Europa Der Sarkozy-Faktor
Frankreichs EU-Ratspräsidentschaft beginnt am 1. Juli – und Paris hat sich dafür viel vorgenommen. In Berlin hofft man, dass Sarkozys Unberechenbarkeit die Rettung des EU-Vertrags nicht erschwert

© AFP/Getty Images
Frankreich übernimmt mit seinem Präsidenten Nicolas Sarkozy am 1. Juli die EU-Ratspräsidentschaft
Man hatte sie in Paris sorgfältig vorbereitet, die EU-Ratspräsidentschaft. Vier Hauptthemen sollten auf der Agenda landen: Energie- und Klimapolitik, illegale Immigration, europäische Verteidigung und Landwirtschaft. Inzwischen hatte sich aber das Nein der Iren dazugesellt – und die feine Planung durcheinandergebracht.
Nun erwarten die EU-Länder, dass Paris zwar seine ursprünglichen Ziele erreicht, vor allem aber den Lissabon-Vertrag rettet. Diese Herausforderung sollte dem ehrgeizigen französischen Präsident zwar nicht unangenehm sein, sie benötigt aber diplomatisches Fingerspitzengefühl. „Man wünscht sich aus deutscher Sicht, dass Frankreich kluges Konfliktmanagement mit einer gewissen Zurückhaltung betreiben wird“, sagt Martin Koopmann von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik.
Es geht tatsächlich nicht nur darum, die ungehorsamen Iren wieder auf den richtigen Weg zu bringen, sondern gleichzeitig dafür zu sorgen, dass Tschechien nicht der Versuchung eines Neins erliegt. Sarkozy hatte bereits Prag auf indirekte Weise gewarnt, als er verkündete, dass es ohne Lissabon-Vertrag keine weitere Erweiterung geben würde – wohlwissend, dass gerade die Osteuropäischen Staaten sich für künftige Erweiterungen einsetzen. „Das darf aber nicht zu weit gehen, um nicht den Eindruck zu erwecken, dass Frankreich gemeinsam mit Deutschland erneut Druck auf neue Mitglieder ausüben würde. Das Trauma der Chirac-Schröder-Zeit darf auf keinen Fall wiederbelebt werden“, sagt Koopmann. Und der Grund für möglichen Druck könnte jetzt noch größer werden, denn auch Polens Präsident Lech Kaczyński will den EU-Vertrag nicht ratifizieren. Ausgerechnet Kaczyński verweigert sich nun, dessen besondere Forderungen seinerzeit extra in den Vertrag von Lissabon aufgenommen wurden.
In Berlin besteht die Befürchtung, dass der französische Präsident die nötige diplomatische Vorsicht nicht haben könnte. „Den Ruf eines ehrlichen Vertreters von Europas Interessen muss Sarkozy sich erst noch verdienen“, sagt Matthias Chardon vom Centum für angewandte Politikforschung in München. Die Art und Weise, wie Sarkozys Berater Henri Guaino das Projekt Mittelmeerunion ursprünglich ankündigte, bleibt in Erinnerung. Die französische Diplomatie war in diesem Fall bestürzt über die Herangehensweise des Präsidenten. Im Quai d’Orsay weiß man schon immer, was im Elysée-Palast offenbar ignoriert wurde: Frankreich kann sich den Widerstand Berlins nicht leisten, ohne Europa in Gefahr zu bringen.
Sarkozy scheint von dem Clash mit der Kanzlerin gelernt zu haben. Seit Monaten bemüht sich Frankreich, den Verdacht der Arroganz zu beseitigen und fürsorgliche Signale nach Brüssel zu senden. So wurde der Staatssekretär für europäische Angelegenheiten Jean-Pierre Jouyet auf jeder Plenarsitzung des EU-Parlaments gesehen. Der französische Präsident empfing seinerseits alle Vorsitzenden der verschiedenen europäischen Parteien, einen nach dem anderen – eine Premiere. Dennoch: Den Sarkozy-Faktor unterschätzt man nicht. „Es bleibt ein letztes Element der Unberechenbarkeit, und das ist in Berlin allen klar“, sagt Daniela Schwarzer von der Stiftung Wissenschaft und Politik.
Zwar wird die EU-Vertragsfrage Frankreichs Präsidentschaft prominent begleiten, Paris hatte aber bereits angekündigt, an den vier Hauptthemen seiner Agenda festhalten zu wollen. Als wichtigste Aufgabe hat sich die französische Präsidentschaft das Klima-Energie-Paket vorgenommen. Der Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxyd soll bis 2020 um 20 Prozent im Vergleich zu 1990 senken.
- Datum 02.07.2008 - 18:29 Uhr
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"Nun scheint es möglich, dass Deutschland bis Ende des Jahres den Ratifizierungsprozess nicht abschließen wird."Da "scheint" sogar noch mehr möglich zu sein, daß nämlich das Verfassungsgericht die verfassungswidrigen Elemente des Lissaboner Vertragsentwurfs nicht akzeptieren wird.Wäre gespannt, wie man dann nach den angeblich strohdummen Iren unsere Verfassungsrichter "auf den richtigen Weg" zurückzwingen wird.
Interessant wird es in jedem Fall. Jetzt, nachdem Köhler seine Unterschrift vorläufig verweigert, Tschechien ebenfalls noch auf einen Entscheid wartet, und zu guter Letzt auch noch Polen mit Kaczyński's Verweigerung der Unterschrift in die Schlagzeilen kommt.Die Iren sind somit garnicht so alleine mit ihrer Haltung. Ich will nicht wissen, wo der Reformvertrag heute schon wäre, wenn in allen Ländern durch Volksentscheide abgestimmt worden wäre (vermutlich in der Mülltonne der Geschichte).Anders, als beim deutschen Rumgemerkel vor 18 Monaten besteht aber heute die Hoffnung, daß, auch oder gerade wegen Sarkos undiplomatischen Verhaltens, endlich die Punkte benannt werden, die die Menschen umtreibt. Obs einem nun gefällt, oder nicht. So, wie es momentan aussieht, scheint der Vertrag jedoch in der Hitze des Gefechts so langsam zu verdunsten.
Es wäre toll, nicht nur hier in diesem Forum, wenn wir alle stärker zwischen Meinungen und Fakten differenzieren könnten.
Ob der Vertrag verfassungswidrige Elemente enthält, entscheidet immer noch das Bundesverfassungsgericht, nicht wir, nicht Sie 'Azenion' und auch nicht unser noch so gesunder Menschenverstand. Ich denke, diese Materie ist weitaus komplexer, als wir gemeinhin gerne denken! Insofern sind Aussagen wie die 'verfassungswidrigen Elemente des Lissaboner Vertragsentwurfs' lediglich eine persönliche Meinung und kein Fakt.
Und des weiteren möchte ich hoffen, dass wir nicht ernsthaft glauben, dass 'Jemand' die Verfassungsrichter auf den 'richtigen Weg' zu zwingen gedenkt. Wir leben weder im III.Reich noch in Simbabwe.
Davon abgesehen, würde ich es in der Tat auch sehr begrüßen, wenn über die Inhalte dieses Vertrages tatsächlich mal öffentlich debattiert wird. Denn derzeit weiß doch kaum jemand, worüber hier eigentlich so positiv oder negativ gedacht wird. Insbesondere erhoffe ich mir dann, dass der eine oder andere mit offenkundig bereits sehr gefestigter Meinung, mal reflektiert, dass Europa etwas mehr ist als das, was wir im eigenen Geldbeutel messen können, oder sich in einem möglichen Türkeibeitritt manifestiert.
Man hört heute ja u.a. sehr gerne, dass dbzgl. basisdemokratische Entscheidungen gewünscht sind. Gut, nur sind sich hoffentlich auch alle im klaren, dass Basisdemokratie keineswegs nur Positives erwarten läßt. Hätte es bisher bereits solche Abstimmungen gegeben, dann möchte ich starke Zweifel äußern, ob auch nur ein einziges osteuropäisches Land in die EU aufgenommen worden wäre. Man denke darüber bitte nach, bevor wir Verträge annehmen oder verwerfen! Zu diesem Nachdenken gehört auch, dass sich der Einzelne mal Gedanken dazu macht, was denn Europa für ihn bedeutet, und wie dieses ohne EU aussehen würde.
Der kommerzielle Kommentar von Alain X. Wurst, der übrigens unredlicherweise nicht als Kommentar gekennzeichnet ist, enthält an zentralen Punkten Meinungsäußerungen ("ungehorsame" Iren wieder auf den "richtigen Weg" bringen, Köhlers Skrupel und die Ratifizierungsverzögerung "ein wenig betrüblich" und "schlimm"), so daß dem sicher eine andere Meinung entgegengesetzt werden darf.Zu sachlichen Debatten einzelner Punkte ist das Zeit-Forum nicht der richtige Ort, da es keine Thread-Struktur hat. Das zufällige Nacheinander von Beiträgen zu völlig verschiedenen Einzelpunkten würde insgesamt unlesbar werden. (Besser: Das Heise-Forum.)Hier im Zeit-Forum kann es eher darum gehen, mehr oder weniger wohlfundierte Meinungen zu den betreffenden Artikeln auszutauschen, ohne alles ausdiskutieren zu können.Was Anhänger des Vertrages von Lissabon oft nicht begreifen, ist, daß auch leidenschaftliche Anhänger der EU (wie z.B. ich) dagegen sein können.Im Gegenteil: Wollte ich, daß die EU möglichst rasch auseinanderfliegt, dann würde ich begeistert dafür stimmen (sollte ich eine Stimme haben). Denn alles was die EU unsozialer, undemokratischer und verhaßter macht, wird ihr Ende beschleunigen, ebenso wie unmäßige Erweiterungen um Länder, von denen niemand demokratisch mitregiert werden will.
Der kommerzielle Kommentar von Alain X. Wurst, der übrigens unredlicherweise nicht als Kommentar gekennzeichnet ist, enthält an zentralen Punkten Meinungsäußerungen ("ungehorsame" Iren wieder auf den "richtigen Weg" bringen, Köhlers Skrupel und die Ratifizierungsverzögerung "ein wenig betrüblich" und "schlimm"), so daß dem sicher eine andere Meinung entgegengesetzt werden darf.Zu sachlichen Debatten einzelner Punkte ist das Zeit-Forum nicht der richtige Ort, da es keine Thread-Struktur hat. Das zufällige Nacheinander von Beiträgen zu völlig verschiedenen Einzelpunkten würde insgesamt unlesbar werden. (Besser: Das Heise-Forum.)Hier im Zeit-Forum kann es eher darum gehen, mehr oder weniger wohlfundierte Meinungen zu den betreffenden Artikeln auszutauschen, ohne alles ausdiskutieren zu können.Was Anhänger des Vertrages von Lissabon oft nicht begreifen, ist, daß auch leidenschaftliche Anhänger der EU (wie z.B. ich) dagegen sein können.Im Gegenteil: Wollte ich, daß die EU möglichst rasch auseinanderfliegt, dann würde ich begeistert dafür stimmen (sollte ich eine Stimme haben). Denn alles was die EU unsozialer, undemokratischer und verhaßter macht, wird ihr Ende beschleunigen, ebenso wie unmäßige Erweiterungen um Länder, von denen niemand demokratisch mitregiert werden will.
Fakt ist, daß der Lissabonner Vertrag die bisher gültige Einstimmigkeit aushebeln würde. Meine Meinung ist, daß die Aufnahmefreudigkeit einzelner oder auch vieler Länder nicht nur zum Wohle der Gemeinschaft wirken würde.
Der kommerzielle Kommentar von Alain X. Wurst, der übrigens unredlicherweise nicht als Kommentar gekennzeichnet ist, enthält an zentralen Punkten Meinungsäußerungen ("ungehorsame" Iren wieder auf den "richtigen Weg" bringen, Köhlers Skrupel und die Ratifizierungsverzögerung "ein wenig betrüblich" und "schlimm"), so daß dem sicher eine andere Meinung entgegengesetzt werden darf.Zu sachlichen Debatten einzelner Punkte ist das Zeit-Forum nicht der richtige Ort, da es keine Thread-Struktur hat. Das zufällige Nacheinander von Beiträgen zu völlig verschiedenen Einzelpunkten würde insgesamt unlesbar werden. (Besser: Das Heise-Forum.)Hier im Zeit-Forum kann es eher darum gehen, mehr oder weniger wohlfundierte Meinungen zu den betreffenden Artikeln auszutauschen, ohne alles ausdiskutieren zu können.Was Anhänger des Vertrages von Lissabon oft nicht begreifen, ist, daß auch leidenschaftliche Anhänger der EU (wie z.B. ich) dagegen sein können.Im Gegenteil: Wollte ich, daß die EU möglichst rasch auseinanderfliegt, dann würde ich begeistert dafür stimmen (sollte ich eine Stimme haben). Denn alles was die EU unsozialer, undemokratischer und verhaßter macht, wird ihr Ende beschleunigen, ebenso wie unmäßige Erweiterungen um Länder, von denen niemand demokratisch mitregiert werden will.
(Zitat)
"Davon abgesehen, würde ich es in der Tat auch sehr begrüßen, wenn über
die Inhalte dieses Vertrages tatsächlich mal öffentlich debattiert
wird. Denn derzeit weiß doch kaum jemand, worüber hier eigentlich so
positiv oder negativ gedacht wird. Insbesondere erhoffe ich mir
dann, dass der eine oder andere mit offenkundig bereits sehr
gefestigter Meinung, mal reflektiert, dass Europa etwas mehr ist als
das, was wir im eigenen Geldbeutel messen können, oder sich in einem
möglichen Türkeibeitritt manifestiert."
Richtig, es wäre bei kleinem an der Zeit. Inzwischen ist der Vertrag
allerdings bereits von Bundesrat und Bundestag ratifiziert, fehlt
lediglich Köhlers Plazet.
Zeifellos haben Sie einen EU-Vertrag in der Schreibtischlade. Woran mag
es liegen, dass die Debatte hier erst jetzt beginnt? Aber fangen Sie an
damit! Was hindert Sie? Verraten Sie: Wo liegt in Ihren Augen der
Vorteil für uns?
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Die Franzosen haben ihn übrigens frei Haus geliefert bekommen. Trotzdem: Ich bin gespannt auf Ihre Einlassung.
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