ZEIT online: Trotz starker Bedenken von Rechtswissenschaftlern hat der Bundestag beschlossen, dass auch für jugendliche Straftäter in Zukunft in bestimmten Fällen nachträgliche Sicherungsverwahrung angeordnet werden darf. Das heißt, genauso wie Erwachsene dürfen sie in Haft gehalten werden, solange sie eine Gefahr darstellen. Welche Probleme sehen Sie in dem Gesetz?

Arthur Kreuzer: Es sind die gleichen wie bei der nachträglichen Sicherungsverwahrung für Erwachsene: Das Gesetz verstößt gegen den Grundsatz, dass niemand rückwirkend oder für die gleiche Tat zweimal verurteilt werden darf. Ein Gerichtsurteil darf nicht nachträglich korrigiert werden. Aber genau das passiert bei der nachträglichen Sicherungsverwahrung. Sie wird nicht schon im Urteil angeordnet oder beantragt, sondern erst am Ende der Haft.

Außerdem wird gar nicht die tatsächliche Gefährlichkeit eines Täters überprüft, sondern durch den „stillen gesetzlichen Vorbehalt“ abstrakt nach der Art seiner Tat und der Höhe der Strafe entschieden ...

ZEIT online: Voraussetzung sind schwere Straftaten und eine Verurteilung zu mindestens sieben Jahren Haft.

Kreuzer: Ja. Es werden dadurch Tausende Gefangene gesetzlich erfasst und im Strafvollzug so behandelt, als könne später Sicherungsverwahrung einsetzen. Tatsächlich gelangt aber nur eine Handvoll wirklich nach der Strafe in die Verwahrung.

ZEIT online: Was bedeutet das für die Gefangenen?

Kreuzer: Die Inhaftierten wissen selbst oft gar nicht, dass ihnen vielleicht eine Sicherungsverwahrung droht – es wird einfach ein Vermerk auf ihrer Akte gemacht, dass die „formellen Voraussetzungen“ für eine Verwahrung vorliegen. In der Haft kann eine solche Drohung als Disziplinierungsmittel eingesetzt werden. Die Gefangenen werden erpressbar.

ZEIT online: Welche Probleme gibt es speziell bei der Ausweitung des Gesetzes auf Jugendliche?

Kreuzer: Vor allem bei jugendlichen Ersttätern ist es außerordentlich schwierig, drohende Rückfälligkeit vorauszusagen. Manche Jugendliche gelten als gefährlich, verhalten sich aber mit 25 oder 30 Jahren wieder ganz normal. Aber eine Haft hinterlässt bei ihnen viel tiefere Spuren als bei Erwachsenen. Die Entwicklung wird gestört. Kommt dazu auch noch die ständige Unsicherheit einer drohenden Sicherungsverwahrung, verstärkt das den psychischen Druck. Und ein Vermerk auf der Akte kann dazu führen, dass jemand nicht in sozialtherapeutische Maßnahmen entlassen wird oder dass ihm jedwede Lockerungen versagt werden.