Börse Die Rezession fällt nicht aus
An der Börse erholen sich die Kurse leicht und manche Auguren hoffen schon, die USA hätten ihre Wirtschaftsschwäche überwunden. Doch so weit ist es längst noch nicht
"Jetzt ist es endlich klar, die Rezession in den USA fällt aus". So und ähnlich lauteten die Meldungen, die in den vergangenen Tagen zu lesen waren. Die Marktteilnehmer werden wieder mutiger, sie machen sich sogar schon darüber Gedanken, wann der Konjunkturaufschwung einsetzt.
Woran erkennt man eigentlich, dass eine Rezession beginnt oder endet? Die am häufigsten benutzte Definition sagt: Zwei Quartale negativen Wachstums machen eine Rezession. Eine Faustregel, die in der Praxis schwer anzuwenden ist. Denn die Daten über Wachstum und Bruttosozialprodukt (BIP) werden nachträglich noch sehr lange revidiert.
Beispiel 2001: Als damals die Rezession offiziell verkündet wurde, war das BIP nur in einem Quartal gesunken. Dann kamen die rechnerischen Revisionen, und auf einmal waren es - wie aus dem Lehrbuch - zwei Quartale, in denen die Wirtschaftsaktivität gesunken war.
Diese Rechnung ist übrigens auch schon wieder obsolet. Denn weitere Revisionen haben das Bild inzwischen wieder geändert.
Aus diesem Grund gibt es in den USA das sogenannte Business Cycle Dating Committee . Es hat die Aufgabe, Beginn und Ende einer Rezession zu bestimmen. Dazu beziehen sich die darin vertretenen Ökonomen auf die sogenannten drei Ds: Duration, Depth und Diffusion .
Um die Duration zu bestimmen, also die Dauer einer konjunkturellen Schwächephase, muss der Rückgang über einen längeren Zeitraum hinweg beobachtet werden, also mindestens zwei bis drei Quartale lang.
Depth bezieht sich auf die Intensität des Rückgangs. Eine kleine Konjunkturschwäche qualifiziert sich kaum für den Titel Rezession. Es muss schon eine ausgewachsene Schwäche sein mit tiefgreifenden Folgen, damit eine solche Krise ausgerufen wird.
Unter Diffusion ist zu verstehen, dass die Wachstumsschwäche in vielen Bereichen der Volkswirtschaft zu beobachten ist. Sonderfaktoren in einzelnen Sektoren alleine reichen nicht aus, um eine Rezession auszurufen.
Diese drei Bedingungen überprüft das Komitee mit Hilfe von monatlich erscheinenden Konjunkturindikatoren. Am wichtigsten sind die Beschäftigungssituation außerhalb der Landwirtschaft, die Industrieproduktion, die Einkommenssituation sowie die Umsätze im Groß- und Einzelhandel.
Entschieden wird auf Basis des Gesamtbildes. Um zu verhindern, dass das Bild nachträglich noch stark revidiert wird, warten die Mitglieder des Komitees immer mehrere Monate, bevor sie zu einer Entscheidung kommen.
Diesmal ist davon auszugehen, dass die Bekanntgabe des Rezessionsbeginns frühestens im Dezember kommt, schließlich findet im November die Präsidentschaftswahl statt, die wohl nicht in ihrer heißen Phase durch quasi-offizielle Rezessionsankündigungen beeinflusst werden soll.
Das ist aber auch gar nicht notwendig. Zum einen reicht ein Blick auf die aktuellen Daten, um zu sehen, dass die amerikanische Wirtschaft sich trotz der vorübergehenden Verbesserung der vergangenen Wochen immer noch auf Rezessionsniveau befindet.
Zum anderen gibt es einen vorlaufenden Konjunkturindikator, der bisher noch keine Anzeichen auf eine Trendwende liefert: den Aktienmarkt.
Der Aktienmarkt dreht in der Regel immer drei bis sechs Monate vor der Konjunktur. Das sah man im vergangenen Jahr, als die Kurse anfingen zu sinken. Bisher geben sie noch keine Hinweise, dass der Boden des Rückgangs gefunden wurde. Der Kursverfall ist außerdem inzwischen so heftig, dass er und der Einbruch am Immobilienmarkt als Signal für eine Rezession ausreichen.
Da die Hoffnungen für die Konjunktur dennoch schon wieder recht optimistisch geworden sind, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es negative Überraschungen geben wird; spätestens, wenn weitere Indikatoren veröffentlicht werden. Das wird die Märkte wieder belasten.
Kein Grund zur Freude also. Die Konjunktur in den USA ist weiterhin auf Talfahrt und die Aktienmärkte werden mitlaufen. Die Trendwende bei den Aktien kommt schon noch und einige Zeit später dann auch die konjunkturelle Wende. Aber beide lassen noch auf sich warten.
Conrad Mattern ist Vorstand der Conquest Investment Advisory AG und Lehrbeauftragter an der Ludwig-Maximilians-Universität, München.
- Datum 23.06.2008 - 03:42 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle ZEIT online
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren