Schulverweigerer Schule im Wohnzimmer
In Hessen muss ein christliches Elternpaar ins Gefängnis, weil es die Kinder zuhause unterrichtete. Doch Schulverweigerer sind längst nicht immer religiös motiviert

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Sie weigerten sich standhaft, ihre Kinder in die Schule zu schicken: In Hessen muss ein Ehepaar deshalb nun drei Monate ins Gefängnis. Die Eltern, ein Journalist und eine Musiklehrerin, waren zuvor bereits zu einer Geldstrafe verurteilt worden. Argument des christlichen Paares: der Lehrstoff in öffentlichen Schulen sei nicht mit ihrem Weltbild vereinbar. Nur zu Hause könne man die Kinder „in Furcht vor Gott“ erziehen.
In Deutschland gibt es immer wieder Fälle von Schulverweigerern, die auch überregional Aufmerksamkeit erlangen. Meist vertreten die Eltern christlich-fundamentalistische Werte. Sie fürchten, Ethikunterricht und Sexualkunde könnten ihre Kinder vom Glauben wegführen.
Doch nicht immer ist die Motivation eine religiöse. „Durch den Unterricht zu Hause wollen manche Familien ihre Kinder beschützen, zum Beispiel wenn diese behindert oder einfach sehr sensibel sind“, erklärt Volker Ladenthin, Bildungsforscher an der Uni Bonn. „Andere Eltern sind einfach unzufrieden mit dem Schulsystem, wieder andere wollen eine eigene Familienkultur leben und ihre Kinder erst möglichst spät in die staatlichen Institutionen geben.“
Ladenthin weiß von 300 Familien in Deutschland, die ihre Kinder zu Hause unterrichten, die Dunkelziffer schätzt er auf 1000. Er befürwortet den Unterricht im elterlichen Wohnzimmer. Unter seinen Fachkollegen steht er damit ziemlich allein.
Schulforscherin Bettina Hannover von der Freien Universität Berlin beispielsweise sieht den Unterricht zu Hause kritisch. Sie sagt: „Die Eltern enthalten ihren Kindern wichtige Erfahrungen vor, durch die sie in die Gesellschaft hineinsozialisiert werden. Indem sie den Kindern untersagen, sich in die Gesellschaft zu integrieren, werden ihre Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben dramatisch reduziert.“
Der Verein „Schulbildung in Familieninitiative“ unterstützt Eltern, die ihre Kinder zu Hause unterrichten wollen. Gründer Jan Edel sagt: „Deutschland ist das einzige Land der Europäischen Union, in dem Unterricht zu Hause nicht als Alternative zum regulären Schulbesuch erlaubt ist. Der staatliche Schulzwang ist einfach peinlich.“ Der Diplom-Ingenieur hat seine eigenen und weitere Kinder selbst unterrichtet. Mehrere Eltern teilten sich die Aufgabe. Es sei eine rein pädagogische Entscheidung gewesen. „Einige der Kinder konnten schon lesen und schreiben, als sie eingeschult werden sollten. Da haben wir uns gefragt, was die ganze Veranstaltung eigentlich soll.“
- Datum 02.04.2009 - 15:15 Uhr
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