Wie lange noch wird er unsere Geduld missbrauchen? So könnte man in Abwandlung eines berühmten lateinischen Zitats fragen. Er – das ist der Mörder des 11-jährigen Jakob von Mätzler: Magnus Gäfgen. Wir  – das sind die Öffentlichkeit und vor allem die Angehörigen des Opfers.

Der Rechtsstaat und Gäfgens Anwalt Michael Heuchemer machten diesen schier endlosen, offenkundig aber aussichtslosen Versuch der juristischen und moralischen Rehabilitation eines grausamen Kindesmörders möglich. Wir mussten ihn hinnehmen. Freilich strafte er die vom Täter oft und pathetisch beschworene Reue Lügen. Aus Reue auch will er im Gericht sein von Polizisten vorher unter Androhung von Gewalt erpresstes Geständnis freiwillig wiederholt haben. Nun wechselte er die Strategie und berief sich darauf, er habe lediglich gestanden, weil die aus dem erpressten Geständnis abgeleiteten Beweismittel sowieso unzulässig gegen ihn verwendet worden wären.  Wer mag ihm da reuige Einsicht noch abnehmen?

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte jedenfalls hat die juristischen Klimmzüge durchschaut. Wohltuend deutlich hat er Gäfgens  Menschenrechtsbeschwerde abgewiesen. Erfreulich klar hat das Gericht  festgestellt, dass eine bei uns zunehmend von Staats- und Strafrechtlern diskutierte "Rettungsfolter", eine Relativierung des absoluten Verbots jeder Folter oder sonst unmenschlichen Behandlung durch den Staat menschenrechtswidrig ist.

Die Androhung erheblicher Schmerzen, falls sich der Verdächtigte Gäfgen weiter weigere, den Aufenthaltsort seines entführten Opfers anzugeben, war verbotene Folterandrohung, unmenschliche Behandlung, ein Verstoß gegen Artikel 3 der Europäischen Menschenrechtskonvention. Aber die deutschen Gerichte – das Landgericht Frankfurt, der Bundesgerichtshof und das Bundesverfassungsgericht – haben das zutreffend so gewürdigt.

Zu Recht haben sie die vom Angeklagten freiwillig wiederholten geständigen Angaben verwertet. Der Fehler ist geheilt. Das Geständnis wäre nicht verwertet worden, hätte Gäfgen es nicht – gerichtlich und anwaltlich eingehend belehrt – aus freien Stücken wiederholt. Die beteiligten Polizeibeamten sind strafrechtlich zur Verantwortung gezogen worden, wenn auch äußerst milde. Dem Täter ist hinreichend Genugtuung widerfahren. Das Verfahren gegen ihn war deswegen auch fair im Sinne des Artikels 6 der europäischen Konvention. Deutschland hat die Menschenrechte in der Causa Gäfgen nicht verletzt.

Die Straßburger Entscheidung hat nunmehr vier bemerkenswerte Klärungen gebracht, mag auch die unendliche Geschichte weitergesponnen werden:

Erstens ist Harmonie zwischen Bundesverfassungsgericht und Europäischem Menschenrechtsgerichtshof hergestellt: Einhellig wird das Folterverbot als absolut erachtet, jeglicher Aufweichung unzugänglich. Das gibt nötige Rechtssicherheit.

Zweitens ist Gäfgen der Weg endgültig verbaut, in einem Wiederaufnahmeverfahren freigesprochen oder milder verurteilt zu werden.