Videospiele Dreh die Playstation auf!
Vom Gameboy-Piepen bis zur Computer-Sinfonie: Aus dem Hintergrundgedudel ist eine neue musikalische Kunstform erwachsen.
Niko Bellic fährt in seinem Auto durch Liberty City, er hat die Qual der Wahl: Für welchen Radiosender soll er sich heute entscheiden? Gleich 19 Wellen stehen ihm zur Verfügung. Auf
Fusion FM
spielt Roy Ayers Funk und Jazz-Klassiker, auf
The Classics 104.1
mixt sich DJ Premier durch HipHop der alten Schule.
Liberty Rock Radio
spielt Lieder von Queen, REM, David Bowie und den Smashing Pumpkins, moderiert wird die Sendung von Iggy Pop. Und nur ein paar Stationen weiter könnte Bellic der Schauspielerin Juliette Lewis und Karl Lagerfeld zuhören, wie sie ihre Lieblingsstücke auflegen.
Was nach einer paradiesischen Radiolandschaft klingt, ist nur in der virtuellen Welt zu hören. In der Realität gibt es all diese Sender nicht. Wie Niko Bellic und Liberty City sind sie ein Teil von Grand Theft Auto (GTA) , einem der erfolgreichsten Videospiele aller Zeiten, das gerade in seiner vierten Version erschienen ist.
Die Abenteuer des Autodiebs werden begleitet von einem Soundtrack aus mehr als 200 Musiktiteln nahezu aller Genres: Von Busta Rhymes über Goldfrapp bis hin zu Miles Davis und den Bad Brains – sie alle sind in
Grand Theft Auto
zu hören. Hinzu kommen eigens für das Spiel konzipierte Stücke, die je nach Umgebung und Aktion erklingen.
In Videospielen wie
GTA
oder
Need For Speed
ist Musik längst mehr als bloße Kulisse, sie gehört zur Lebenswelt der Charaktere. Und sie kann interaktiv vom Spieler gesteuert werden. Im Internet stehen sämtliche Musikstücke des Spiels als Download zur Verfügung. Die größten Hits sind auch auf CD zu haben. Die Zeiten der endlosen Klangschleifen und fiepsenden Melodien sind vorbei.
Während Videospielmusik in den siebziger Jahren vor allem aus monofonen Tönen bestand – wie in
Pac Man
oder
Pole Position
zu hören –, stieg mit der Software-Entwicklung bald der Anspruch an die musikalische Untermalung. »Die frühen Spielemusiken stammen selten aus der Feder professioneller Komponisten«, sagt der Informatiker Axel Berndt, der in Magdeburg die Vertonung interaktiver Medien erforscht. »Es waren die Programmierer, die sich von ihren eigenen Hörerfahrungen und Musikvorlieben inspirieren ließen.«
Mit der Nintendo-Konsole und dem Commodore 64 tat der Klang große Sprünge, auch weil viele professionelle Musiker Spaß am Videospielen fanden. Bereits in den späten achtziger Jahren hatten sich unter den Computerspielmusiken erste Klassiker etabliert: Die Klangwelten von
Super Mario Bros.
,
The Legend Of Zelda
,
Final Fantasy
und
Turbo OutRun
gelten bis heute als stilprägend. Komponisten wie Koji Kondo, Hiroshi Miyauchi und Rob Hubbard nutzten alle technischen Möglichkeiten der Konsolen und schufen Musik mit cleverer Melodieführung und symphonischer Struktur.
In seinem Straßenschiff kann sich der Spielganove Niko Bellic durch 19 verschiedene Radiosender schalten
Im Laufe der Jahre verbesserten sich die Klangmöglichkeiten der Heimcomputer weiter. Der Commodore Amiga war bereits in der Lage, kurze Samples von Soundchips abzurufen und in Echtzeit wiederzugeben. Die Spielekomponisten mussten dennoch einfallsreich sein: Mehrstimmige Akkorde waren kaum möglich, denn mehr als drei Tonkanäle ließen sich nicht abspielen. Diese Stimmenknappheit führte zu einem ganz eigenständigen Klangbild. Der Chiptune-Sound des C 64 prägte eine ganze Generation von Computerspielen: Heute gilt der charakteristische Klang als Markenzeichen der Videospieleära.
Die limitierten Ausdrucksmöglichkeiten und der unverwechselbare Klang der 8Bit-Computer faszinieren noch heute viele Künstler. So versuchen Musiker und Bands wie Mikron 64, 8bitpeoples oder Nintendude, Heimcomputerästhetik mit gängigen Popstrukturen zu verbinden. Bitpop-Songs klingen wie Musik zu einem Computerspiel, das es nie gegeben hat. Die Reduktion auf die einfachsten Elemente macht diese Lieder so charmant.
Besonders unter Nostalgikern und Technikliebhabern erfreuen sich die Popstückchen großer Beliebtheit. »Die stark synthetischen Klänge wurden früher als technische Unzulänglichkeit belächelt oder gar kritisiert«, sagt der Medienforscher Axel Berndt. »Heute haben sie eine Reizwirkung und werden bewusst als technisch erzeugte Klänge wahrgenommen. Die Qualität dieser Klänge weckt eine historische Assoziation zu den Pionieren der Unterhaltungssoftware.« Die billigen Melodien aus Atari und C 64 erinnern an eine Jugend in den achtziger Jahren und verzockte Nächte vor dem Fernseher.
Heute ist Computerspielmusik ein Kulturgut: Auf der
Leipziger Games Convention
, Europas größter Messe für Computerspiele, besuchen jährlich rund 2000 Zuschauer das symphonische Spielemusikkonzert im Gewandhaus. Dort spielt das FILMharmonic Orchestra aus Prag Stücke aus bekannten Spielen wie
The Sims
,
Sonic The Hedgehog
und
World Of Warcraft
. In diesem Jahr ist der Spielekomponist Tommy Tallarico für das Programm verantwortlich. »Musik für Videospiele ist künstlerisch und kulturell ebenso wertvoll wie jede Filmmusik oder klassische Komposition«, sagt er. »Die jungen Leute haben das begriffen, und mit dem Spielemusikkonzert wollen wir das auch anderen beweisen.«
In Castlevania wüten die Vampire
Seitdem Computerspiele auf CD-ROM erscheinen, können nicht nur die Grafiken und Erzählstrategien, sondern auch das Sound-Design komplexer sein, denn die Silberscheiben speichern mehr Daten. Das Videospiel nähert sich dem interaktiven Kinofilm. Die Musik zu
Castlevania: Symphony Of The Night
(1997) war seinerzeit kaum von aktuellen Hollywood-Soundtracks zu unterscheiden.
Die Industrial-Rocker Nine Inch Nails
Das Videospielfeld ist nicht nur für Exklusivkomponisten lukrativ, auch freie Popmusiker haben hier einen neuen Absatzmarkt entdeckt. Ohne sich in die Finessen der Programmiersprache und des Spiele-Designs einarbeiten zu müssen, können Künstler einfach ihre Lieder lizenzieren. So stammt die Musik zum Kampfspiel
Way Of The Warrior
von der Metal-Band White Zombie, während Trent Reznor von Nine Inch Nails die Klangeffekte und Musik zur erfolgreichen Ego-Shooter-Serie
Quake
produzierte.
Die Verbindung von Computerspielen und Popmusik erscheint nur allzu logisch und Erfolg versprechend. Besonders Sportspiele kommen heute nicht mehr ohne die Unterstützung von Pop- und Rockmusik aus. Das Stück
Song 2
von der englischen Band Blur war ein Hit in den Charts, größere Bekanntheit erreicht es aber durch das Videofußballspiel
FIFA '98
. Erfolgreiche Titel wie
Tony Hawk's Proving Ground
, die Snowboard-Simulation
SSX
oder die Rennspielserie
Gran Tourismo
enthalten aktuelle Popstücke, darunter exklusive Versionen einzelner Lieder.
Während sich die CD-Verkaufszahlen im freien Fall befinden, boomt der Absatz von Videospielen. Allein die amerikanische Videospielindustrie setzte 2007 rund 19 Milliarden Dollar um. Davon kann die Musikbranche derzeit nur träumen. Deshalb versuchen die Marketingstrategen, ihre Künstler in der virtuellen Welt zu präsentieren. Das Spiel
Madden NFL
enthält knapp 30 Musikszenen. Die Programmierer konnten aus 5000 Stücken wählen, die ihnen willige Musiker zugesandt hatten.
Wer solch einen Zuschlag bekommt, kann sich freuen: Mit einem für ein Computerspiel lizenzierten Stück verdienen Künstler etwa soviel wie in der Film- und Fernsehbranche. Darüber hinaus erreichen sie eine junge Zielgruppe, die sich den Besuch im Plattenladen längst abgewöhnt hat. Wer Teil eines Action-Shooter-Spiels ist, gilt als cool. Und wenn die Kasse klingelt, stört es auch keinen mehr, ob zu seiner Musik Menschen zerschossen, Autos verbeult oder Regierungen gestürzt werden. Die meisten Künstler spielen gerne mit.
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- Datum 26.06.2008 - 09:37 Uhr
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Obschon ich dem Autor in allen Punkten rechtgebe, möchte ich an dieser Stelle ein paar weitere Titel nicht unerwähnt lassen, die in diesem Zusammenhang genannt werden müssen: Die Soundtracks von Unreal (1998), Deus Ex (2000) und Morrwind (2003) sowie die lizensierten Punksongs in FlatOut2 (2006) gehören bis Dato zu den Besten überhaupt und sind Meilensteinen wie Zelda oder der GTA-Serie mindestens ebenbürtig.
Zum Thema: Sir Alec Empires Spaß-Album "We punk Einheit" unter dem Label "Nintendo Teenage Robots" von 99:
http://en.wikipedia.org/wiki/We_Punk_Einheit!
--
der geist in der maschine
Interessante Idee. Zur Zeit reagiert man ja ein wenig allergisch auf Töne bestimmter Computerspiele, umso besser ihr mit Witz und Ironie zu begegnen.
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