstmord und fordert einander zum Duell. Trotzdem denkt man bei der Lektüre: Heute wäre es kaum anders! Wie bitter muss es für Herzen gewesen sein, dass diese Frau, die sich am Ende gegen Herwegh und für ihn entschied, kaum ein Jahr später starb.

Schade, dass Erlebtes und Gedachtes , wie alles andere von Herzen, auf Deutsch nur noch antiquarisch vorliegt. Die wunderbare dreibändige Ausgabe des Aufbau Verlags erschien nur ein einziges Mal, Anfang der sechziger Jahre. Zu verdanken haben wir sie übrigens einer "Ironie der Geschichte", wie Isaiah Berlin sagt, einer "beiläufig geäußerten anerkennenden Bemerkung Lenins", sodass Herzen sich im "allerheiligsten des sowjetischen Pantheons befindet, von einer Regierung dorthin gestellt, deren Genese er besser verstand und mehr fürchtete als Dostojewski und deren Worte und Taten eine fortgesetzte Beleidigung alles dessen sind, woran er glaubte und was er war."

 
Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 18.06.2008 um 17:16 Uhr

    Nicht selten ist dies das Los der großen Menschen. Ein Leben voller Katastrophen. Obgleich dem Sterben näher als dem Leben, wirken sie am Band der Kunst und schaffen, was sie schaffen müssen, ob zum Ruhme oder Untergang. Ihre Treue ist ihre Konsequenz und ihr Ruhm die Treue, die nicht vor der Konsequenz zurückschreckt.

  1. Ich bezweifle, daß der Autor schon jemals irgendetwas von A. Herzen gelesen hat, schon gar nicht die erwähnten Memoiren. Ein Armutszeugnis.

    1.) "Am 6. April 1812 in eine reiche Moskauer Adelsfamilie hineingeboren, wäre Herzen eigentlich der Weg zum Militär oder in den Staatsdienst vorherbestimmt gewesen. Doch seine Mutter war die Tochter eines einfachen württembergischen Beamten."

    Weder der erste noch der zweite Satz sind an sich ganz falsch, haben aber miteinander gar nichts zu tun. Der Staats- oder Militärdienst stand ihm durchaus offen; er verweigerte sich ihm aber und wollte lieber studieren.

    2.) "...in die Verbannung, weil er an einer Feier teilgenommen hatte, auf der ein Schmählied auf den Zaren gesungen worden war."

    Auch falsch. Das Absurde an dem Urteil war ja gerade, daß die Kommission festgestellt hatte, daß Herzen an besagtem Abend gar nicht anwesend war, ihn aber trotzdem deswegen verurteilte.

    3.) "Während seiner zweiten Verbannung..."

    Es gab keine "zweite Verbannung", nur der Verbannungsort wechselte. (Wjatka - Wladimir)

    4.) "Die Diskussionen und die Beschreibung von 1848...
    Herzen bewahrte sich davor, in Sektierertum oder menschenverachtende Ansichten zu verfallen, wie z. B. sein Freund Michail Bakunin..."

    Herzen 1848: "Es wird viele Hinrichtungen geben; man wird zum Opfer bringen müssen, was einem lieb und teuer ist – zu opfern, was man haßt, ist keine Kunst. [...] Und wirklich, wer verdient denn Gnade? Alle Elemente des zusammenbrechenden Baues zeigen sich in all ihrer kläglichen Unsinnigkeit, in ihrem ganzen widerwärtigen Wahnwitz.
    [...]
    Was wird aus diesem Blut hervorgehen? ... Wer weiß es – aber was es auch sein wird, es genügt, daß in diesem entfesselten Taumel von Tollwut, Rache, Zwist, Vergeltung eine Welt zugrunde geht, die den neuen Menschen beengt, ihn hindert zu leben und den Eintritt der Zukunft behindert – und das ist sehr gut, und deshalb: Es lebe das Chaos und die Zerstörung!
    Vive la mort!
    Und auf den Sieg des Kommenden!"
    (Briefe aus dem Westen, S. 171ff)

    5.) "Schade, dass Erlebtes und Gedachtes , wie alles andere von Herzen, auf Deutsch nur noch antiquarisch vorliegt. Die wunderbare dreibändige Ausgabe des Aufbau Verlags erschien nur ein einziges Mal, Anfang der sechziger Jahre."

    Dumm nur, daß die dreibändige Ausgabe des Aufbau-Verlags "Mein Leben. Memoiren und Reflexionen" heißt, während es sich bei "Erlebtes und Gedachtes" um die stark gekürzte einbändige Ausgabe von z.B. Reclam Leipzig handelt. Der Autor hat beide offensichtlich nie in der Hand gehabt - schreibt aber munter drauf los. Beeindruckende Leistung!

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