Die EM ist vorbei. Tränen, Blut und Schweiß sind geflossen, und viele, viele Fahnen wurden geschwenkt. In ihren guten Momenten (und das war die Mehrzahl) nahm die Fußballeuphorie karnevalesken, fröhlichen Charakter an. So wie Fußball eigentlich ein Spiel ist, so feierten die Fans oft einfach nur mit Spaß an der Sache und ohne Verbitterung, wenn die „eigenen“ Jungs mal nicht so geglänzt hatten.

Doch ist die neue Schwarz-rot-geil-Euphorie immer nur so harmlos, wie unisono in den Medien und von Politikern behauptet wird? Ist der neue deutsche Patriotismus wirklich allerorts nur ein „postpatriotischer Partyotismus“? Die Journalistin und Schriftstellerin Katrin Passig kreierte diesen Begriff nach der WM 2006: „Er ist unscharf definiert, tut niemandem weh und ist weit unter Trinkstärke verdünnt.“

Für die Mehrzahl der Fans mag das zutreffen. Dennoch kann es nicht über eine besorgniserregende Entwicklung hinwegtäuschen: Zwei Jahre nach der WM kann man einer Statistik des Bundesinnenministeriums entnehmen, dass die Gesamtzahl rechtsextrem motivierter Delikte im vorvergangenen Jubeljahr um 14 Prozent auf 18.142 Fälle gestiegen ist - ein neuer Höchststand. Die beiden WM-Monate wiesen Spitzenwerte auf.

Seit 2001 untersucht der Bielefelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer, einer der führenden Gewaltforscher Deutschlands, in einer Langzeitstudie „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“. Der während der Fußball-Weltmeisterschaft entstandene „Party-Patriotismus“ ziehe „keine positiven Effekte nach sich“, meint er. Als Beleg führte er eine Umfrage an, die unmittelbar vor und nach der Fußball-WM durchgeführt wurde. Danach stieg der Anteil derjenigen, die „stolz auf die deutsche Geschichte sind“, sowie derjenigen, die „stolz darauf sind, Deutscher zu sein“. Der Anteil derjenigen, die „stolz auf die Demokratie in Deutschland sind“ sank.

Gegen Gerald Asamoah, den ersten gebürtigen Afrikaner in einer DFB-Auswahl, der 2006 Teil des deutschen WM-Aufgebots war, zettelte die NPD damals eine Hetzkampagne an. Unter anderem veröffentlichte sie einen WM-Planer mit dem Titel "Weiß - nicht nur eine Trikotfarbe - Für eine echte NATIONAL-Mannschaft".

Für die Wochen der EM liegen noch keine Zahlen rechtsextremer Gewalttaten vor. Doch die Berichte über die Krawalle in Dresden, Leipzig und Chemnitz nach dem Schlusspfiff des für Deutschland siegreichen Spiels gegen die Türkei gingen durch die Presse – wenn auch nur kurz, um die allgemeine Euphorie nicht zu stören. Indymedia bemerkt dazu: „Beachtenswert war außerdem, dass sich die feiernde und breite Masse von den Ereignissen wenig beeindruckt zeigte und weiterhin Deutschlandfahnen schwenkte, während Nazis nebenan den türkischen Imbiss ausräumten.“

Manchmal, wie beim Spiel Deutschland-Kroatien, hörte man Sprüche, die an die Rede vom „slawische Untermenschen“ denken ließen. Als der flinke Mittelfeldspieler Luca Modric am Ball war, wurde neben mir gebrüllt: „Wie sieht der denn aus? Scheißhässliche Kroaten“ – und das mitten im schicken Berlin-Mitte, ein paar Meter vom Bundestag entfernt.